Erste Ballade

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Erste Ballade (1783)

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Glich unter allen Schönen,
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Hier unterm Mond, das ist gewiss,
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Kein Mutterkind Ismenen.
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Sie war nur eben achzehn Jahr,
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Ein Mädchen zum Entzücken,
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Mit runder Brust und blondem Haar,
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Und Adel in den Blicken.

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Ihr Wuchs, voll Reiz und Majestät,
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War gleich der schlanken Maie;
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Die Wange junger Rosen Röth',
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Ihr Auge Himmelbläue.
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Der Mund, ein blühend Paradies,
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War sonder alle Mängel;
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Und wann sie sang, so klangs so süss,
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Als säng' ein heilger Engel.

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Die holde Schöne, denkt einmal,
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That aber arge Thaten,
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Und muss vielleicht im Pful der Qual
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Izt kochen oder braten:
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Sie hexte Froschleich, Russ und Haar
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Ins Butterfass des Küsters,
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Und zauberte voll Finnen gar
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Die Schweine des Magisters.

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Sie knüpfte manchem Ehepaar
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Den Nestel als ein Meister,
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Und rief, wanns ihr gefällig war,
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Ein Rudel Höllengeister;
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Ritt, troz den besten Postkurier,
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Auf ihrem Besenstiele,
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Und übergab den Winden ihr
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Geringelt Haar zum Spiele.

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Sie tanzte stets am ersten Mai,
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Mit Blumen in den Locken,
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Den weissen Busen schleierfrei,
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Im Reigen auf dem Brocken.
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Dann pflag der alte Satanas
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Den süssen Herrn zu spielen,
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Und wann sie stand, und wann sie sass,
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Nach ihrer Brust zu schielen.

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Begierig küsst' er ihre Hand,
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Als wollt' ers Händchen fressen,
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Und konnt' am schwarzen Feuerstrand
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Die Schöne nicht vergessen,
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Sandt' ihr so manches Billet doux
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Durch seinen Hoflakaien,
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Schloss kaum die Augenwimper zu,
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Und träumte schon vom Freien.

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Allein Ismene lachte nur
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Des grämlichen Pedanten,
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Und suchte sich, bald auf der Flur,
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Bald in der Stadt, Amanten.
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Sie sah einmal am Wiesenbach,
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Wo manches Blümchen keimte,
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Leandern, der im Schatten lag,
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Und süsse Träume träumte.

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Er träumte von der Adelheid,
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Mit der er sich versprochen,
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Daneben von der Seligkeit
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Der ersten Flitterwochen.
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Es sollte schon die Priesterhand
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Ihn am Altar beglücken;
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Es schwebten Kranz und Brautgewand
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Im Traum vor seinen Blicken.

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Die Jungfraun flochten schon am Kranz,
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Und übten sich zum Reigen;
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Es tönten schon zum Hochzeitstanz
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Die Flöten und die Geigen.
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Was meint ihr wohl? Die Unholdin
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Trat vor den schönen Schläfer,
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Zupft' ihn am Ohr' und vorn am Kinn,
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Und rief: Wach auf, mein Schäfer!

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Sie hatte seines Mädchens Bild
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Und Kleidung angenommen.
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Leander ward mit Freud' erfüllt,
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Und stotterte Willkommen.
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Er nannte sie: Mein lieber Schaz,
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Mein Engelchen, mein Kindchen!
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Und gab ihr manchen Feuerschmaz
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Aufs kleine rothe Mündchen.

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Sie gingen endlich, Hand in Hand,
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Der Kühlung zu geniessen,
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Zum Wald'; ein schöner Wagen stand
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Schnell neben ihren Füssen;
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Ein Kutscher, mit beseztem Rock
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Und grämlicher Geberde,
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Sass majestätisch auf dem Bock,
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Und lenkte stolz die Pferde.

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Der Wagen war von Helfenbein,
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Besezet mit Opalen.
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Kein Gallawagen ist so fein;
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Die Zaubrin konnts bezahlen!
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Sie stiegen in den Faeton;
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Drauf rasselten die Schimmel
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Stracks über Stock und Stein davon
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Mit donnerndem Getümmel.

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Bald flogen sie gar himmelan,
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Ein Wunder anzuschauen!
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Leandern, wie man denken kann,
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Begonn darob zu grauen.
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Wir wollen, wenn es euch beliebt,
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Die Leute fliegen lassen,
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Und morgen, so Gott Leben giebt,
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Den Rest in Reime fassen.

(Hölty, Ludwig Christoph Heinrich: Gedichte. Hamburg, 1783.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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