I. An König Ludwig

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

August von Platen: I. An König Ludwig (1828)

1
Zu dir sich auf, mit Trauer und Stolz zugleich:
2
Vertrau'n im Blick, im Munde Wahrheit,
3
Schwört es dem Sohne der Wittelsbacher.

4
Des Thrones glatte Schwelle, wie selbstbewußt,
5
Wie fest betrittst du sie, wie gereift im Geist!
6
Ja, leichter hebt dein freyes Haupt sich,
7
Seit die metallene Last ihm zufiel.

8
Dir schwellt erhab'ne Güte das Herz, mit ihr,
9
Was mehr noch frommt als Güte — der tiefe Sinn:
10
Wo dieser Schöpfer mangelt, seh'n wir
11
Alles zerstückelt und schnell verunglückt.

12
Dein Auge spähte durch die Vergangenheit,
13
Es lag das Buch der Zeiten auf deinem Knie,
14
Gedanken pflücktest du, wie Blumen,
15
Ueber dem Grabe der deutschen Vorwelt.

16
Dein Volk, du kennst es. Jeglichem Zeitgeschick,
17
Das ihm zu Theil ward, fühltest und sannst du nach,
18
Und still, in eigner Brust verheimlicht,
19
Trugst du den lachenden Lenz der Zukunft.

20
Du hast mit uns erlitten den Fluch des Kriegs,
21
Gezählt die Todesnarben der Jünglinge,
22
Die deiner Ahnherrn Strom, der Rhein, sah
23
Seelen verhauchen für deutsche Freyheit.

24
Und nicht umsonst verhauchen, du fühlst es wohl!
25
Nach jenes Cäsars tragischem Untergang,
26
Was könnten klein're Scheindespoten
27
Anders erregen, als frost'ges Lachen?

28
Du aber theilst die heilige Gluth mit uns,
29
Vor der in Staub sank jener geprüfte Held,
30
Und fallen ließest du mit uns ihr
31
Eine begeisterte, warme Thräne.

32
Dem Stein des Rechts, den edelgesinnt und treu
33
Dein Vater legte, bläsest du Athem ein,
34
Du siehst im Marmor keinen Marmor,
35
Aber ein künftiges Jovisantlitz.

36
Allein wie sehr du Wünsche des Tags verstehst,
37
Nicht horchst du blindlings jedem Geräusch, du nimmst
38
Den Zepter, jenem Joseph ungleich,
39
Nicht in die weltliche Faust der Neu'rung.

40
Ehrfurcht erweckt, was Väter gethan, in dir,
41
Du fühlst verjährter Zeiten Bedeutsamkeit,
42
In's Wappenschild uralter Sitte
43
Fügst du die Rosen der jüngsten Freiheit.

44
Heil dir und Heil der Lieblichen neben dir,
45
Heil jedem Sprößling, welchen sie dir gebar!
46
Wenn Kinder dich und Volk umjubeln,
47
Leerst du, als Becher, des Segens Füllhorn!

48
Wie eine Rebe, schattig und traubenschwer,
49
Die schon den Keim des werdenden Rausches nährt,
50
Umschlängelt deinen angeerbten,
51
Blühenden Zepter der gold'ne Friede.

52
Rückwärts erblickst du Flammen und Krieg und Mord
53
Doch mild am Gürtel trägst du das reine Schwert;
54
Du stehst, wie jener fromme Dietrich,
55
Ueber den Leichen der Nibelungen.

56
So sey (du warst es immer, erlauchter Fürst!)
57
Des Friedens Schirm und jeglicher Kunst mit ihm,
58
Die nur an seiner sanften Wärme
59
Seelenerquickende Knospen öffnet.

60
Des Bildners Werkstatt wimmelt von Emsigkeit,
61
Es hascht der Maler seltengebot'nen Stoff,
62
Die Bretter, Schauplatz jeder Größe,
63
Biegen sich unter dem Gang der Dichtkunst.

64
Und jenen Festsaal, Gütiger, öffnest du,
65
Voll edler Formen, wie sie ein Meissel schuf,
66
An dessen Würde, dessen Kraft wir
67
Gerne verschwenden das Ach der Sehnsucht.

68
Früh war die Schönheit deines Gemüths Bedarf,
69
Und Schönes ist ja Göttliches, leicht verhüllt
70
Durch einen Flor, den uns des Denkers
71
Wesenerforschendes Auge lüftet.

72
Und nicht vergeblich sogst du, mit ems'ger Lust,
73
Das tiefste Mark altgriechischer Bildung ein:
74
Wofür, als für's Vollkomm'ne, schlüge
75
Solch ein erhabenes Herz, wie deines?

76
Es geht die Sage, daß du als Jüngling einst,
77
Dahingegeben thätiger Einsamkeit,
78
Am busch'gen Felsenstrand der Salzach
79
Nur mit homerischen Helden umgingst.

80
Und zürnst du noch, wenn trunken ein Dichter dir
81
Ausgießt des Lobes Weihungen? Zwar es sind
82
Nur Tropfen Thau's, doch deine Sonne
83
Macht sie zu farbigen Regenbögen.

84
Vergieb, o Herr! dem Dichter, der ohne dich
85
Verlassen stünde, fremd in der Zeit und stumm:
86
Dein fürstlich Daseyn lös't den Knoten
87
Seiner verworrenen Lebensräthsel.

(Platen, August von: Gedichte. Stuttgart, 1828.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

August von Platen-Hallermünde
(17961835)

* 24.10.1796 in Ansbach, † 05.12.1835 in Syrakus

männlich, geb. von Platen-Hallermund

| Cholera

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.