Die Geilheit

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Johann Justus Ebeling: Die Geilheit (1747)

1
Siren! die du eitle Jugend,
2
Von der Bahn der reinen Tugend
3
Auf den Weg der Laster ziehst,
4
Um die falschen Zauberinnen,
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Die Lokvögel ihrer Sinnen,
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Schmeichelhaft dich stets bemühst,
7
Dich will ich den Junggesellen,
8
Und den Dirnen jezt vorstellen.

9
Jeder wird dich leichtlich kennen,
10
Wenn wir dich mit Nahmen nennen,
11
Wollust, Geilheit, Uppigkeit,
12
Dich besingen die Poeten,
13
Mit den eitlen Zauber-Flöten,
14
Die der Venus eingeweiht:
15
Aber ich will dich besingen,
16
Deine Laster zu verdringen.

17
Du verführst die eitlen Seelen,
18
Die den glatten Pfad erwählen,
19
Und berauschst mit deinen Gift,
20
Alle die auf falsches Winken,
21
Deinen Taumelkelch austrinken,
22
Wie uns die Vernunft und Schrift;
23
Wie uns die Erfahrung zeigen,
24
Der die ächte Wahrheit eigen.

25
Gott hat die Geschlechtes-Liebe,
26
Als der Keuschheit reine Triebe
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Menschen weislich eingeprägt;
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Diese reinen Leidenschaften,
29
Die in Blut und Körper haften,
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Sind wenn man sie jezt erwegt
31
Leider! wie die andren alle,
32
Ganz verdorben bei dem Falle.

33
Sie sind gleich dem wilden Feuer,
34
Gleich auch einem Ungeheuer,
35
Das ganz wütend um sich brennt;
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Das mit kollernden Geblüte
37
Mit verblendeten Gemüte
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Ungesäumet dahin rennt,
39
Wo die Pfüzen voller Wehen,
40
Jhrer Neigung offen stehen.

41
Wer es nicht beizeiten stillet,
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Wenn es nach der Kühlung brüllet,
43
Wird von Wollust leicht bestrikt;
44
Wer des Fleisches Lüste heget,
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Nicht in Zaum und Zügel leget
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Wird gar leichtlich fortgerükt,
47
Durch die unsichtbahren Schlingen,
48
Die zulezt zum Abgrund bringen.

49
Ach! wie viele sind betrogen,
50
In der Wollust Garn gezogen
51
Die die Triebe nicht regiert,
52
Die als Opfer zwar bekränzet,
53
Durch das Strik das herrlich glänzet,
54
Zu der Schlachtbank fortgeführt,
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Wo sie lachend Geist und Leben
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Dem Verderben übergeben.

57
Ach! wie viele sind vorhanden,
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Die an diesen Klippen stranden,
59
Und ihr Wollfahrts Schiff zerstöhrt,
60
Da sie zu den Zauber Tönen,
61
Dieser seufzenden Sirenen
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Ein verführend Ohr gekehrt,
63
Da sie meinten in den Gründen,
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Jenes Paradies zufinden.

65
Seht ihr Jungen! die Exempel
66
Derer, die im Wollust-Tempel
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Die verbotne Frucht gesucht,
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Die wie Honig süsse schmeket:
69
Aber Bitterkeit erwekket,
70
Den sie drauf zu spät verflucht;
71
Weil darinnen Stachel schwimmen,
72
Die im Bauch hernachmahls grimmen.

73
Geilheit lokket zum Verderben,
74
Macht daß Leib und Seel ersterben,
75
Sie zerrüttet das Gemüt,
76
Macht die Sinnen stumpf und blöde,
77
Machts Gehirn auch wüst und öde,
78
Sie verdirbet das Geblüt
79
Wie uns viele Alten sagen,
80
Die mit Zittern es beklagen.

81
Geilheit zehrt die Lebens-Geister,
82
Und wo sie ist Obermeister,
83
Nimmt sie alle Krafft dahin,
84
Und zerfrist den Mark in Beinen,
85
Obgleich vielo thörigt meinen,
86
Daß sie schärfte Wiz und Sinn;
87
Sie ist wie ein Gifft gefärlich,
88
Geist und Körper sehr beschwerlich.

89
Geilheit schöpft die Lebens-Säffte,
90
Und verkürzt die Leibes-Kräffe,
91
Und ihr Schlam verdirbts Geblüt,
92
Das in denen Adern schleichet,
93
Wenn sie uns das Herz erweichet;
94
Sie verkehret das Gemüth,
95
Das auch auf das Wollergehen,
96
Jhres Körpers hat zu sehen.

97
Geilheit lähmt die Spannungs-Sehnen,
98
Wie mit einen Mund erwehnen,
99
Die des Leibes-Bau verstehn;
100
Wenn die Nerven sind geschwächet,
101
Wird die böse Lust gerächet,
102
Durch die mannigfaltgen Wehn,
103
Die des Fleisches Uppigkeiten,
104
Selbsten sich zur Straff bereiten.

105
Krampf und Schwindel sind die Früchte,
106
Der verbotenen Gerichte,
107
Die daraus hernach entstehn;
108
Auf der Wollust schandbahr Scherzen
109
Folgen Lähmung, Gicht und Schmerzen
110
Wie im Beispiel offt zu sehn:
111
Und was noch vor Wollustplagen,
112
Die recht schandbahr sind zu sagen.

113
Die dem liederlichen Leben
114
Schnöder Wollust, sich ergeben
115
Fühlen öffters viel zu spät,
116
Daß die Keuschheit stark erhalte,
117
Geilheit das Geblüt erkalte;
118
Dessen Feuerkrafft vergeht,
119
Wenn die Maden sich ausbrüten,
120
Und im faulen Fleische wüten.

121
Wo die Geilheit erst regieret,
122
Das Gedeien sich verliehret,
123
Und bei Venus, Bachus ist,
124
Wird das Erbtheil bald verschlungen,
125
Das ganz süsse auf der Zungen
126
In verwöhnten Magen fließt:
127
Da die Armut eh mans meinet,
128
Nakt und elend hier erscheinet.

129
Die in wilder Brunst auslauffen,
130
Pflegen alles zuverkauffen,
131
Um die Lust die Fleisch und Blut
132
Durchs verkehrte Blendglas siehet,
133
Das denn auch die Lust anglühet,
134
Die als eine rege Glut
135
Heiß ja brennend zu benennen,
136
Wie man sieht am geilen Rennen.

137
Geilheit bringet zum Verderben, Und Die Geilheit.
138
Und läst denen Elend erben,
139
Die den Sinn der Uppigkeit
140
Und den schnöden Wollust-Sünden,
141
Die sich noch damit verbinden,
142
Bei der Lustseuch eingeweiht.
143
Aller Glüksstand geht verlohren,
144
Wenn derselben Bahn erkohren.

145
Wer will solche Frucht geniessen,
146
Woraus Todt und Hölle spriessen,
147
Die den Sodoms Aepfeln gleich,
148
Die von aussen herrlich prahlen,
149
Und nur an den gelben Schalen
150
Von der falschen Anmuth reich!
151
Die von aussen lieblich laben,
152
Doch inwendig Asche haben?

153
Die dieselben sich erwählen,
154
Schaden ihrer armen Seelen,
155
Stürzen sie in bange Noth,
156
Und verlezzen das Gewissen,
157
Werden dadurch weggerissen,
158
Von den allerheilgen
159
Der die Geilen muß verdammen,
160
Zu dem ewigen Feuers-Flammen.

161
Sclaven die der Wollust fröhnen,
162
Die verachten und verhöhnen,
163
Der die Keuschheit uns befohlen
164
Der da will das wir die Kohlen
165
Einer geilen Liebes-Gut,
166
Durch Gebet, durch Wachen, Kämpfen
167
Unermüdet sollen dämpfen.

168
Sie beflekken das Gewissen,
169
Das mit Schmerzensvollen Bissen,
170
Tag und Nacht die Geilen plagt,
171
Daß mit banger Angst den scheuchet,
172
Der nach schnöder Wollust krichet,
173
Die das böse Fleisch behagt;
174
Das auch mitten im Ergözen,
175
Kan das Herz in Unruh sezen.

176
Folgen die erschreklich quälen!
177
Furcht und Unruh kann nicht fehlen,
178
Wo das Herz die Wollust liebt;
179
Wo die Furcht der Kerkermeister,
180
Der verdammten Höllen-Geister,
181
Seine strenge Herrschafft übt,
182
Sind die Furien zugegen,
183
Die den Geist auf Foltern legen.

184
Dieses Heer von Schrekkens-Teuffeln
185
Bringet ofte zum Verzweiffeln,
186
Als der Bosheit höchsten Grad;
187
Da sehn die in Wollust schmauchen,
188
Jhre Marter-Hölle rauchen,
189
Und gedenken, daß zu spat,
190
Sich aus den verfluchten Ketten
191
Schnöder Geilheit zu erretten.

192
Wer in Wollusts-Flammen brennet,
193
Auf den Höllenschlund zu rennet,
194
Fället auch zulezt hinein;
195
Wo des Teuffels Rottgesellen,
196
In dem Marterloch der Höllen
197
Fühlen eine ewge Pein,
198
Da ein Feuer das ewig glimmet,
199
Vor dem Wollust-Brand bestimmet.

200
Seht! ihr geilen Wollust-Kinder
201
Sehet ihr verruchten Sünder
202
Mit des Geistes regen Blik,
203
Wo euch wenn die Zeit sich endet,
204
Eure Uppigkeit hinsendet:
205
Eilet, kehret gleich zurük,
206
Auf der Wollust Bahn sind Schlingen,
207
Die euch in die Hölle bringen.

208
Lernet das die eitlen Rosen
209
Die euch auf den Pfad liebkosen
210
Den die Geilheit hat bestreut,
211
Einen Abgrund nur bedekken
212
Und den Höllenweg verstekken,
213
Der, da ihr euch blindlings freut,
214
Zu den Finsternissen leitet,
215
Wo euch ewge Qual bereitet.

216
Kehret um in Gnaden Zeiten,
217
Höret die Bußglokken leuten
218
Und verfluchet eure Lust,
219
Da ihr bei den geilen Possen,
220
Sodomsfrüchte habt genossen;
221
Schlagt mit Reue an die Brust,
222
Waschet euch von euren Sünden,
223
So könt ihr noch Gnade finden.

224
Seelen! die die Unschuld schüzzet,
225
Die nicht durch den Trieb erhizzet,
226
Der die Herzen feurig macht,
227
Nehmt die reine Lilijen-Krone,
228
Die die Keuschheit trägt zum Lohne,
229
Als den besten Schmuk in acht;
230
Jhr steht auf den Scheidewege,
231
Meidet alle Lasterstege.

232
Tugend will euch lieblich krönen,
233
Flieht das Lokspiel der Sirenen
234
Das mit falschen Klang betriegt.
235
Da ist nur ein schön Gemüthe,
236
Wo der Jugend frischen Blüte,
237
Unbeflekt und unbefiegt;
238
Wer den schnöden Lastern fröhnet,
239
Kämpft nicht, und wird nicht gekrönet.

240
Tugend winkt, die Laster lokken,
241
Stellen viele eitle Tokken
242
Jm gepuzten Glanze vor;
243
Wer der Tugend Reitzung fliehet,
244
Sich um falschen Schein bemühet,
245
Handelt blindlings als ein Thor,
246
Sieht, daß er zulezt betrogen,
247
Wenn der eitle Schein entflogen.

248
Tugend-Weg bringt wahre Freude,
249
Lasterpfad zeigt eine Weide,
250
Wo ein wilder Honig fleußt:
251
Wer auf Tugend-Wegen ringet,
252
Sieht das es ihm wohl gelinget;
253
Wer dagegen das geneust,
254
Was die Geilheit aufgetischet,
255
Schmekt daß es mit Gift vermischet.

256
Alle diese Lokkungsspeisen,
257
Die die Laster euch anpreisen,
258
Nähren nur die Sinnligkeit,
259
Was sie als ein Eden rühmen,
260
Lieblich schmükken und beblühmen,
261
Mit Lokbeeren überstreut,
262
Ist wenn wir es recht besehen
263
Eine Au wo Thiere gehen.

264
Wolt ihr diese Auen fliehen,
265
So müßt ihr euch stets bemühen
266
Auf dem rechten Pfad zu gehn;
267
Wer sich nicht will darauf weiden,
268
Muß von diesen falschen Freuden,
269
Sein sonst lüsternd Aug abdrehn,
270
Und dagegen stets erwegen,
271
Was die Keuschheit bringt vor Seegen.

272
Augen sind die offnen Thüren,
273
Jhre Blikke die verführen,
274
Einem, der dem Simson gleicht,
275
Wer da meinet fest zu stehen,
276
Will den Weg der schlüpfrich gehen,
277
Wird gar bald zum Fall gebeugt;
278
Da er gleich darnieder lieget,
279
Und im Falle schon besieget.

280
Welcher sich nicht will verbrennen,
281
Muß nicht nah zum Feuer rennen:
282
Meide die Gelegenheit,
283
Jüngling! die du zu bedenken;
284
Wirst du dich zu solcher lenken,
285
Bist du von dem Fall nicht weit:
286
Denn wo Stroh und Feuer zusammen,
287
Da entstehen leichtlich Flammen.

288
Müßigang in Ueberflusse,
289
Der verführt auch zum Genusse,
290
Den die Wollust sich erzielt,
291
Wer also in Faulheit lieget,
292
Sich an Speiß und Trank vergnüget,
293
Seinen Durst mit Wein abkühlt,
294
Wird gar leicht dazu verführet,
295
Daß er seinen Kranz verliehret.

296
Böse Lust die wohnt im Herzen,
297
Die leicht zum verbotnen Scherzen,
298
Den verdorbnen Sinn bewegt:
299
Darum muß man beten, ringen,
300
Jhre Reizungen bezwingen,
301
Wenn sie sich im Fleische regt,
302
Und wie die Apostel sagen,
303
Fleisch und Blut ans Kreuze schlagen.

304
Schauet auf des Heilands Leiden,
305
Wenn das Fleisch sich denkt zu weiden,
306
In versagter Uppigkeit:
307
Wenn die Andacht sich vergnüget,
308
An dem, der in Blute lieget,
309
Wird das Herze bald befreit,
310
Bei Betrachtung seiner Dornen,
311
Von der Wollust scharffen Spornen.

312
Denket endlich auf das Ende,
313
Da man die entfärbten Hände,
314
In dem Todes-Schweisse ringt;
315
Was alsdenn ein geiles Leben,
316
Wenn wir unsern Geist aufgeben,
317
Vor betrübte Folgen bringt:
318
So werd ihr der Geilheit Strassen,
319
Die zur Hölle führn, verlassen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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