Prolog an Goethe

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August von Platen: Prolog an Goethe (1828)

1
Zuerst geneigt, sie grüßend aufgenommen,
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Du magst dich noch einmal an ihn gewöhnen,
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Du siehst ihn wieder dir entgegen kommen,
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Mit frohem Klang der Zeiten Drang verschönen,
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Vielleicht von innerlichem Schmerz beklommen:
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Viel muß ein solcher Geist von solchen Gaben,
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Wenn er um Leichtsinn buhlt, gelitten haben.

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Im Kampfe muß er sich entgegen wagen
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Der eignen Liebe, wie dem fremden Hasse;
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Denn einem Solchen Liebe zu versagen,
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Ist eine Wollust für die stumpfe Masse,
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Und Dies und Jenes wird herbeygetragen,
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Daß man ihn stets bey seiner Schwäche fasse,
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Und fehlen ihm, so leiht man ihm Gebrechen,
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Ihm, der zu groß ist, um zu widersprechen.

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Das mochte Hafis wohl im Geist bedenken,
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Und ließ getrost des Lebens Stürme rollen:
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Wenn in Befriedigung wir uns versenken,
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Entgehn wir eigner Qual und fremdem Grollen:
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Beym Wein im Becher, bey dem Kuß des Schenken,
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Bey Liedern, die melodisch ihm entquollen,
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Empfand er stets im Herzen sich gesünder,
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Wiewohl sie schrien: Es ist ein großer Sünder!

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Er schuf indeß durch Bilder oder Sprüche
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Ein Netz, worin die Herzen man erbeutet,
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Ein Gartenbeet erquickender Gerüche,
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Dem jede falsche Nessel ausgereutet,
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Und einen Himmel ohne Wolkenbrüche,
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Wo jeder Stern auf eine Blume deutet:
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Und so verglichest du dir ihn bescheiden,
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In That und Sinn, im Streben und im Leiden.

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Was hast du nicht erlitten und erfahren!
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Wie theuer mußtest du den Ruhm erkaufen!
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Verkannt von ferne hausenden Barbaren,
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Vom Schwarm der Gecken lästig überlaufen,
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Die Uebelwollenden zu ganzen Schaaren,
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Die Mißverstehenden zu ganzen Haufen,
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Und wenn ich alles insgesammt erwähne,
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Der Krittler freche, wenn auch stumpfe Zähne.

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Und wie du sonst, in jugendlichen Tagen,
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Sie reich beschüttet hast mit Blüthenflocken,
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Und sie, zu feig die schöne Last zu tragen,
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Sich zeigten neidisch halb und halb erschrocken:
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So sehn wir jezt sie noch hervor sich wagen,
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Um Schmach zu bieten deinen Silberlocken;
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Doch dies Geschlecht vermag dich nicht zu hemmen,
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Es muß die Welt sich dir entgegenstemmen.

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Da schwoll's um dich in ungeheuern Wogen,
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Da schien der Boden unter dir zu wanken,
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Die ganze Masse ward mit fortgezogen,
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Und Jeder trat aus seinen eignen Schranken:
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Du bliebst allein der engen Pflicht gewogen,
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Getreu dem lebenschaffenden Gedanken,
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Indeß die Zeit, in ungebundner Meinung,
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Dem Leben bot die gräßliche Verneinung.

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Da galt es Kämpfe gegen ganze Massen:
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Ein ernster Streit entflammte sich, ein neuer,
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Weit über das hinaus, was Menschen fassen,
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Und die politisch kleinen Ungeheuer
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Verzehrten sich im gegenseit'gen Hassen;
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Du aber standest unbewegt am Steuer,
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Sinnschwere Worte werfend in die Winde,
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Daß einst der Sohn, der Enkel einst sie finde.

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Und stelltest dar, in wahren, großen Zügen,
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In welchen Abgrund die Begierde führet,
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Wenn das Gefühl sich nicht vermag zu fügen,
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Und wenn der Geist nach dem Versagten spüret,
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Und was, begabt mir fröhlichem Genügen,
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Den Deutschen, rechtlich wie sie sind, gebühret:
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Bey dieses Taumels schwankender Empörung
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Zu hemmen und zu meiden die Zerstörung.

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Und überall, im reichergoss'nen Leben,
73
In tausendfachen Bildern und Gestalten,
74
Die bis herunter in ihr kleinstes Weben
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Anmuth und Wahrheit um sich her entfalten,
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Hast du die große Lehre nur gegeben,
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Im eignen Kreise müsse jeder walten,
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Und überall umschwebt uns der Gedanke:
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Freyheit erscheint nur im Bezirk der Schranke.

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Dich hat die Ahnung aber nicht betrogen:
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Macht wider Macht ist kräftig aufgestanden,
82
Zur Hälfte schon ist jener Wahn verflogen,
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Der altes Leben löste von den Banden,
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Worin es gütig die Natur erzogen,
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Und da die Wahrheit wir verirrend fanden,
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So sey'n vergessen jene Gräuelthaten:
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Es steht die Blume zwischen jungen Saaten.

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Wenn auch der alte, hohe Baum verdorben,
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Der eine Welt im Schatten konnte wahren,
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Wenn auch der Glanz von ehedem erstorben,
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Zerstückt ein Reich, das trozte tausend Jahren,
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So ward dafür ein geistiges erworben,
93
Und immer schöner wird sich's offenbaren,
94
Und fehlt ein Kaiser dieses Reiches Throne,
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So nimm von uns, die du verdienst, die Krone!

(Platen, August von: Gedichte. Stuttgart, 1828.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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August von Platen-Hallermünde
(17961835)

* 24.10.1796 in Ansbach, † 05.12.1835 in Syrakus

männlich, geb. von Platen-Hallermund

| Cholera

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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