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Blumen waren ihr Lager; Violen und Hyacinthen,
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Und hier nahmen sie sich die Fülle wollüstiger Liebe,
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Als das Siegel von ihrem Verbrechen, die einzige Tröstung
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Für die begangene Sünde; bis endlich, völlig ermattet
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Vom wollüstigen Spiel, ein feuchter Schlummer sie einwiegt.
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Mit erheiternden Dünsten gewallt, und die innersten Kräfte
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In die Jrre geführt, nunmehr verraucht war; und schwerer
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Gröberer Schlaf, von dicken unsanften Dämpfen erzeuget,
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Und anklagenden Träumen gestört, nunmehr sie verlassen:
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Sahen sich an, und fanden gar bald ihr Auge geöffnet,
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Und das Licht des Verstandes verfinstert. Der Schleyer der Unschuld,
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Welcher sie vor der Erkenntniß des Bösen bisher noch geschirmet,
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War nun dahin; das gerechte Vertraun, die ursprüngliche Tugend,
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Und ließ bloß die schuldige Schaam bey den Nackten zurücke,
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Die sie bedeckte, doch deren Gewand nur mehr noch entdeckte.
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Aus dem wollüstigen Schooße der
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Saßen sie lange schweigend und stumm, mit verwirrtem Gesichte,
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Wie an ihrer Zunge gelähmt. Doch endlich stieß
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Obgleich eben so sehr v
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Aus dem traurigen Munde die unterbrochenen Worte.
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O! zur unglücklichsten Stunde hast du der betrügrischen Schlangen,
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Nachzumachen sie lehrte! Wir finden in unserem Falle
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Sie zu wahr nur, doch falsch in unsrer versprochnen Erhöhung.
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Leider ist unser Auge geöffnet! Wir kennen das Gute,
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Traurige Frucht der Erkenntniß, wenn dieses zu wissen erlangt wird,
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Was so nackend uns läßt; uns dieser Ehre beraubet,
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Dieser Reinigkeit, Unschuld und Treu, die ehmals uns schmückten;
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Jtzo besudelt, befleckt! In unserm Angesicht brennen
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Und die Schaam, das letzte der Uebel, die uns von dem erstern
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Keinen Zweifel mehr läßt. Wie soll ich das Angesicht Gottes,
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Und der Engel, in Zukunft ertragen? ich, der es vorher oft
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Mit entzückenden Freuden geschaut? Die ätherschen Gestalten,
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Werden mein Jrdisches völlig verblenden. O könnt’ ich hier einsam,
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Wild, im dicksten Gehölze verborgen, mein Leben vollenden;
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Da, wo die höhesten Wälder mit undurchdringlichen Zweigen
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Allem Lichte von Sonn’ und Sternen den Eingang verwehren,
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Schwarz als die Nacht. Verhüllt mich, ihr Tannen! verhüllt mich, ihr Cedern,
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Mit den unzähligen Zweigen, damit ich, darunter verborgen,
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Nimmer sie seh! Doch laß uns nunmehr in dem kläglichen Zustand
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Mit einander erwägen, wie wir für dießmal die Theile,
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Jtzo so wenig geziemt, einander am besten verbergen.
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Jrgend ein Baum kann vielleicht, wenn wir die breitesten Blätter
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Aneinander gefügt, die nackten Lenden umgürten,
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Und den mittleren Leib mit seiner Hülle bedecken,
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Unsre Verbrechen verräth, und uns Unlauterkeit vorwirft.
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In den dichtesten Wald, und wählten zu ihrer Verhüllung
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Sich den Feigenbaum aus; nicht diesen, welcher berühmt ist
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Senken sich oft zum Boden herab, und schlagen drinn Wurzel,
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Daß ein fruchtbarer Kreis von nebensprossenden Töchtern
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Hochgewölbt, hängt, und unter ihm Reihn von schallenden Gängen.
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Hier sucht oft der Indische Hirt im Schatten Erfrischung
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Vor des Mittags brennendem Stral, und treibet die Heerden
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Unter das Dach der dichtesten Zweige. Von eben den Blättern
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Aneinander, die Schaam der nackenden Lenden zu decken.
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Eitle Bedeckung vor Schuld, und vor der gefürchteten Schande,
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Nur zu ungleich nunmehr dem ersten nackenden Schmucke!
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So fand unter den Bäumen von waldichten Inseln und Küsten
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Uebrigens nackend, und wild. Nachdem sie sich also bekleidet,
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Und die beschwerliche Schaam zum Theil, wie sie meynten, verhüllet,
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Ob ihr Herz gleich dadurch nicht ruhiger, leichter geworden:
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Saßen sie nieder, und weinten. Es strömten nicht Thränen allein nur
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Zu entstehn; Zorn, Mistraun, und Haß, und Zwietracht und Argwohn,
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Die ihr Gemüth von Grund auf empörten. So wie es vorhero
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Still und friedlich gewesen, so war es itzt stürmisch und trübe.
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Denn der Verstand regierte nicht mehr; der Wille gehorchte
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Sinnlicher Lust, die aus der Tiefe, woraus sie sich aufschwang,
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Ueber die höchste Vernunft die Oberherrschaft verlangte.
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Aus solch einem zerrütteten Herzen erneuerte
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Mit verstelltem Gesicht, und sehr verändertem Tone,
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Wärst du doch meinen Worten gefolgt, und wärest geblieben,
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Wie ich so zärtlich dich bath, als diesen unglücklichen Morgen
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Die seltsame Begierd’ umher zu wandern, dir einfiel,
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Ohne zu wissen, warum: so wären wir itzo noch glücklich,
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Elend, nackend, beschämt! O suche doch niemand in Zukunft,
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Wenn die Noth ihn nicht zwingt, die schuldige Treu zu bewähren.
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Und wenn jemand mit Ernst dergleichen Prüfung sich wünschet,
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O so denke man nur, daß er zu fehlen schon anfängt.
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Plötzlich empört durch diese Beschuldgung, gab
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Welche beleidgende Worte sind deinen Lippen entfallen,
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Oder der Lust umherzuwandern, so wie du es nennest?
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Hätte dieß Unglück vielleicht nicht eben so gut uns betroffen,
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Wärst du auch bey mir geblieben, und wäre die listge Versuchung
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Hier auch geschehn: so hättest du doch gewiß bey der Schlange,
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Die so redete, wie sie geredt, Betrug nicht gemerket.
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Nicht der mindeste Grund war da von Feindschaft vorhanden,
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Sagst du: wär ich doch nie dir von der Seiten gekommen!
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Eben so gerne wär ich, als eine leblose Ribbe,
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Ewig dran kleben geblieben. So wie ich einmal gemacht bin,
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Warum hast du, mein Oberhaupt, denn mir durchaus nicht befohlen,
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Du warst selost zu gelinde; du hast nicht sehr mich bestritten,
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Hast es gebilligt, erlaubt, und freundlich mich von dir gelassen.
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Hättest du ernster und fester auf deiner Verweigrung beharret,
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So hätt’ ich nicht gefehlt, so wärst du mit mir nicht gefallen.
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Jtzt zum erstenmal zornig gab
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Ist dieß die Lieb’? Ist dieß die Belohnung der treuesten Liebe,
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Die ich dir, Undankbare, so voller Großmuth bezeiget,
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Da du verlohren warest, nicht Ich? Ich konnte ja leben,
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Und unsterbliche Freuden genießen, und wählte mit dir doch
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Deines Verbrechens? Bin, wie du sagst, in meinem Verbothe
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Strenge genug nicht gewesen? Was konnt ich denn mehr noch? Ich warnte,
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Ich ermahnete dich, und sagte vorher die Gefahr dir,
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Und den laurenden Feind, im Hinterhalte verborgen.
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So hat Zwang hier nicht statt. Doch ein zu stolzes Vertrauen
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Trieb dich fort; du verließest dich drauf, daß keine Gefahr sey,
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Oder daß du dadurch zu einer rühmlichen Prüfung
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Anlaß bekämst. Auch ich, ich habe vielleicht drinn gefehlet,
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Und gedacht, es dürfe sich dir kein Uebel nicht nahen.
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Diesen Jrrthum bereu ich zu spät; er wird mein Verbrechen,
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Und macht dich zu meinem Verkläger. So wird es in Zukunft
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Jeglichem gehn, der zu sehr der Tugend des Weibes vertrauet,
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Und, ist sie sich selber gelassen, und folget draus Unglück:
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Wird sie am ersten die Schuld auf seine Gefälligkeit werfen.