Zweyter Gesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Gottlieb Klopstock: Zweyter Gesang (1749)

1
Jtzo stieg über die Cedernwälder der Morgen her- unter.
2
Jesus erhub sich, ihn sahn in der Sonne die See-
3
Als sie ihn sahn, da sangen zwo Seelen so gegeneinan-
4
Adams Seele, mit ihr die Seele der göttlichen Eva:

5
Schönster der Tage, du sollst vor allen künftigen Tagen
6
Festlich und heilig uns seyn, dich soll vor deinen Gefähr-
7
Kehrst du wieder zurück, die Seele des Menschen der Se-
8
Und der Cherub, beym Aufgang und Untergange, begrüssen.
9
Steigst du zur Erden herab; verbreiten dich Orione
10
Durch die Himmel; und gehst du beym Throne der Herr-
11
Heilig hervor, so wollen wir dir in feyrendem Aufzug
12
Jauchzend mit Hallelujagesängen entgegen segnen!
13
Dir, unsterblicher Tag, der du unsern getrösteten Augen
14
Gott, den Meßias, auf Erden in seiner Erniedrung
15
Wie er so schön ist! O, unser Meßias in menschlicher
16
Wie sich in seinem erhabenen Ansehn die Gottheit ent-

17
Selig bist du und heilig, die du den Meßias gebarest,
18
Seliger als Eva, die Mutter der Menschen. Unzählbar
19
Sind zwar die Söhne von ihr, doch zugleich unzählbare
20
Aber du hast einen, nur einen göttlichen Menschen
21
Einen gerechten, ach einen unschuldigen theuren Meßias
22
Einen Sohn GOttes, unsterbliche Tochter der Erde, ge-
23
Zärtlich mit irrendem Blick seh ich zur Erden hernieder,
24
Dich, Paradieß, dich seh ich nicht mehr. Du bist in den
25
Weggeschwemmt, in Wassern der allgegenwärtigen Sünd-
26
Deiner erhabnen umschattenden Cedern, die GOttes
27
Deiner friedsamen Lauben, der jungen Tugend Behausung,
28
Hat kein Sturmwind, kein Donner, kein Todesengel ge-
29
Bethlehem, wo ihn Maria gebar, und ihn brünstig um-
30
Sey du mir mein Eden; du Brunnen Davids, die Quelle,
31
Wo ich göttlich erschaffen zuerst mich sahe, du Hütte,
32
Wo er weinte, sey du mir die Laube der ersten Unschuld!
33
Ach hätt ich dich in Eden geboren, du Göttlicher! hätt ich
34
Gleich nach vollbrachter entsetzlichen That dich, Sohn,
35
Siehe, so wär ich mit dir zu meinem Richter gegangen;
36
Da, wo er stand, wo unter ihm Eden zum Grabe sich
37
Wo der Erkentnisse Baum mir fürchterlich rauschte, wo
38
Seiner Donner den Fluch uns und der Erde zuriefen,
39
Wo ich im bangen Erdbeben dahin sank, und sterben wollte,
40
Da wär ich zu ihm gegangen; dich, Sohn, hätt ich wei-
41
Und an mein Herze gedrückt, und gesagt: Ach zürne
42
Zürne nicht mehr, ich habe den Mann Jehova geboren!

43
Heilig bist du, und anbetenswürdig und ewig, o Er-
44
Der du dir deinen göttlichen Sohn von Ewigkeit zeug-
45
Und ihn, nach deinem Bilde gezeugt, zum Erlöser der
46
Meines von mir beweinten Geschlechts, erbarmend er-
47
Gott hat meine Thränen gesehen; ihr habt sie gesehen,
48
Seraphim, und sie gezählt; auch ihr, ihr Seelen der Tod-
49
Seelen meines entschlafnen Geschlechts, habt sie alle ge-
50
Wärest du nicht, o Messias, gewesen, die ewige Ruhe
51
Hätte mir selbst traurig, und ungenießbar geschienen.
52
Aber in deinem göttlichen Umgang, von deiner Erbar-
53
Stifter des ewigen Bundes, sanft überschattet, da lernt
54
Selbst in zärtlicher Wehmuth mehr Seligkeiten empfin-

55
Und nun trägst du sein Bild, das Bild des sterblichen
56
Gottmensch Erlöser, dich beten wir an! Vollende dein
57
Das du für uns, unsterblicher GOtt, zu vollenden her-
58
Mache die Erde bald neu, die du zu verneuen beschlossest,
59
Dein und unser Geburtsland. Komm bald gen Himmel
60
Komm, sey gegrüsset in deinen Erbarmungen, GOttmensch

61
Also ertönte mit mächtigem Klang die Stimme der
62
Durch die Gewölbe der englischen Burg. Der Messias
63
Fern in der Tiefe. Wie mitten in dichtrischen Einsied-
64
In zukünftige Folgen vertieft, prophetische Weisen
65
Dich von fern, sanftwandelnde Stimme des Ewigen, hö-
66
Jesus gieng den Oelberg hinab. An der Mitte des Oel-
67
Stand ein Palmbaum auf niedrigen Hügeln vor allen er-
68
Von leichtschimmernden Wolken des Morgennebels um-
69
Unter dem Palmbaum vernahm der Messias den Schutz-
70
Raphael ist sein Name, der ihn hier betend verehrte.
71
Liebliche Winde zerflossen vom Oelbaum, und trugen die
72
Die sonst kein Geschöpfe nicht hörten, zum Mittler her-

73
Raphael komm, rief ihn der Messias mit freundlichem
74
Wandle mir hier ungesehen zur Seite. Wie hast du die
75
Unsers lieben Johannes unschuldige Seele bewachet?
76
Was für Gedanken, die deinen Gedanken, o Raphael,
77
Hatte sie? Wo ist er itzt? Ich bewacht ihn, sagte der Se-
78
Wie man die Erstlinge deiner Erwählten, o Mittler, be-
79
Seinen eröffneten Geist umschatteten heilige Träume,
80
Träume von dir. O hättest du ihn da schlummern gesehen,
81
Als er dich, Göttlicher, sah! Ein heiliges Frühlingslä-
82
Füllte sein Antlitz. Dein Seraph hat auch in Edens Ge-
83
Adam gesehn, da er schlief, und das Bild der werdenden
84
Und des bauenden Schöpfers vor seine Gedanken herab-
85
Aber so schön war er nicht, wie dein göttlicher Jünger Jo-
86
Doch itzt ist er dort unten in traurigen nächtlichen Grä-
87
Und klagt einen besessenen Mann, der im Staube der
88
Fürchterlich bleich, wie ein bebend Gerippe, hinausge-
89
Jesus, du soltest ihn sehn, du soltest den zärtlichen Jünger
90
Neben ihm voller mitleidigen Kummers und Wehmuth
91
Wie ihm vor Menschenliebe sein Herz erbarmend zerflies-
92
Wie er erbebt. Mir selbst drang eine wehmüthige Thräne
93
Zitternd ins Auge. Da wandt ich mich weg. Das Leiden
94
Die du zur Ewigkeit schufst, ist mir stets durch die Seele

95
Raphael schwieg. Das Auge des Mittlers sah zürnend
96
Grosser Vater, erhöre mich itzt. Der Menschenfeind werde
97
Deinen Gerichten ein ewiges Opfer, das jauchzend der
98
Das voll Bestürzung und Schand und Schmach die Hölle

99
Also sagt er, und näherte sich den Gräbern der Todten.
100
Unten am mitternächtlichen Oelberge waren die Gräber
101
In zusammengebirgte zerrüttete Felsen gehauen.
102
Dick und finster verwachsene Wälder verwahrten den Ein-
103
Vor dem Blicke des fliehenden Wandrers. Ein trauriger
104
Stieg, wenn über Jerusalem schon der Mittag sich senkte,
105
Zu den Gräbern noch dämmernd mit kühlem Schauer hin-
106
Samma, so hieß der besessene Mann, lag neben dem
107
Seines jüngsten geliebtesten Sohns in kläglicher Ohn-
108
Satan ließ ihm die Ruh, ihn desto ergrimmter zu quälen.
109
Hier lag er bey den Gebeinen des Knabens in Moder und
110
Neben ihm stand sein anderer Sohn, und weinte zu GOtt
111
Jenen verstorbenen, welchen der Vater und Bruder be-
112
Hatte vordem die zu zärtliche Mutter, durch Flehen erwei-
113
Mit in die Gräber zum Vater hinab gebracht, welchen der
114
Ungestüm und voll grimmiger Wut bey den Todten her-
115
Ach mein Vater! so rief der kleine geliebte Benoni,
116
Und entfloh den Armen der Mutter, die ängstlich ihm nach-
117
Ach mein Vater, umarme mich doch! und hielt seine
118
Drückte sie an sein Herz. Der Vater umfaßt ihn, und bebte
119
Da nun der Knabe mit kindlicher Inbrunst ihn zärtlich
120
Da er mit stillem liebkosenden Lächeln ihn jugendlich an-
121
Warf ihn der Vater an einen entgegenstehenden Felsen,
122
Daß sein zartes Gehirn an blutigen Steinen herabrann,
123
Und die unschuldige Seele, mit leisem Röcheln, entflohe.
124
Nunmehr klagt er ihn trostlos, und faßt das kalte Behält-
125
Seiner Gebeine mit sterbendem Arm. Mein Sohn, ach
126
Ach Benoni, mein Sohn! so sagt er, und jammernde
127
Stürzen vom Auge, das bricht und langsam starrend
128
Also lag er und ängstete sich, da der Mittler hinabkam.
129
Joel, der andere Sohn, verwandte sein thränendes Ant-
130
Von dem Vater, und sah den Messias im Grabmal daher-
131
Ach! mein Vater, erhub er voll froher Verwundrung die
132
Jesus der grosse Prophet, kömmt in die Gräber hernie-
133
Satan hört es, und sahe bestürzt durch die Oeffnung des
134
Also sehn Gottesleugner, der Pöbel, aus düstern Ge-
135
Wenn das hohe Gewitter am donnernden Himmel herauf-
136
Und der Rache gefürchtete Wagen in Wolken sich wälzen.
137
Satan hatte bisher nur Samma von ferne gepeinigt,
138
Aus den tiefsten entlegensten Enden des nächtlichen Grab-
139
Sandt er langsame Plagen hervor. Jtzt erhub er sich
140
Rüstete sich mit Todesschrecken, und stürzt auf Samma.
141
Samma sprang auf, dann fiel er von neuem ohnmächtig dar-
142
Seine dem Tode noch kaum entgegenringende Seele
143
Trieb ihn, von dem mördrischen Feind zur Verzweiflung
144
Felsen an. Hier wolt ihn vor deinen göttlichen Au-
145
Grosser Messias, der Satan am schroffen Felsen zer-
146
Doch du warest schon da, und deine voreilende Gnade
147
Trug dein verlassnes Geschöpf auf treuen allmächtigen Flü-
148
Daß er nicht sank. Da ergrimmte der Geist des Men-
149
Und erbebte. Die kommende Gottheit erschreckt ihn von
150
Indem richtete JEsus sein helfendes Antlitz auf Sam-
151
Eine belebende göttliche Kraft, mit dem Blicke verein-
152
Gieng von ihm aus. Da erkannte der arme verlassene
153
Seinen Erlöser. Ins bleiche schon halbverweste Gesichte
154
Kam die Menschheit zurück, er schrie, und weinte gen
155
Jtzt wollt er reden, allein kaum kont er von Freuden
156
Bebend stammeln. Doch breitet er sich mit sehnlichen
157
Nach dem Ewigen aus, und sah mit getrösteten Augen,
158
Voll von Entzückung, nach ihm von seinem Felsen herun-
159
Wie die Seele trübsinniger Weisen, die, in sich gekehret,
160
An der Unsterblichkeit ihrer zukünftigen Dauer verzwei-
161
Innerlich bebt; der Ewigen schauert vor ihrer Zernich-
162
Aber itzt nahet sich ihr der weisern Freundinnen eine,
163
Jhrer Unsterblichkeit sicher, und stolz auf GOttes Ver-
164
Kömmt sie zu ihr mit tröstendem Blick. Die trübe Ver-
165
Heitert sich auf, und windet mit Macht von jammerndem
166
Ungestüm freudig sich los; nun jauchzt die ewige segnend,
167
Wie im Triumph, über ihrer verneuten unsterblichen
168
Also empfand der besessene Mann die Beruhigung GOt-
169
Und drauf sprach der Messias mit mächtiger Stimme zu
170
Geist des Verderbens, wer bist du, der du vor meinem
171
Dies zur Erlösung erwählte Geschlecht, die Menschen, so
172
Ich bin Satan, antwortet ein zorniges tiefes Gebrülle,
173
König der Welt, die oberste Gottheit unsclavischer Gei-
174
Die mein Ansehn zu etwas erhabnerm, als zu den Ge-
175
Himmlischer Sänger bestimmt hat. Dein Ruf, o sterb-
176
Dieser dein Ruf drang, wer du auch bist, zur untersten
177
Selbst ich verließ sie, sey stolz auf deines Königs Bemü-
178
Dich von himmlischen Sclaven verkündigten Heiland, zu
179
Doch du wurdest ein Mensch, ein götterträumender Se-
180
Wie die, welche mein mächtiger Tod in die Erde begra-
181
Darum gab ich nicht Acht, was die ueuen Unsterblichen
182
Doch nicht müßig zu seyn, so plagt ich, das hast du gese-
183
Deine Geliebten, die Menschen. Da sieh des Todes Ge-
184
Meine Geschöpf, auf diesem Gesicht! Jtzt eil ich zur Hölle.
185
Unter mir soll mein allmächtiger Fuß das Meer und die
186
Mir anständige Wege zu bahnen, gewaltsam verwüsten.
187
Dann soll die Höll im Triumph mein königlich Angesicht
188
Willst du was thun, so thu es alsdann. Ich kehre zu-
189
Hier auf der Welt mein erobertes Reich, als König, zu
190
Unterdeß stirb noch, Verlassner, vor mir! So sagt er, und
191
Stürmend auf Samma. Allein des ruhigschweigenden
192
Stille verborgne Gewalt kam, gleich der Allmacht des
193
Wenn er Welten geheim und still den Untergang zuwinckt,
194
Satan im Zorne zuvor; er floh, und vergaß im Entflie-
195
Unter allmächtigem Fusse das Meer und die Erde zu
196
Unterdeß stieg Samma von seinem Felsen hernieder.
197
Also entfloh vom hohen Euphrates Nebucadnezar,
198
Da ihm der Rathschluß der heiligen Wächter die mensch-
199
Wiederum gab, und ihn zum Anschaun des Himmels er-
200
Gottes Schrecknisse gingen nicht mehr, mit dem Rau-
201
Vor ihm in dunklen sinaischen Donnerwettern vorüber.
202
Nebucadnezar kam auf die stolzen Höhen zu Babel,
203
Nicht mehr als GOtt; er lag, von da gen Himmel ver-
204
Dankbar im Staube gebeugt, den Ewigern anzubeten.
205
Also kam Samma zu JEsu herab, und fiel vor ihm nieder!
206
Darf ich dir folgen, du heiliger Mann? ach laß mich mein
207
Das du mir wieder geschenkt, bey dir, Mann GOttes,
208
Also sagt er, und schlung sich mit brünstigen zitternden
209
Um den Erlöser, der ihm, mit menschenfreundlichen
210
Dieses erwiederte: Folge mir nicht, doch verweile dich
211
Mehr als sonst um Golgathas Hügel, da wirst du die
212
Abrahams und der Propheten mit deinen Augen erbli-
213
Indem JEsus zu Samma so sprach, da wandte sich
214
Zu Johannes, und sagte zu ihm, mit schüchterner Un-
215
Ach du lieber Mann, führe du mich zum grossen Propheten,
216
Daß er mich höre, du kennest ihn ja. Der zärtliche
217
Nahm ihn, und führt ihn zu JEsu, da sagt er in seiner

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.