Der wunderbahre Bienenstatt

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Johann Justus Ebeling: Der wunderbahre Bienenstatt (1747)

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Auf mein Herz zu GOttes Preise
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Der allmächtig, gütig, weise!
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Und besinge nun den Staat
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Den das Heer der Bienen hat,
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Weil aus dieser Thiere Werken,
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Ueberzeugend zu bestärken,
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Daß der Schöpfer aller Welt,
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Sie zum Wunder dargestelt.

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Siehet man auf die Anstalten,
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Auf das klügliche Verhalten,
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Wie sie ihren Staat formirn,
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Jhrer Zellen Bau aufführn:
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So muß man mit Lust gestehen,
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Daß er weislich ausersehen,
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Und daß jedes Fach und Schicht
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Schön und künstlich eingericht.

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Sehen wir die Nationen,
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Die vereint zusammen wohnen,
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Nach dem Staatsgesetzen an,
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So sind alle unterthan
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Einem König der sie führet,
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Der in jedem Stok regieret,
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Unbekand Gesetze giebt,
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Die das Bienen Volk ausübt.

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Diese kleinen Kreaturen
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Zeigen uns viel klare Spuren
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Daß der Schöpfer sie gemacht,
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Und recht weislich ausgedacht
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Zu dem Zwek den man ersiehet,
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Wenn man in Betrachtung ziehet,
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Wie der Bienen grosse Scharn,
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Honig machen, Wachs ersparn.

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Es sind unterschiedne Arten,
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Einge die der Arbeit warten,
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Die mit Rüsseln sich zu nährn,
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Und mit Stacheln sich zu wehrn
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Wunderbahrlich sind versehen;
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An den Füssen drauf sie gehen,
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Hängen Häckgen welche klein,
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Und wie krumme Siecheln seyn.

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Andre die wir Hummeln heissen,
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Sich der Arbeit nicht befleissen,
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Sind, nach unsern Augenschein
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Dunkler Farbe, Männelein,
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Die nur das Geschlecht vermehren,
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Wie uns die einstimmig lehren,
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Die der Bienen Staat, Bau, Flucht,
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Jm Naturreich untersucht.

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Weil die Hummeln nicht ausfliegen
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Sondern meist zu Hause liegen,
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Ist es auch warscheinlich klar,
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Daß derselben müßge Schaar,
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Sonst dem Bienen Staate nüze,
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Weil sie im verborgnen Size,
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Wo der König
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Als Aufwärter sind bestellt.

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Diese Hummeln sind gelitten,
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So lang Schwärme auszubrüten:
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Aber zu des Herbstes Zeit,
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Werden sie verjagt, zerstreut;
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Weil sie nur den Honig saugen,
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Und zur Winterszeit nichts taugen;
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Stossen sie aus ihrem Haus,
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Meistentheils dieselben aus.

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Diese Hummeln, diese Bienen,
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Die den Königen bedienen
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Die formiren einen Staat
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Der viel tausend Glieder hat
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Wohnen in der Körbe Schichten,
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Die sie sich von Wachs aufrichten
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Oder wo etwan ein Raum,
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In der Felsklufft, hohlen Baum.

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Wenn die Landschafft wird zu enge
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Bei der jungen grossen Menge:
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So muß sich davon ein Theil,
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Ohngesäumet in der Eil,
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Anders wieder niederlassen
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Wie die den Befehl abfassen,
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Die als Alte drin regiern,
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Und den Herschafts-Scepter führn.

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Alsdenn wird ein grosser Lermen,
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Und sie fangen an zu schwärmen,
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Fliegen wenn ihr König rufft,
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Sumsend in die weite Lufft;
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Flattern darin hin und wieder,
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Endlich sezen sie sich nieder
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Bis sie sich auf ihrer Flucht,
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Einen Wohnplaz ausgesucht.

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Wenn der Korb ist zu bereitet,
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Werden sie dahin geleitet,
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Durch ein klingendes Gethön,
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Welches sie bewegt zum gehn:
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Da sie ihren Siz einnehmen,
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Welchen sie hernach bequemen
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Und zur Wohnung auferbaun,
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Wie wir mit Verwundrung schaun.

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Alsdenn pflegen die Partheien,
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Sich im Felde zu zerstreuen
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Diese sammlen Bauwachs ein,
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Von den Wiesen Blümelein,
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Welche jene ausarbeiten
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Und als Kleister zu bereiten
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Bauen Häuser, Wände, Thürn,
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Die die andren denn polirn.

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Wunderbahrlich sind die Werke,
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Wenn man sich zum Augenmerke,
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Dieser Bienen Baukunst nimmt,
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Da ein jedes gnau bestimmt,
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Als wenn sie der Winkel Grössen,
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Nach dem Cirkel abgemessen;
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Als wenn jede Zell und Schicht
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Nach dem Maasstab aufgericht.

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Wunderbarlich, wenn wir sehen
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Wie sie ihren Kleister drehen,
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Mit dem Kiefern
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Dehnen, schneiden, beugen glat:
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Da, wenn diese müde worden,
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Kommen von dem Bienen-Orden,
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Andre die das Werk vollführn,
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Und was grob gemacht, ausziern.

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Diese die da glätten, reiben,
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Ungesäumt die Arbeit treiben,
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Können nicht nach Speiß ausgehn,
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Darum müssen andre sehn,
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Wie sie Nahrung denen bringen,
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Die bei saurer Arbeit ringen:
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Und dieselben sorgen auch,
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Wie sie füllen ihren Bauch.

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Wunderbar ist das Beginnen,
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Wenn den süssen Nährerinnen,
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Von den andern wird gesagt,
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Daß sie jezt der Hunger plagt:
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Alsdenn pflegen sie zu neigen
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Jhren Rüssel, anzuzeigen
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Daß sie von der Arbeit matt,
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Und jezt Lust zu essen hat.

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Wenn sie dieses Zeichen haben,
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Theilen sie aus ihre Gaben,
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Und die Speisemeisterin
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Giebt den andern Honig hin,
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Der aus ihrer Blasse fliesset,
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Und die Hungrige geniesset
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Durch den Rüssel, da der Safft
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Jhr verneute Kräffte schäfft.

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Haben sie verneute Kräffte
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Eilen sie gleich zum Geschäffte,
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Bis die Wohnstadt ist formirt,
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Regelmäßig aufgeführt,
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Da sie immer Zell auf Zellen,
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In geformter Ordnung stellen,
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Bis daß in der schönsten Pracht,
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Jhre Stadt zum Stand gebracht.

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Auf laßt uns zur Augenweide
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Dieses wunderbar Gebäude
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Daß die Bienen künstlich drehn,
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Wie es fertig auch besehn!
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O! wie merklich sind die Spuren,
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An den Werk der Kreaturen,
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Von des Schöpfers weiser Macht,
160
Die dasselbe ausgedacht!

161
Denn wie kan ein Thier erfinden,
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Wie das alles zu verbinden,
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Was man an dem Bauwerk sieht,
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Dran die Biene sich bemüht.
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Der hat ihnen das gelehret,
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Den die Welt als Schöpfer ehret,
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Der hat, wenn mans recht erwegt,
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Diese Kunst in sie gelegt.

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Wenn man einen Stok beschauet,
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Der aus Wachse auferbauet,
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Sind die Taffeln anzusehn,
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Da die Wohnungen so stehn
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Wie in denen engen Gassen,
174
Häuser an ein ander passen;
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Da sie in zwiefachen Reihn,
176
Künstlich aufgerichtet seyn.

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Wenn wir uns die kleinen Zellen,
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Zur Bewunderung vorstellen:
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So sind sie nicht minder schön,
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Weil sie sich recht künstlich drehn,
181
Und mit denen spizzen Ekken,
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An die andren sich erstrekken,
183
Da sich immer Feld auf Feld,
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Wollgeformmt zusammen hält.

185
Wunderbahr sind auch die Gänge
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Dieser Taffeln, die sehr enge,
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Doch die kleine Kreatur
188
Drengt sich gerne durch die Spur
189
Damit stets in jeder Scheibe,
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Eine sanffte Wärme bleibe
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Die vor einer jungen Brut
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Heilsam, die in Fächern ruht.

193
Man sieht auch vor jeder Zelle
194
Gleichsam eine hohe Schwelle
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Die den Eingang kleiner macht:
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Dies ist weislich ausgedacht:
197
Weil die Schwellen dazu nüzen,
198
Daß sie ihren Bau beschüzen,
199
Der wenn er nicht fest verschränkt,
200
Leichtlich wankt, und sich verrenkt.

201
Obgleich ohne Beil und Hammern
202
Ohne Nagel, ohne Klammern
203
Dieser Bau zu Stand gebracht,
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Ist er doch so fest gemacht,
205
Und mit Kleister so verkittet,
206
Daß er bleibet unzerrüttet;
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Und auf viele Jahre steht,
208
Weil kein Wind an solchen weht.

209
Denn sich vor den Wind zu schüzen,
210
Kleiben sie in allen Rizzen
211
Eines Korbes, Kleister ein:
212
Wo die Wände dünne seyn
213
Werden sie mit Leim beschmiret,
214
Der wie dikkes Pech formiret:
215
Und wenn man denselben lekt,
216
Garstig und sehr bitter schmekt.

217
O! wie klug sind die Anstalten,
218
O! wie weise das Verhalten,
219
Das der Bienen Volk uns zeigt,
220
Deren Wiz kein Thier erreicht!
221
Wenn ein Thier sich etwan waget,
222
Zu dem Korb und daran naget,
223
Suchet süssen Honigseim.
224
Schmekt es diesen bittren Leim.

225
Dadurch wird es abgeschrekket,
226
Wenn es kaum den Hals gestrekket,
227
Daß es sich zurükke zieht,
228
Und nicht weiter sich bemüht
229
In den Bienenstok zu dringen,
230
Welches ihm sonst könt gelingen:
231
Also bringet Bitterkeit,
232
Diesem Staate Sicherheit.

233
Es ist alles woll gebauet,
234
Wenn man diese Stadt beschauet,
235
Und die äusre Einrichtung
236
Zeugt bei uns Verwunderung:
237
Aber wenn wir noch nach spüren,
238
Wie sie ihren Haushalt führen,
239
So muß man erstaunt gestehn,
240
Daß auch dieses Wunderschön.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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