I. D es Florindo Schreiben an seinen vertrau- testen Fillidor

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Christian Weise: I. D es Florindo Schreiben an seinen vertrau- testen Fillidor (1701)

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Mein bruder lebst du noch/ wie daß du mir nicht schreibst
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Uñ noch zum wenigsten mein freund in briefen bleibst?
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Ich sitze fast ein jahr nun wieder bey den Linden/
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Und lasse mich die lust zu schönen künsten binden/
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Doch hab ich keinen brief von deiner hand gesehn/
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Und gleichwol könte mir kein grösser dienst geschehn.
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Denn solt ich diesen nicht von reinem hertzen lieben/
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Dem ich aus wahrer treu das hertz einmahl verschrieben/
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Und zwar in junger zeit da sich die zarte glut
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Durch einfalt/ lieb und lust biß in das tieffste blut/
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Ja in die seele setzt? ich muß es ja gestehen/
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Ich habe gute macht mit andern umzugehen/
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Die schön und freundlich thun: man gibt mir offt die hand/
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Verschweret und verflucht den leichten unbestand
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Und trinckt auf brüderschafft: doch wan̄ die complimenten/
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Die in dem munde sich/ auch in dem hertzen brennten/
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So wär es gut genug/ der falsche heuchelschein
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Der fast ein handwerck wird/ der heist mich furchtsam seyn.
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Ich selbsten bin also/ ich geb an manchen orte
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Wohl meinem feinde selbst die allerschönsten worte
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Ich küß ihm gar die hand/ und stelle meine pflicht
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Zu seinen diensten hin/ und dennoch mein ichs nicht.
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Die mode bringts so mit/ wiewohl bey solchen sachen
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Kan ich auf keinen freund gewisse rechnung machen:
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Deum bleib ich in mir selbst/ und bin darbey vergnügt/
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Daß mir die heimlichkeit im hertzen stille liegt/
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Ach bruder wärst du hier/ dir wölt ich mich vertrauen/
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Ich wolt auf deine treu die stärcksten thürme bauen:
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Und wie du sonst mein hertz in deinen händen hast/
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So solte keine lust und keine sorgen-last
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Mir angelegen sein/ ich wolte dich erbitten/
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Und dir in deinen schos den halben antheil schütten.
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Jtzt küß ich dich/ mein freund/ viel meilen durch die lufft
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Und schicke dir den gruß/ der deine liebe rufft/
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Der dein gedächtnüß reitzt/ wofern du so vermessen/
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Und unbeständig bist/ daß du mich hast vergessen:
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Doch mein/ verzeihe mir/ du liebes hertze du/
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Ach nein/ ich traue dir kein solches laster zu.
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Dem sey nun wie ihm sey/ ich kan dich doch versichern/
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Wann ich zu bette geh/ wan ich bey meinen büchern/
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Wann ich beym mädgen bin/ so fällt mir dieses ein/
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Wo muß mein Fillidor doch diese stunde seyn?
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Du angenehmer dieb/ du hast mir diß gestohlen/
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Was niemand anders wird aus meinem leibe holen/
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Und hätt ichs noch bey mir/ so sag ich rund und frey/
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Ich wünschte nichts so sehr/ als deine dieberey.
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Wiewohl ich bitte dich/ sind wir vertraute brüder/
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So schicke mir mein hertz nur um die helfte wieder.
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Worzu? ach frage nicht/ es zeucht mich ein magnet
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Der mit versüster krafft nach meinen hertzen steht.
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Er setzt mir hefftig zu/ und sucht ein tüchtig eisen/
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Daran er seine krafft vollkommen wil erweisen;
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Inzwischen hab ich ihm den leeren platz bestimmt/
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Biß daß ein pack von dir die pleisse runter schwimmt.
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Ach könnte nur ein brief vor andern leuten schweigen/
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Ich wolte dir von mir so einen abriß zeigen
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Als kein Apelles nicht/ ich weiß nun was die stadt
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Die werthe linden-stadt vor lust-vergnügung hat.
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Komm du nur selbst zu mir/ so wollen wir uns letzen/
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Und unsre liebes-glut in frischer kost ergetzen.
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Indessen liebstes haupt versichre deinen sinn/
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Ich bleib in dich verliebt weil ich Florindo bin.

(Weise, Christian: Überflüßige Gedancken Der grünenden jugend. Leipzig, 1701.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Weise
(16421708)

* 30.04.1642 in Zittau, † 21.10.1708 in Zittau

männlich, geb. Weise

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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