Zweite Ballade

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Zweite Ballade (1783)

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Bis dass der Himmel graute,
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Und man beim ersten Sonnenblick
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Ein grünes Eiland schaute.
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Es lag im Süderozean
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Seit lieben langen Jahren,
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Wo weder Cook noch Magellan
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Noch Dampier gefahren.

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Sie traten in ein Paradies,
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Wo Freud' und Wollust lauschte,
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In jedem Frühlingslüftchen blies,
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In jeder Quelle rauschte.
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Das war euch traun ein Luftgefild!
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Rings lachten bunte Flächen,
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Rings zitterte das goldne Bild
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Der Sonn' in hundert Bächen.

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Die Weste flüsterten vertraut
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Und raubten jungen Veilchen,
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Wie der Geliebte seiner Braut,
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Auf jeder Wiese Mäulchen.
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Es blühte rings im Zauberglanz
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Die Hiazint' und Rose;
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Es trug und blühte Pomeranz'
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Und Pfirsch' und Aprikose.

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Musik entströmte sonder Rast
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Den kühlen Rebenlauben;
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Es herzten sich auf jedem Ast
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Verliebte Turteltauben.
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Es sprang, poz Stern, da möcht' ich sein!
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Im Schatten grüner Hecken,
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Der feurigste Burgunderwein,
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In weite goldne Becken.

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Es ragt' ein prächtiger Pallast,
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Erbauet aus Türkisen,
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Mit Gold' und Perlen eingefasst,
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Auf angenehmen Wiesen.
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Die Treppen waren aus Achat;
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Die weiten Flügelthüren,
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Durch die man in den Pallast trat,
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Aus blizenden Saffiren.

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Das Dach und auch der Wetterhahn,
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Wie leichtlich zu erachten,
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Von feinem Gold' aus Hindostan,
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Besezet mit Smaragden.
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Ein wunderbares Feienschloss,
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Bei welchem sonder Zweifel,
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Der es erbaut, viel Schweiss vergoss,
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Gott sey bey uns, der Teufel!

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Ein grosser tapezirter Saal
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Ging mitten durchs Gebäude,
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Mit Schildereien ohne Zahl:
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Die schönste Augenweide!
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Von Rafael und Tizian,
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Hier eine nackte Lede,
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Dort Vater Zeus mit ihr als Schwan
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In einer Liebesfehde;

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Der Grossultan, der Perser Schach,
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Im Zirkel ihrer Frauen;
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Ein lustig Karnevalgelag,
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Gar lieblich anzuschauen;
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Der Muselmänner Himmelreich
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Voll niedlicher Figuren;
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Ein grüner Wald, im Wald' ein Teich
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Voll Badeposituren.

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Sie lebten hier als Frau und Mann
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Am grünen Meergestade,
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Und tranken, wenn der Tag begann,
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Bald Thee, bald Schokolade;
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Und hielten im Gemäldesaal,
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Von dem wir euch erzählten,
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Das Frühstück und das Mittagsmahl,
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Dem keine Reize fehlten.

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Die Speisen kamen auf den Wink
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Der Unholdin von selber:
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Es flogen, wann sie schellte, flink
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Gebratne Tauben, Kälber,
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Kapaun' und Hasen auf den Tisch,
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Lampreten und Forellen,
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Und ein possierliches Gemisch
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Von Austern und Sardellen.

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Nicht minder kam
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Viel Backwerk angeflogen,
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Pasteten, Torten, Mandelbrot,
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Dass sich die Tafeln bogen.
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Das grosse goldne Deckelglas,
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Gefüllet mit Tockaier,
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Goss ihre Kehlen weidlich nass,
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Und in die Adern Feuer.

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Sie spielten alle Nachmittag,
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Nach eingenommnem Mahle,
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In einer Sommerlaube Schach,
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Und assen kalte Schale;
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Und gingen, wann das Abendroth
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Durch ihre Laube blinkte,
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Zum Pallast, wo das Abendbrot
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In goldnen Schüsseln winkte.

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Sie irrten, wann der Mondenschein
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Den Wald mit Silber deckte,
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Vertraulich durch den Mirtenhain,
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Wo mancher Vogel heckte,
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Und sezten sich auf zartes Grün,
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Bedeckt von Mirtenästen,
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Durch die der schöne Vollmond schien,
103
Umscherzt von lauen Westen.

104
Sie ruhten, Brust an Brust gedrückt,
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Und was sie weiter thaten —
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Der schöne Vollmond hats erblickt;
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Ich kann es nicht errathen!
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Ein süsses klatschendes Getön
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Scholl aus den Mirtenbüschen;
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Die Vögel sangen wunderschön
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Ein Minnelied dazwischen.

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Der West, der im Gesträuche war,
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Goss einen Blütenregen
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Voll Abendduft, bald um ihr Haar,
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Bald ihrer Brust entgegen.
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Sie trippelten mit trübem Blick,
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Und Gras und Staub in Haaren,
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Nach ihrem Zauberschloss zurück,
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Wo weichre Polster waren;

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Und lasen, wann sie sich gesezt,
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Zur Zeit des Schlafenlegens,
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Rosts schöne Nacht zu guter lezt,
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Anstatt des Abendsegens;
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Und schlüpften, wenn sie dies vollbracht,
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Zum Ruhekabinette.
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Wir wünschen ihnen gute Nacht,
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Und gehen auch zu Bette.

(Hölty, Ludwig Christoph Heinrich: Gedichte. Hamburg, 1783.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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