Das Verlohrne Paradies. Zehnter Gesang

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John Milton: Das Verlohrne Paradies. Zehnter Gesang (1763)

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Satans schändliche That, die er in Eden vollendet,
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Wie er unter der Schlange Gestalt, vom verbothenen Baume
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Ward indessen im Himmel bekannt. Was kann des Allmächtgen
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Jhn, den Allwissenden? Weise, gerecht, in seinen Entschlüssen,
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Hindert’ er nicht, daß
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Denn er hatte dieß Herz mit völliger Stärke bewaffnet,
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Und mit freyem Willen begabt, so, daß sie die Listen
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Und zu entfernen, vermochten. Sie wußten zu wohl es, und sollten
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Stets den hohen Befehl in ihren Gedanken behalten,
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Nie vom Baume zu essen, den ihnen die Stimme des Höchsten
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So ausdrücklich versagt, wer zu der schändlichen That auch
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Nicht gehorcht, da fielen sie auch (wie konnte was anders
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Aus dem begangnen Verbrechen erfolgen?) in ihre Verdammniß,
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Und verdienten den Fall durch mannichfaltige Sünde
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Eilig begab sich die englische Wacht aus
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Traurig und stumm, und hatten gar bald sein Unglück vernommen,
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Voller Verwundrung jedoch, wie sich der listge Betrüger
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So geheim in den Garten gestohlen. So bald man im Himmel
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Diese widrige Zeitung vernahm; da wurden auch alle,
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Düstre Betrübniß, jedoch vermischt mit zärtlichem Mitleid,
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Welches sie nicht an ihrer Ruh und Seligkeit störte.
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Das ätherische Volk umringte die Wiedergekommnen
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Schaarenweis, alles von ihnen, so wie es geschehn, zu vernehmen.
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Zu bezeugen, wie wachsam sie in Eden gewesen,
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Vor des Allmächtigen Thron. Sie sahen sehr leicht sich entschuldigt,
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Und der Höchste, der ewige Vater, erhub aus der Mitten
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Seiner geheimeren Wolken im Donner also die Stimme.

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Jhr allhier versammelten Engel, und ihr auch, ihr Kräfte,
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Die ihr von einem mislungnen Geschäfft zurücke gekommen,
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Seyd durch diese Zeitung, die uns von der Erde gebracht wird,
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Nicht zu betrübt! Jhr konntet mit eurer treuesten Sorge
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Dieses nicht hindern; ich sagt’ es vorher, es würde geschehen,
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Damals sagt’ ich euch schon, es würde die schlimme Gesandtschaft
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Nur zu sehr ihm gelingen; er würde den Menschen verführen,
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Alles durch Schmeicheleyen ihm rauben, dieweil er den Lügen
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Wider seinen Schöpfer geglaubt
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Hat auf seinen freyen und ungezwungenen Willen,
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Den ich in ebener Wagschal’ ihm selbst zu lenken gelassen,
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Etwas gewirkt. Er ist gefallen! Was bleibet noch übrig,
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Als die Strafe, daß sie auf seine Missethat folge,
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Für vergebens gedräut, indem er, wie er gefürchtet,
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Jhn durch einen plötzlichen Schlag sogleich nicht getroffen:
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Aber er soll noch, ehe der Tag verstreichet, erfahren,
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Daß ihn Aufschub nicht gänzlich befreyt; Gerechtigkeit soll nicht,
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Doch wen schick ich hinab, die Schuldgen zu richten? Wen anders,
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Als dich, meinen einzigen Sohn, dich, meinen Geliebten,
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Welchem ich alles Gericht gegeben im Himmel, auf Erden,
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Und in der Hölle? Wie leicht sieht man, ich wolle mit Gnade
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Jhn, den gefallenen Menschen zu richten? Dich, der du von selber
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Dich zu seinem Erlöser, zu seinem Lösegeld setzest;
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Dich den Freund, den Mittler des Menschen, dich, der du bestimmt bist,
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Sterblich zu werden, wie er, um ihn vom Tode zu retten.

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Also der Bater; indem er voll Huld die leuchtenden Stralen
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Gegen die göttlichen Rechte verbreitet, und ohne Gewölke
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Seiner Herrlichkeit Glanz in seinem Sohne verkläret.
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Dieser drückte den ganzen Vater im völligen Licht aus,
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Und gab also darauf mit himmlischer Milde zur Antwort:
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Doch mir kömmt es nur zu, im Himmel sowohl, als auf Erden,
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Deinen erhabenen Willen zu thun, damit du auf immer
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In mir, deinem geliebtesten Sohne, zufrieden ruhest.
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Also geh ich hinab, allmächtiger Vater, auf Erden
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Sey auch, welches es sey, so fällt das schwereste dennoch
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Auf mich selber, wenn sich die Fülle der Zeiten genahet.
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Denn so hab ichs gelobt vor deinem heiligen Antlitz,
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Und, indem michs noch itzo nicht reut, erlaubest du billig,
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Aber ich will die Gerechtigkeit so mit der Gnade verbinden,
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Daß es offenbar werde, wie sehr sie befriediget worden,
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Und du besänftiget seyst. Ich habe keine Begleitung,
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Kein Gefolge vonnöthen, weil niemand dieses Gerichte
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Wird abwesend am besten verdammt, indem ihn die Flucht schon
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Ueberzeuget, und er sich allen Gesetzen entzogen;
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Ueberzeugung verdienet sie nicht, die höllische Schlange.

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Also sprach er, und stand von seinem stralenden Stuhl auf,
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Jhn begleiten die himmlischen Mächte, die dienenden Kräfte,
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Bis zu den Thoren des Himmels, von da die Aussicht von Eden,
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Und der Gegend umher, sich ihm eröffnete. Plötzlich
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Eilt er hinab; die Schnelle der Götter berechnet die Zeit nicht,
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Und schon sank die Sonne zu ihrer westlichen Neige
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Tief vom Mittag herab, und zu der gewöhnlichen Stunde
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Machten lispelnde Lüfte sich auf
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Und aus Westen herzu die Kühlung des Abends zu führen:
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Unter den Bäumen sich naht, den schuldigen Menschen zu richten.
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Sie vernahmen die Stimme Gottes, indem sie im Garten
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Wandelte; durch sanftwehende Winde gelangte sie itzo,
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Da sich der Tag zu neigen begonnen, zu ihren Ohren.
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Sich zu verbergen unter der Hülle der dickesten Bäume,
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Beyde der Mann und das Weib; bis daß Gott näher hinzutrat,
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Und mit vernehmlicher Stimm’
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Ich vermisse dich hier, und bin sehr übel zufrieden,
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Daß ich so einsam mich seh. Wie sehr bezeigtest du ehmals
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Deine Pflicht mir von selbst. Komm’ ich itzt weniger herrlich?
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Oder welche Verändrung entfernt dich aus meinem Gesichte?

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Er kam näher, und
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Ob sie vorher gleich die erste gewesen, die Sünde begangen.
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Beyde waren entstellt, und verstört; in ihrem Gesichte
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Sah man nicht Liebe zu Gott, nicht Liebe gegeneinander,
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Und des Zornes, der Hartnäckigkeit, der Falschheit, des Hasses;
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Bis nach ängstlichem Stammeln dieß
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Deine Stimme vernahm ich im Garten
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Denn ich bin nackt, und verbarg mich vor dir. Der gnädige Richter
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Hast du nicht meine Stimme gehört, sie niemals gefürchtet,
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Sondern dich drüber erfreut; wie ist sie dir itzo so furchtbar?
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Daß du nackt bist, wer sagte dir das
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Etwan gegessen, den mein Befehl so sehr dir verbothen.

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Mit belastetem Herzen gab
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Himmel! wie seh ich heute mich nicht unschlüßig, verlegen,
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Hier vor meinen Richter gestellt! Ich seh mich gezwungen,
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Ganz entweder auf mich ein solches Verbrechen zu nehmen;
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Oder ich muß mein anderes Selbst, die theure Gehülfinn
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Dieses Vergehn nicht lieber verhehlen, und Tadel und Schande
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So ihr ersparen? Doch harte Noth, und trauriger Zwang treibt
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Mich hiezu, damit nicht zugleich die Sünd’ und die Strafe
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Mich, so unerträglich sie sind, allein nur beschweren.
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Was ich vor dir verhehlt. Dieß Weib, Herr, das du gemacht hast,
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Mir zur Hülfe, das du, als deine vollkommenste Gabe,
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Mir geschenket, sie, die mir so gut, so wünschenswerth vorkam,
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Und so völlig gemacht für mich, so göttlich mir dünkte,
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Deren Thun, so wie es auch war, durch Anmuth doch recht schien,
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Diese — sie gab mir vom Baum; ich habe mit ihr gegessen

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Die erhabenste Gegenwart Gottes gab also zur Antwort:
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War sie denn etwan dein Gott, daß du, vor meinen Gebothen,
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Oder erschuf ich sie dir nur gleich, daß du ihr die Mannheit
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Hingabst, und die Stelle vergaßest, in welche dein Schöpfer
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Dich weit über sie setzte, indem er aus dir sie erschaffen,
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Und für dich sie gemacht, und deine Würde, vor ihrer,
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Daß sie deine Liebe gewönne; doch sollte sie dadurch
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Dich nicht beherrschen! Die Gaben, die sie so liebenswerth machten,
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Waren von keiner anderen Art; sie sollten nicht herrschen,
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Sondern von dir, von ihrem Haupte, beherrschet werden;

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Als er dieses gesagt, sprach er mit kurzem zu
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Sage mir, Weib, was hast du gethan
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Fast hinsinkend vor Schaam, bekannte sogleich ihr Verbrechen,
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Nicht geschwätzig, noch frech, vor ihrem Richter. Betroffen

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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