Betrachtung über die verwelk- ten und abgefallnen Blätter

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Johann Justus Ebeling: Betrachtung über die verwelk- ten und abgefallnen Blätter (1747)

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Da liegen die durch Sturm und Wetter,
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Von Bäumen abgestreiften Blätter
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Die ihrer Gipfel runden Kranz
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Geschmükt mit einem güldnen Glanz;
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Sie liegen nun zu deren Füssen,
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Die sie vorhero zieren müssen.

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Vorgestern sahe man mit Prangen,
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Sie noch auf ihrem Gipfel hangen
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Da ihr in gelb verwandelt Grün,
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Wie ein bemahltes Goldblech schien;
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Sie sind zerstreuet von den Winden,
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Und auf bemoosten Grund zu finden.

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Sie liegen in verworfner Menge,
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Noch als ein güldenes Gepränge,
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Und scheinen bei dem Sonnenstrahl,
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Als eine grosse Münzen Zahl:
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Jedoch in wenig Tages-Stunden,
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Sind sie aus dem Gesicht verschwunden.

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Die Nässe schmelzt sie in der Eile,
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Und bringt sie zur geschwinden Fäule,
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Daraus wenn sie in Mist verkehrt,
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Sich künftig das Gesträuche nährt,
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Da sie in Lenz aus andern Bäumen,
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Mit schönen Flor von neuen keimen.

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Da sehet ihr! ihr stolzen Reichen,
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Die ihr den Bäumen zu vergleichen,
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Das Schiksal eurer Güter an,
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Und wie es euch ergehen kan,
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Wenn euch der Winter später Jahre,
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Zulezt bringt zu der Todten-Baare.

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Jhr prangt jezo mit euren Schäzen,
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Jhr könnt am Mammon euch ergözen,
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Allein was ist das eitle Geld,
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Das euer Herze an sich hält,
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Was ist das Gold, das euch so zieret?
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Ein Schmuk der sich gar bald verlieret.

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Des Sommers warme Sonnenblikke,
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Und euer scheinendes Gelükke:
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Die dauren eine kurze Zeit,
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Es folgen auf die Heiterkeit
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Des Sommers, kalte Witterungen,
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Und auf das Glük stets Aenderungen.

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Der Zeiten Wechsel sind geschwinde,
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Des Schiksahls stürmerische Winde,
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Erheben sich als wie ein Nord,
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Und treiben von uns wieder fort,
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Was wir vorher mit Lust besessen,
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Wird schmerzhaft wiederum vergessen.

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Die Kräfte der Natur vergehen,
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Jhr plaget euch mit kranken Wehen,
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Die eur erstarrter Körper fühlt,
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Den Krankheit, wie ein Pfeil durchwühlt,
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Jhr seht, wenn ihr so ängstlich keichet,
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Wie Gold und Reichthum von euch weichet.

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Da liegt es noch zu euren Füssen,
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Jhr müßt die starren Augen schliessen,
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Jhr werft noch einen matten Blik,
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Auf euren gelben Schaz zurük:
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Und seht bei eurem kranken Sterben,
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Wie ihn zertheilen frohe Erben.

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Jhr fühlt, daß euch der Geiz gereuet,
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Da ihr den Reichthum schon zerstreuet
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Als wie von Wind, zertheilt, verweht,
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Und in der Welt verfliegen seht.
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Was ihr so ängstlich aufgehoben,
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Ist lustig wiederum zerstoben.

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Der eine iägt es durch die Kehlen,
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Und macht sich von den sauren Quälen,
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Von eurer Kummervollen Plag,
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Nun einen lustig guten Tag:
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Er läst eur Gold in Wein zerfliessen,
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Was ihr erspart, wil er geniessen.

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Der andre trägt auf andre Weise,
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Durch eine weit entfernte Reise
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Den Mammon, euer Gut und Geld,
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In alle Länder dieser Welt:
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Es schmelzt der Abgott den ihr ehret,
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Der euch durch seinen Schein bethöret.

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Und der den ihr gar oft nicht kennet,
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Den ihr auch euer Gut misgönnet,
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Erlangt es, und er steigt empor,
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Und kömmt dadurch in schönen Flor:
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So wunderbahr gehts mit den Dingen,
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Die wir mit Müh zusammen bringen.

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Und wolt ihr das im Beispiel sehen,
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So merket nur der Blätter Wehen:
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Und schaut im Herbst es an, und glaubt,
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So wie der Baum da wird entlaubt:
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So wird dereinsten eur Vergnügen,
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Von euch fort, auseinander fliegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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