Gedanken über einen redenden Raben

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Johann Justus Ebeling: Gedanken über einen redenden Raben (1747)

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Ich ging zu einem Freund, der einen Ra- ben nährt,
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Den ich sonst nie vorher mit Achtsam-
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Was seine Zunge schnarrt, weil er nicht
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Zu reden, wenn ich sonst vor ihm vorbei gegan-
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Doch jüngst erfuhr ich es, da ich den Kefich nah,
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Und er mich in das Haus von ferne kommen sah,
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Er fing in seiner Sprach ganz grob mich anzu-
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Und sprach das, was er kan, er sprach von nichts
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Ich merkte dieses Thier in seinem Kefig nicht,
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Ich drehte hie und da, verwundernt mein Gesicht,
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Ich dachte welcher Feind sucht dich allhie zu schmäh-
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Und durch den groben Schimpf so unverdient zu
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Er schimpfte noch einmahl du Narr, da sah ich an,
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Daß es der alte Schalk, der grobe Hans gethan,
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Mein Zorn verkehrte sich in ein ergözzend Lachen,
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Und dachte wer kan was aus einen Schimpfwort
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Das ein so dummes Thier, durch deine Gegen-
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Gleichsam erzürnet, spricht, mit vollen Eifer
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Es hat sonst nichts gelernt; ich will es ihm verge-
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Ich wünschte meinen Freund so lange nur zu leben,
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Als er noch schelten kan. Ich ging hinein ins Haus
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Und kam hinwiederum, durch solche Thür heraus,
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Wo er durchs Gitter gukt, ich dachte was wirds
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Er wird dich wiederum, vor einen Narren schelten.
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Allein er ließ mich gehn, mit stummer Höflichkeit,
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Vielleicht nur blos darum, weil seine Ruhezeit
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Schon da war, weil er müd, und nicht mehr
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Als er mir zu Gefalln, so grobe reden solte.
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So bald ich nur zu Haus fiel mir beim Raben ein,
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Ach! möchten wir doch stets auch so gesinnet seyn,
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Wenn uns ein Lästrer schimpft, die Zähne an uns
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Und nur die eigne Ehr, nicht anderen verlezzet!
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Ach! dächten wir auch stets wer ists? der uns anklagt,
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Was hat der Lästerer uns denn zum Schimpf gesagt,
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Der Rabe spricht du Narr, wir lachen noch darü-
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Und hören wenn er schilt, als wenn er lobet lieber,
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Warum? wir denken so, er hat sonst nichts ge-
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Er höret wieder auf, wenn man sich nur entfernt.
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Wie könten wir nicht auch so von den Menschen denken
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Die uns mit Lästerung bei reiner Unschuld kränken?
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Allein so bald ein Mensch, der warlich Raben-Art
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Uns durch ein Schimpfwort schilt in unsrer Gegen-
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So werden wir ergrimmt, wir suchen ihm sein
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Mit einer gleichen Münz gedoppelt zu vergelten.
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Und wird uns nur gesagt, daß eine Lästerzung
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Mit Geiffer uns besprüzt, so folgt Erbitterung
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Die gleich auf Rache denkt, wir suchen den zu
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Der uns zur Ungebühr, mit Lästerung beladen.
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So lieblos ist der Mensch, er zieht ein albern
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Das ihn mit Grobheit schimpft, selbst einem Men-
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Er pflegt den Raben gern von Schimpfe frei zu
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Und will dagegen sich doch an den Menschen rächen.
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Ja! sagst du das ist recht das Thier versteht es
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Ein Rabe schimpft uns nicht, weil er als Rabe
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Allein ein Mensche muß auch als ein Mensche spre-
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Sonst muß man wenn er schimpft, ihm das Ge-
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O! übereil dich nicht, in deiner blinden Wuth,
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Ich zweifle noch daran, ob ers als Mensche thut.
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Ein Lästrer ist ein Mensch, nach den Gesichtes Zü-
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In seiner Seele wohnt der Geist der schwarzen Lü-
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Er ist auch Raben-Art, weil er nichts anders kan,
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Als daß er solche schimpft, die ihn nur sehen an:
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Schweig still, entferne dich und laß ihn immer to-
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Der Lästrer Tadelsucht ist gut bei Schmeichlers Lo-

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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