Die betrachtenswürdigen Bäume

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Justus Ebeling: Die betrachtenswürdigen Bäume (1747)

1
Wer sich um GOttes Preis, in die- ser Welt bemüht,
2
Und die erhabne Pracht der schlan-
3
Wird viel bewunderndes an ihren
4
An ihren harten Stamm, an ih-
5
An ihren inren Mark, an ihren
6
Die langen Röhren gleich, und gleichsam Adern
7
Wodurch die Säfte gehn und in dem Circuliren,
8
Sich zu der Höh hinan zu Ast und Zweigen füh-
9
Die Wurzeln schlingen sich auf ihrer finstren Bahn
10
Und klammern sich recht fest im Schoos der Erden
11
Wenn sie aus dem Saamen gehn; der Stamm der
12
Geht immer höher auf, der sich recht steil aufschlin-
13
Wenn man des Wachsthums Kraft an Bäumen
14
Das Auge des Gemüths dabei zum Schöpfer
15
So spürt man seine Macht, und sein allweises Fü-
16
Mit sonderbahrer Lust, mit innigen Vergnügen.
17
Ein kleines Saamenkorn blüht aus der Erd her-
18
Und treibt ein gros Gewächs in schlanker Höh em-
19
Wer sieht die Würkung nicht von mächtigen Re-
20
Die das, was klein sich zeigt, kan zu der Grösse
21
Man merkt die Weisheit hier, die alles mit Be-
22
Zum vorgesezten Ziel recht künstlich herrlich macht;
23
Es ist kein Theil am Baum, der nicht zugleich muß
24
Zu seiner Festigkeit, zu seinem Wuchs und Grü-
25
Wie wunderbar sind nicht die Wurzeln anzusehn,
26
Die in geschlunguer Kraft sich durcheinander drehn,
27
Und nach der Bäume Höh sich unten weit ausbreiten
28
Auf daß sie feste stehn und nicht leicht auszureuten?
29
Sonst risse gleich ein Wind, mit seinem starken
30
In Gärten, in dem Wald, die grossen Bäume
31
Wenn er mit Ungestüm in trüben Lüften wittert,
32
Und durch gepreßten Hauch Zweig, Ast und Stamm
33
Der Bäume Wurzeln sind von unten zugespizt,
34
Und oben breit und rund, weil dieses dazu nüzt,
35
Daß sie den Pfrimmen gleich die harte Erde tren-
36
Und ohne Wiederstand stets weiter dringen kön-
37
Sie sind auch ausgeholt; ob sie zwar holzig hart,
38
So sind sie schwammigt doch mit Rinden woll ver-
39
Und sind Canälen gleich, die solche Säfte saugen,
40
Die zu des Stammes Wuchs und seiner Nahrung
41
Sie sind auch hie und da mit Oefnungen versehn,
42
Wodurch die Lüfte sich als wie durch Röhren
43
Die dienen theils, den Saft, der klebricht fort zu
44
Theils in den inren Stamm sich mit ein zu verlei-
45
Sieht man den Baum selbst an, wie er sich aus-
46
So findet sich der Stamm, der in die Höhe steigt,
47
Sein holzig Wesen ist, wenn man es recht be-
48
Aus hohlen Fäserchen mit Saft erfüllt, erbauet.
49
Man trift drin Bläsgens an, darin der Saft ein-
50
Gekocht, gereinigt wird, und sind gleichsam ein
51
Von Drüssen die der Mensch in seinem Leibe träget.
52
Wenn man das Aussenwerk des Stammes Rind
53
Und seine schrofne Haut, so sieht man abermahl,
54
Die Wunder weiser Macht, die ohne alle Zahl,
55
Denn alles ist daran so herrlich eingefasset,
56
Daß alles ordentlich zu seinem Zwekke passet.
57
Es läuft der Saft im Stamm, als wie im Adern
58
Und sezt sich allemahl an den bestimmten Ort,
59
Und mehret seine Größ, da sich die Feuchtigkei-
60
Zu Aesten, Zweigen, Frucht im Zirkel-Lauffe
61
Wie die verborgne Kraft sie wunderbahrlich treibt,
62
Da hier ein salzig Theil, dort das was schweflicht
63
Und hier was Oelicht sezt, und zu dem Wachs-
64
Was als ein Nahrungssaft aus tieffer Erde drin-
65
Der Rinden Festigkeit, ist um den Stamm ge-
66
Die Häute sind gleichsam des Baumes Bettge-
67
Die ihn vor Hiz und Frost, vor mancherlei Ge-
68
Vor einem scharfen Zahn der Thiere woll bewah-
69
Die Aeste breiten sich verwundernswürdig aus,
70
Die Zweige die daran, sind wie an einem Haus,
71
Den hohen Sparen gleich, die alle das bestärken,
72
Was wir zu
73
Die weise Einrichtung, die daran ist zu sehn,
74
Ist wunderbahr gemacht, zur Lust und Nuzzen
75
Die Knospen lehren uns, wenn sie im Herbst sich
76
Wie drin die Urbildung, von Blüthen, Frucht
77
Und wie die Vorsehung dieselbige gebiehrt,
78
Wenn sich die Frucht, das Laub in rauhen Herbst
79
Recht angenehm ist es, wenn wir das weise Wesen,
80
Und dessen Vorsehung an diesen Augen lesen,
81
Die wenn uns der Verlust der grünen Pracht be-
82
In neuen Knospen schon die frohe Hofnung giebt,
83
Daß in dem künftgen Lenz, wie diese vorher sa-
84
Die Bäume wiederum in grüner Zierd ausschla-
85
Und kommt im Jahres Kreis, die angenehme Zeit,
86
So würket die Natur der Bäume Feierkleid,
87
Die grüne Liverei, die durch ihr herrlich Pran-
88
Der Augen starren Blik zu unsrer Lust auffangen.
89
Da siehet man vergnügt der Bäume hohen Thron,
90
In grünlicher Gestalt, worauf die Frühlingskron,
91
Das Laub den Gipfel dekt: die mannigfaltge Blü-
92
Die röthlich glüht und weis lehrt uns die weise
93
Des Schöpfers, der den Baum mit solchen Glanz
94
Zu unsrer Augenlust vor andern herrlich macht.
95
Es stuzt darob der Blik der nur betrachtend siehet,
96
In was vor Herrlichkeit der Bäume Gipfel blühet.
97
Jedoch der Puz verfliegt, der Blüthen Herrlich-
98
Fällt von den Zweigen ab, und wird herum zer-
99
Da werden wir gewahr, wie als an kleinen Stan-
100
Der Früchte zart Gewächs, die grünen Beerlein
101
Die durch der Sonnen Strahl und ihrem güldnen
102
Gleich einer schönen Reih von Edelsteinen seyn.
103
Die wachsen immerfort bedekt mit ihren Laube,
104
Das zu der Sommerszeit gleicht einer Sonnen-
105
O! ewge Majestät! das Herze wird gerührt
106
Wenn es die Pracht erwegt, womit der Baum
107
Und dabei untersucht, wie alles dran entsprossen,
108
Und aus der Seegens-Quell der ewgen Macht ge-
109
Der Blättter Mannigfalt ergötzet das Gesicht,
110
Und stärkt den Augenstrahl. Wenn man beim Son-
111
Jhr Kunst-Gewirk beschaut, und aufmerksam er-
112
So ist in jedem Blat ein Abris vorgeleget
113
Von einem ganzen Baum. Wenn man mit Kunst
114
So von einander nimmt, wie es die Theile hat;
115
So lernet man es recht mit seiner Pracht erkennen,
116
So wird man erst gewahr, daß es gar woll zu nen-
117
Der Allmacht Meisterstük. Die Adern die gestrikt,
118
Die machen einen Baum, daran man erst erblikt
119
Den Stamm der sich darauf in manchen Ast aus-
120
Woraus sich wiederum der Zweige Meng herleitet.
121
Wenn man ein Blat beschaut, wie es im Häuten
122
So scheint es als ein Nez, das zierlich ist gefügt
123
Und wunderbahr gestrikt, als wäre es gesponnen,
124
Da es doch wie ein Saft, aus seinem Zweig ge-
125
Die innre Zierlichkeit ist recht bewunderns werth,
126
Doch wenn man nur das Aug aufs Aussenwerk
127
So findet man so viel Verwundrungs-volle Spu-
128
Der ewig weisen Macht, an Farben und Figuren.
129
Erwegt man ihren Nuz; so sieht man alsobald,
130
Daß sie wie Fächer sind, die brennende Gewalt
131
Der Sonnen, von der Frucht in etwas abzulen-
132
Und sie des Morgens früh mit frischen Thau zu
133
Sie sind ein Schuz und Schirm, beim kalten Win-
134
So lang die Frucht noch zart, sie theilen Nah-
135
In eine zarte Blüt durch die sehr kleinen Röhren,
136
Wodurch aus Ast und Zweig die dünnen Säfte
137
Das Laub ist auch sehr schön zum Schirmdach vor
138
Das in dem Walde läuft; Es ist dem Baum zur
139
Es dient den Vögeln auch, die sich in stillen Schat-
140
Wo sie das Laub bedekt, mit Lust zusammen gat-
141
Es dekt ihr künstlich Nest: damit nicht jederman,
142
Die jung und matte Frucht so sichtbahr finden kan,
143
Es giebt den Menschen selbst manch inniges Ver-
144
Wenn sie zur Sommerszeit in seinem Schatten
145
Wenn man den Baum nur so nach jedem Theil
146
Die Früchte auch besieht, die er zur Reiffe hegt:
147
So muß man alles das, bewundernswürdig nennen
148
Was wir bei ihrer Blüth und Wachsthum sehen
149
Und wie vergnügt ist es, wenn man den Baum
150
Wenn er zur Frühlings-Zeit in schönen Schimmer
151
Da ein durchsichtig roth mit weisser Pracht verei-
152
Recht funkelnd in das Aug uns zum Ergötzen schei-
153
Der Früchte Lieblichkeit, die aus der Blüt ent-
154
Daran des Schmukkes Zier verwehet und vergeht
155
Dient uns hernach zur Lust; und wenn wir sie erst
156
So kan sie uns dabei auch im Geschmak entdekken,
157
Wie schön die Baum-Frucht sei, wovon der Ast
158
Zur späten Herbstes Zeit, als wie am Seegen
159
Das Auge wird daran vergnügt, die Zunge fühlet,
160
Wie gütig unser
161
Drum Menschen sehet doch der Bäume Wunder-
162
Die unsers Schöpfers Kraft zu unsern Nuz ge-
163
Rühmt seine Vorsehung und ihr allmächtig Wal-
164
Die drauf in diesem Jahr uns viele Frucht erhal-
165
Seht ihr die Bäume an; so lernt auch dies da-
166
Daß jeder von uns auch den Bäumen ähnlich sei:
167
Ein umgekehrter Baum giebt uns das äusre Wesen,
168
Und unser Ebenbild im Abdrnk klar zu lesen.
169
Die Wurzeln stellen uns, mit ihrer Fasern Zier,
170
Das Haupt mit seinem Haar am Menschen-Körper
171
Der Stamm gleicht unserm Leib, und an den Ast
172
Kan man ein ähnlich Bild von Bein und Armen
173
Durch Fasern ihres Stamms, die voller Röhren
174
Dringt der gequollne Saft in Ast und Zweige ein,
175
Und sind den Adern gleich, dadurch das Blut fort-
176
Das sich recht wunderbar durch alle Glieder dre-
177
Ein Baum ist angefüllt mit Bläsgen, drin der
178
Gleichsam
179
In eines Menschen Leib ist diesem zu vergleichen,
180
Weil sie die Nahrung auch recht säubern und erwei-
181
Die Röhren voller Luft, die durch die Stämme
182
Die geben uns ein Bild von unsrer Lung zu sehn:
183
Anstat der Haut sind sie mit Rinden überzogen,
184
Wodurch die Feuchtigkeit die sie zu viel gesogen,
185
Als durch Schweislöcher geht. Ein Baum stammt
186
Und muß auch wiederum zu Staub und Asche wer-
187
Wir sind ihm darin auch, als Menschen alle gleich,
188
Der Todt der liefert uns ins unterirdsche Reich,
189
Wo sich der Körper trennt, da faulen alle Glieder,
190
Und lösen sich in Staub, daraus sie stammen wieder.
191
Des Menschen Körper wird durch Krankheit un-
192
An Bäumen wird auch oft der Seuchen Art er-
193
Ein Rost, ein scharfer Krebs, ein Wurm der sie
194
Stellt uns das Elend vor, daß unsern Körper pla-
195
Der Zeiten scharfer Zahn der ihre Stämm anfaßt,
196
Der Jahre drükkende und überschwere Last,
197
Befördert endlich noch der Bäume ihr Verderben,
198
Das Alter zehrt uns aus, und macht daß wir er-
199
O! wäre jederman den Bäumen darin gleich,
200
Wie sie an Früchten sind, so auch an Werken
201
Die aus dem Glauben gehn, so würden wir was
202
Und nicht dem Dornstrauch gleich, die Nahrung
203
Der keine Früchte bringt; so würde Nuz und
204
Wie an dem
205
Wie viele finden sich, die wie die Cedern prangen,
206
Woran doch keine Frucht nur schöne Blätter han-
207
Die einen grossen Schein der äusren Heiligkeit,
208
Der doch nur blos ein Saum vom Pharisäer-Kleid,
209
Darin ein Teuffel stekt. Der Werke Schau-Ge-
210
Sind oftmahls nur gemahlt, und nicht gewachsne
211
Ein jeder denke nach, und sehe sich recht an;
212
Weil sich ein jeder selbst am besten kennen kan:
213
Wer einem Baum gleich ist, der keine Früchte
214
Der denke wie viel Jahr ihn
215
Der sehe an die Zeit, als seine Gnadenfrist,
216
Wie bald dieselbige verfliegt, vorüber ist.
217
Der denke an den Spruch, und dessen weise Leh-
218
Die der mit Nachdruk spricht die Juden zu be-
219
Der als ein Herold kam, und in der Finsternis,
220
Das Licht verkündigte und zu der Busse wies:
221
Der Spruch heist so: die Axt ist nunmehr schon
222
Und an des Baumes Stamm, und Wurzel ange-
223
Wer keine Früchte bringt die gut, wird umgehaut,
224
So gehts den Menschen auch die
225
Ein faul Holz, fauler Mensch, sind beide zu ver-
226
Weil sie zu Nichts sind nüz, nur Brände, zu den

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.