Dritte Ballade

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Dritte Ballade (1783)

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Wie wir erzählt, die beiden,
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Den Mai und Junius hindurch,
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In Herlichkeit und Freuden;
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Sie schwammen hier in Ueppigkeit
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Bis über beide Ohren;
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Doch endlich floh die Trunkenheit,
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Worin sie sich verloren.

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Er hatte sich mit Zuckerbrot
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Den Magen überladen,
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Ward bleich und hager wie der Tod,
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Ihm schwanden Mut und Waden.
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Sein Auge, wie Vergissmeinnicht,
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Erlosch und wurde dunkel;
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Er trug im kupfrigen Gesicht
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Rubinen und Karfunkel.

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Die Küsse, Weine, das Konfekt,
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Die Zuckerbissen alle,
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Wonach er sonst den Mund geleckt,
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Verkehrten sich in Galle.
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Der Vögel buhlerisch Konzert,
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Das er, in Luft verloren,
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Mit solcher Wonne jüngst gehört,
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Mistönte seinen Ohren.

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Nun floh er, mehr als Tod und Grab,
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Den Pallast und Ismenen,
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Und ging am Ufer auf und ab,
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Und weinte stille Thränen.
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O liebe, liebe Adelheid!
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So rief er sonder Ende:
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Der ich mein treues Herz geweiht!
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Und rang die welken Hände.

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Wie magst du, gute Seele, wohl
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Leanders Angedenken,
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Mit lautem Schluchzen, einen Zoll
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Getreuer Thränen schenken!
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O könnt' ich dir den Thränenguss,
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Dem Kerker hier entrissen,
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Durch einen reuevollen Kuss
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Von deiner Wange küssen!

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O welcher Unstern! wehe mir!
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Das Mastvieh war geschlachtet,
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Der Pfarrer hatte die Gebühr,
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Wonach er lang geschmachtet!
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Wir waren schon, ich armer Mann!
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Schon zweimal aufgeboten,
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Und dachten wahrlich nicht daran,
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Was uns vor Wetter drohten.

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Schon ging mit manchem bunten Band
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Am Hut der Hochzeitbitter
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Im Dorf herum; der Musikant
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Probirte schon die Zitter.
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Die Speisen, die wir angeschafft,
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Sind nun schon Iängst verdorben.
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Mein Liebchen ist wohl, hingerafft
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Von Schwermut, gar gestorben.

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Den guten Göttern musste dies
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Nun wohl zu Herzen gehen.
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Drum flog ein Schiff heran, und liess
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Die Flagge statlich wehen.
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Der Schifpatron nahm ihn an Bord,
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Und bracht' in wenig Stunden
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Ihn wohlbehalten an den Ort,
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Da ihn Ismene funden.

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Ismene stand versteinert da,
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Als sie am Horizonte
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Die aufgeschwollnen Segel sah,
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Und es nicht wehren konnte;
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Zerriss die Haare, weinte sich
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Die Wangen bleich und hager,
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Und wand die Hände jämmerlich
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Auf dem verwaisten Lager.

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Sie ritt mit thränendem Gesicht
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Auf ihrem Besenstiele
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Viel Länder durch, und fand ihn nicht,
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Und ritt sich manche Schwiele,
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Und ward, wie männiglich bekannt,
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Nach vielen Abentheuern,
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Zulezt elendiglich verbrannt
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Zu Ingolstadt in Baiern.

(Hölty, Ludwig Christoph Heinrich: Gedichte. Hamburg, 1783.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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