Adelstan und Röschen

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Adelstan und Röschen (1783)

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Und alles wurde froh,
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Als Ritter Veit von Adelstan
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Der Königsstadt entfloh.
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Von Geigern und Kastraten fern
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Und vom Redutentanz,
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Vertauscht' er seinen goldnen Stern
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Mit einem Schäferkranz.

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Der Schooss der Au, der Wiesenklee
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Verlieh ihm süssre Rast,
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Als Himmelbett' und Kanapee
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Im fürstlichen Palast.
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Er irrte täglich durch den Hain,
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Mit einer Brust voll Ruh,
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Und sah dem Spiel' und sah dem Reihn
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Der Dörferinnen zu;

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Sah unter niederm Hüttendach
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Der Schäferinnen Preis:
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Und plözlich schlug sein Herzensschlag
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Wol noch einmal so heiss.
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Sie wurden drauf gar bald vertraut;
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Was Wunder doch! Er war
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Ein Mann von Welt und wohlgebaut,
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Und Röschen achzehn Jahr.

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Sie gab, durch manchen Thränenguss
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Erweichet, ihm Gehör;
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Zuerst bekam er einen Kuss
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Zulezt noch etwas mehr.
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Izt wurde, nach des Hofes Brauch,
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Sein Busen plözlich lau:
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Er sass nicht mehr am Schlehenstrauch
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Mit Röschen auf der Au.

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Des Dorfes und des Mädchens satt,
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Warf er sich auf sein Ross,
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Flog wieder in die Königsstadt,
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Und in sein Marmorschloss.
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Hier taumelt' er von Ball zu Ball,
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Vergass der Rasenbank,
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Wo beim Getön der Nachtigall
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Sein Mädchen ihn umschlang.

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Und Röschen, die auf Wiesengrün
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Im Haselschatten sass,
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Sah Mann und Ross vorüberfliehn,
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Und wurde todtenblass.
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Mein Adelstan! ich armes Blut!
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Er sah und hörte nicht,
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Und drückte sich den Reisehut
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Nur tiefer ins Gesicht.

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Sie zupft', auf ihren Hirtenstab
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Gelehnt, am Busenband,
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Bis er dem Ross die Spornen gab,
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Und ihrem Aug' entschwand;
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Und schluchzt', und warf sich in das Gras,
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Verbarg sich ins Gesträuch,
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Weint ihren schönen Busen nass,
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Und ihre Wangen bleich.

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Kein Tanz, kein Spiel behagt' ihr mehr.
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Kein Abendroth, kein West;
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Das Dörfchen dünkt ihr freudenleer,
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Die Flur ein Otternnest.
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Ein melancholisch Heimchen zirpt
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Vor ihrer Kammerthür;
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Das Leichhuhn schreit. Ach Gott! sie stirbt,
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Des Dorfes beste Zier.

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Die dumpfe Todtenklocke schallt
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Drauf in das Dorf. Man bringt
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Den Sarg daher. Der Küster wallt
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Der Bahre vor, und singt.
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Der Pfarrer hält ihr den Sermon,
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Und wünscht dem Schatten Ruh,
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Der diesem Jammerthal' entflohn,
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Und klagt und weint dazu.

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Man pflanzt ein Kreuz, mit Flittergold
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Bekränzet, auf ihr Grab;
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Und auf den frischen Hügel rollt
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So manche Thrän' hinab.

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Es wurde Nacht. Ein düstrer Flor
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Bedeckte Thal und Höhn;
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Auch kam der liebe Mond hervor,
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Und leuchtete so schön.

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Vernehmt nun, wies dem Ritter ging!
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Der Ritter lag auf Pflaum,
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Um welchen Gold und Seide hing,
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Und hatte manchen Traum.
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Er zittert auf. Mit blauem Licht
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Wird sein Gemach erfüllt.
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Ein Mädchen trit ihm vors Gesicht,
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Ins Leichentuch verhüllt.

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Ach! Röschen ists, das arme Kind,
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Das Adelstan berückt!
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Die Rosen ihrer Wangen sind
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Vom Tode weggepflückt.
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Sie legt die eine kalte Hand
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Dem Ritter auf das Kinn,
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Und hält ihr moderndes Gewand
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Ihm mit der andern hin;

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Blickt drauf den ehrvergessnen Mann,
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Den Schauer überschleicht,
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Dreimal mit hohlen Augen an,
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Und wimmert und entweicht.
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Sie zeigte, wann es zwölfe schlug,
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Jezt alle Nächte sich,
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Verhüllet in ein Todtentuch,
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Und wimmert' und entwich.

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Der Ritter fiel in kurzer Zeit
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Drob in Melancholei,
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Und ward, verzehrt von Traurigkeit,
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Des Todes Konterfei.
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Mit einem Dolch bewaffnet floh
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Er aus der Stadt, und lief
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Zum Gottesacker hin, alwo
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Das arme Röschen schlief;

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Wankt' an die frische Gruft, den Dolch
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Dem Herzen zugekehrt,
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Und sank. Folg! ruft ein Teufel, folg!
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Und seine Seel' entfährt.
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Der Dolch ging mitten durch das Herz,
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Entsezlich anzuschaun!
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Die Augen starrten himmelwärts,
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Und blickten Furcht und Graun.

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Sein Grab ragt an der Kirchhofmaur.
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Der Landmann, der es sieht,
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Wenns Abend wird, fühlt kalten Schaur,
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Und schlägt ein Kreuz, und flieht.
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Auch pflegt er, bis die Hahnen krähn,
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Den Blutdolch in der Brust,
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Mit glühnden Augen umzugehn,
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Wie männiglich bewusst.

(Hölty, Ludwig Christoph Heinrich: Gedichte. Hamburg, 1783.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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