8
Aber, o Werk, das nur GOtt allgegenwärtig erkennet,
9
Darf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne
10
Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich im stillen hier
11
Führe sie mir, als deine Nachahmerinn, voller Ent-
12
Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit, ent-
13
Rüfte sie mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit.
14
Mit der du, o forschender Geist, die Tiefen GOttes durch-
15
Also werd ich durch sie Licht und Offenbarungen sehen,
16
Und die Erlösung des grossen Messias würdig besingen.
23
Nah an der heiligen Stadt, die sich itzt durch Blind-
24
Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinweg-
25
Ehmals die Stadt der Herrlichkeit GOttes, der heiligen
26
Pflegerinn, nun ein Altar des Bluts von Mördern ver-
27
Hier wars, wo der Messias von einem Volke sich losriß,
28
Das ihn zwar itzo verehrte, doch nicht mit jener Ge-
29
Die vorm schauenden Angesicht GOttes untadelhaft
30
Jesus verbarg sich vor diesen Entweihten. Zwar lagen
31
Des ihm begegnenden Volks; zwar klang dort ihr lautes
32
Aber umsonst. Sie kannten den nicht, den sie König
33
Und den Gesegneten GOttes zu sehn, war ihr Aug
34
Gott kam selber vom Himmel herab. Die gewaltige
35
Er ist verherrlicht, und soll von neuem verherrlichet
36
War die Verkündigerinn der gegenwärtigen Gottheit.
37
Doch sie waren, dich, GOtt, zu verstehn, zu niedrige
38
Unterdeß nahte sich JEsus dem Vater, der wegen des
39
Zu dem die Stimme geschah, voll Zorn zum Himmel hin-
40
Vor ihm wollt er noch einmal sein göttlich freyes Ent-
41
Seine Geliebten, die Menschen, zu heiligen, feyerlich kund
42
Gegen die östliche Seite Jerusalems liegt ein Gebirge,
43
Welches schon oft den göttlichen Mittler auf seinen Gi-
44
Wie ins Heilige GOttes, verhüllt, wenn er einsame Nächte
45
Unter dem Anschaun des Vaters in grossen Gebeten
46
Nach dem Gebirge begab er sich itzt. Johannes alleine
47
Folgt ihm bis zu den Gräbern der Seher, in heiligen
48
Wie sein göttlicher Freund, die Nacht im Gebete zu
49
Von da erhub sich der Mittler zur obersten Spitze des
50
Indem umgab ihn vom hohen Moria ein Schimmer der
51
Die den ewigen Vater noch itzt vorbildend versöhnten.
52
Um und um nahm ihn der Oelbaum ins Kühle. Gelin-
53
Gleich dem Säuseln der Gegenwart GOttes, umflossen
54
Der dem Messias auf Erden zum Dienste gegebene
55
Gabriel ist sein himmlischer Name, stand eben am Ein-
56
Zwoer umdufteten Cedern, und dachte dem Heile der
57
Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als itzt der Er-
58
Seinem Vater entgegen vor ihm im stillen vorbeygieng.
59
Gabriel wuste, daß nun die Zeit der Erlösung heran-
60
Diese Betrachtung entzückt ihn, er sprach mit zärtlicher
70
Also sagt er. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden
71
Und stand voll Ernst auf der Höhe des Bergs am benach-
72
Gott war daselbst. Hier betet er. Unter ihm tönte die
74
Als sie von ihm die gewaltige Stimme tief unten ver-
75
Denn es war nicht mehr die Stimme des Fluchs, die
76
Furchtbar verkündiget, und in donnernden Wettern ge-
77
Die die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede,
78
Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen be-
79
Um und um lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmrung,
80
Gleich als wären sie schon neu erschaffen, und blühend,
81
Jesus redte. Nur er und der Vater durchschauten den
82
Unbegrenzt; dieß nur vermag die Stimme des Menschen
83
Göttlicher Vater, die Tage des Heils und des ewigen
84
Nähern sich mir, die Tage, zu grössern Werken erlesen,
85
Als selbst die Schöpfung, die du durch deinen Sohn ehmals
86
Sie verklären sich mir so schön und herrlich, als damals,
87
Da wir die Reihe der Zeiten durchschauten, und sie in der
88
Durch mein göttliches Anschaun vorzüglich bezeichnet, er-
89
Dir nur ist es bekannt, mit was für Einmuth wir damals,
90
Du, mein Vater, und ich, und der Geift die Erlösung be-
91
In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe,
92
Waren wir beysammen. Voll unsrer göttlichen Liebe,
93
Sahen wir auf Menschen, die noch nicht waren, herunter.
94
Ach das arme Geschlecht! Ach unsre Geschöpfe, wie elend
95
Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub, von der Sünde
96
Vater, ich sah ihr Elend, du meine Thränen. Da sprachst
97
Laßt uns das Bild der Gottheit von neuem im Menschen
98
Also erfanden wir unser Geheimniß, das Blut der Ver-
99
Und die zum ewigen Bilde verneuerte Schöpfung der
100
Hier erkohr ich mich selbst, dieß göttliche Werk zu vollen-
101
Ewiger Vater, das weißst du, das wissen die Himmel, wie
102
Mich seit diesem Entschluß nach meiner Erniedrung ver-
103
Erde, wie oft warst du, in deiner niedrigen Ferne,
104
Mein erwähltes geliebtestes Augenmerk! Und du, o Canan,
105
Heiliges Land, wie oft hieng mein sanftthränendes Auge
106
An dem Hügel, den ich vom Blute des Bundes schon
107
Und, o wie bebt mir mein Herz von süssen wallenden
108
Daß ich so lange schon Meusch bin, daß schon so viele
109
Zu mir sich sammlen, und nun bald alle Geschlechte der
110
Durch mich geheiliget werden! Hier lieg ich, göttlicher
111
Noch mit den Zügen der Menschheit, nach deinem Bilde,
112
Betend vor dir: Bald aber wird mich dein tödtend Ge-
113
Blutig entstellen, und unter den Staub der Todten be-
114
Schon hör ich dich, du Richter der Welt, allein und von
115
Kommen, und unerbittlich in deinen Himmeln daher-
116
Schon durchdringt mich ein Schauer, dem ganzen Gei-
117
Unempfindbar; und wenn du sie auch im grimmigen
118
Tödtetest, unempfindbar! Schon seh ich den nächtlichen
119
Vor mir liegen, schon sink ich vor dir in niedrigen Staub
120
Lieg, und bet, und winde mich, Vater, im Todesschweisse.
121
Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will dein grimmiges
122
Dein Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen.
123
Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der
124
Und den Unendlichen furchtbar und tödtend, gedacht und
125
Gott nur konnte die Gottheit ertragen. Hier bin ich,
126
Tödte du mich, nimm mein ewiges Opfer zu deiner Ver-
127
Noch bin ich frey, noch kann ich dich bitten, so thut sich
128
Mit Myriaden von Seraphim auf, und führet mich
129
Vater, zu deinem unsterblichen Thron im Triumphe zu-
130
Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen,
131
Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen
132
Ich will leiden, den furchtbarsten Tod will ich, Ewiger,
133
Weiter sagt er und sprach: Ich hebe gen Himmel mein
134
Meine Hand in die Wolken, und schwöre dir bey mir selber,
135
Der ich GOtt bin, wie du: Ich will die Menschen erlö-
143
Also sprach er, und schwieg. Indem die Ewigen spra-
144
Gieng durch die ganze Ratur ein ehrfurchtvolles Erbe-
145
Seelen, die itzt wurden, die noch nicht zu denken begon-
146
Zitterten, und empfanden zuerst. Ein gewaltiger
147
Faßte den Seraph, ihm schlug sein Herz, und um ihn lag
148
Wie vorm nahen Gewitter die Erde, sein furchtsamer
149
Nur in die Seelen zukünftiger Christen kam sanftes Ent-
150
Und ein süßbetäubend Gefühl des ewigen Lebens.
151
Aber sinnlos, und nur zur Verzweiflung allein noch em-
152
Sinnlos, wider GOtt was zu denken, entstürzten im Ab-
153
Jhren Thronen die höllischen Geister. Als jeder dahin-
154
Stürzt auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe
155
Ungestüm ein, und donnernd erklang die unterste Hölle.
156
Jesus stand noch vor GOtt, und die Leiden seiner
157
Fiengen itzt an. Und Gabriel lag auf seinem Gesichte
158
Fern und anbetend, von neuen Gedanken gewaltig er-
159
Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt, (so lang als
160
Sich die Unendlichkeit denkt, wenn sie sich in feurigem
161
Wie aus dem Körper verliert,) seit diesen Jahrhunderten
162
So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gott-
163
Jhre Versöhnten, die ewige Liebe des göttlichen Mittlers
164
Alles eröffnet sich ihm. GOtt bildete diese Gedanken
165
In dem Geiste des Seraphs. GOtt selber dachte sich itzo,
166
Als den Erbarmer erschaffener Wesen. Der Seraph er-
167
Stand, und erstaunt, und betet, und unaussprechliche
168
Zitterten durch sein Herz, und Licht und blendendes
169
Gieng von ihm aus. Die Erde zerfloß in himmlischen
170
Unter ihm, wie es ihm vorkam. Jhn sah der göttliche
171
Wie er den Gipfel des ganzen Gebirges mit Klarheit er-
186
Unterdeß war der Seraph zur äussersten Grenze des
187
Aufwärts gestiegen. Hier füllen nur Sonnen den heili-
188
Hell, gleich einem vom Lichte gewebten ätherischen Vor-
189
Zieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dunk-
190
Naht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend
191
Geht die bewölkte Natur vorüber: die Erden fliehn mit
192
Klein und unmerkbar dahin, wie unter dem Fusse des
193
Niedriger Staub, von Gewürmen bewohnt, aufwallet
194
Um den Himmel herum sind tausend offene Wege,
195
Lange, nicht auszusehende Wege, von Sonnen umgeben.
196
Hier schöpft mit goldnen Schalen der Seraph das fest-
197
Welches sein fliegendes Haupthaar umfließt, wenn er
198
Und als Schutzgeist zu einer unsterblichen Seele gesandt
199
Die, dem Geschlecht der Menschen zur Ehre, vom Schö,
200
Jugendlich wächst, und voll Muth sich vor ihre Gespie-
201
Und schon erhabner und göttlicher fühlt. Auch verklärt
202
Jhren von Luft nach dem Tode zusammengeflossenen
203
Durch den glänzenden Weg, der gegen die Erde sich
204
Floß nach der Erden Erschaffung, vom himmlischen Ur-
205
Ein verklärter ätherischer Strom nach Eden herunter.
206
Auf ihm, oder an seinem von Wolken erhobnen Gestade,
208
Zu den Menschen. Doch schnell ward der Strom zu-
209
Als sich durch Sünde der Mensch von GOttes Freund-
210
Denn die Unsterblichen wollten nicht mehr, in sichtbarer
211
Gegenden, die die Verwüstung des Todes entstellte, be-
212
Damals wandten sie schauernd sich weg. Denn die stillen
213
Wo noch die Spur des Ewigen war; die rauschenden
214
Die das Säuseln der Gegenwart GOttes sonst sanft be-
215
Selige friedsame Thäler, vordem von der Jugend des
216
Liebreich besucht; die schattigten Lauben, wo ehmals die
217
Ueberwallend von Freuden und süssen Empfindungen,
218
Daß sie GOtt ewig erschuf; die Erde lag unter dem
219
Jhren vordem unsterblichen Kindern ein allgemein Grab-
220
Aber dereinft, wenn sich die Weltgebäude verjüngen.
221
Und aus der Asche des grossen Gerichts triumphirend
222
Wenn GOtt alle Bezirke der Welten mit seinem Him-
223
Durch gleich allgegenwärtiges Anschaun zusammen ver-
224
Alsdann wird der ätherische Strom vom himmlischen
225
Wieder mit hellerer Schöne zum neuen Eden sich senken.
226
Niemals wird dann sein Gestade von hohen Versammlun-
227
Die auf Erden den Umgang der neuen Unsterblichen su-
228
Dieß ist der heilige Weg, durch den itzt Gabriel fort-
229
Und sich von fern dem Himmel der göttlichen Herrlich-