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Steige vom Himmel herab, Urania
Nach dem Horaz Od. III. IV. 1. De-
scende coelo etc. Urania heißt nach dem
Griechischen himmlisch, daß er also, wie
zu Anfang des Gedichts, die himmli-
sche Muse anruft. N.! Wenn
ich dich anders
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Recht bey diesem Namen genannt. Der göttli-
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Folg’ ich, indem ich verwegen weit über den hohen
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Und weit über den Flug der Schwingen des
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Nicht den Namen, dein Wesen ruf ich zum kühneren Lied an,
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Denn du bist keine der Musen
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Gipfel nicht; sondern bist himmlisch gebohren. Bevor noch die Hügel
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Sich erhoben, und Quellen geströmt, da hast du vertraut schon
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Mit der ewigen Weisheit dich unterhalten; der Weisheit,
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10Deiner Schwester; und rührtest mit ihr die himmlischen Saiten
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Vor dem allmächtigen Vater, der an den harmonischen Liedern
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Selbst sich ergötzte. Geleitet durch dich, erkühnte mein Flug sich
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In den Himmel der Himmel hinauf zu steigen. Dort trank ich
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Als ein irdischer Gaft die empyreischen Lüfte,
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Wieder zur Erde zurück, von der ich entsprungen; damit ich
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Stürzte,) von diesem fliegenden Roß, das kein Zügel regieret,
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Abgeworfen, herunter falle, die Felder des
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Noch die Hälfte des Lieds ist ungesungen, doch enger
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In die sichtbare Sphäre des irdischen Tages beschränket.
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Da ich auf sterblichem Boden nun steh, und die kühnen Gedanken
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Nicht mehr über den Pol hinaus entzückt sind: so sing ich
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Oder verstummt; ob ich gleich in übele Tage
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Leider gefalln in übele Tage, voll übeler Zungen,
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Sitzend in Finsterniß, rund um mich her mit Gefahren umgeben,
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Einsam, verlassen; doch nicht allein, so lange du nächtlich
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Ueberpurpert. Begeistre mein Lied,
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Würdige Hörer finden, obgleich nur wenig der Edlen.
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Aber verjage von mir den barbarischen Misklang des
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Wo selbst Fels und Hain zu seinen entzückenden Liedern
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Ohren hatten; bis endlich Geschrey und wildes Getümmel
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Leyer und Stimme betäubt; die Muse konnte den Sohn nicht
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Schützen; doch also verlaß du nicht den, der itzo dich anruft,
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Sage, was drauf, o Göttinn, erfolgt, da so huldreich der Engel
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Von dem Abfall und Streit der rebellischen Thronen erzählet,
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Und ihn durch dieß schreckliche Beyspiel gewarnet, vor gleichem
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Als die Nachwelt auch, die seinen Lenden entsprungen,
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Zu bewahren; und da der Baum der verbothnen Erkenntniß
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Jhnen versagt war, dieß einzge Geboth, so leicht zu erfüllen,
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Niemals zu brechen, und sich vielmehr an mancherley Arten
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Voller Verwundrung hatt’ er mit Eva, seiner Vermählten,
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Die Erzählung gehört; und saß in tiefen Gedanken
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Ueber so hohe fremde Geschichte, so seltene Dinge,
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Welche sie kaum sich zu denken vermochten; als Haß in dem Himmel,
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Und so nah an der Seeligkeit Sitz, und dem Throne des Ewgen.
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Aber das ausgestoßne, zurückgetriebene Böse,
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Stürzte stromweis’ auf die, durch die es am ersten entsprungen,
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Da es unmöglich sich mit dem Genuß der reinesten Freuden
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Die er deshalb sich gemacht. Ein starkes unsündges Verlangen
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Fasset ihn itzt, vom Engel zu wissen, was näher ihn angieng,
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Wie die Welt, wie Himmel und Erd, im Anfang entstanden,
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Wenn, und woraus sie geschaffen, zu welchem Zwecke; was vor ihm
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Der erst eben die labende Quelle geschmeckt, noch begierig
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Auf dem rinnenden Strom, der mit lebendigem Murmeln
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Jmmer noch neuen Durst ihm erregt, sein Auge verweilet:
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Große Dinge, sprach er, und wundervolle Geschichte
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So verschieden von allem auf dieser niederen Erde,
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Hast du uns offenbart, o göttlicher Lehrer! Dich sandte
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Von dem Empyreum herab des Ewigen Gnade,
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Uns in Zeiten vor Dingen zu warnen, die unser Verderben,
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Da wir durch unsern Verstand sie nicht zu erreichen vermochten
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Mit unsterblichem Dank sind wir der unendlichen Güte
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Auch für diese Warnung verpflichtet, und feyerlich fassen
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Wir den festen Entschluß, den Willen des obersten Herrschers
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Aber indem du so huldreich uns würdigst, zu unserer Lehre,
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Dinge, weit über die irdschen Gedanken, vor uns zu enthüllen,
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Die nach der obersten Weisheit Befehl zu unsrer Erkenntniß
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Nöthig schienen; so laß dir auch itzt herunter zu steigen,
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Vortheilhaft scheint; wie dieser Himmel im Anfang entstanden,
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Der so entfernt ist von uns, mit zahllosen feurigen Kugeln
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Ausgeziert, und die umringende Luft, die alles, was Raum heißt,
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Macht, oder ausfüllt; und rund um verspreitet, den blühenden Erdball
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In der heiligen Ruhe der langen Ewigkeiten
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Noch so kürzlich im Chaos zu baun
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Angefangen, wie bald sie vollbracht? ist dieses dir anders
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Uns zu enthüllen erlaubt. Wir suchen mit sträflicher Neugier
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Sondern sein Lob zu erhöhn, wenn unser Wissen vermehrt wird.
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Noch hat das große Licht des Tages die Hälfte der Rennbahn
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Zu durchlaufen, indem es entzückt am Himmel verweilet,
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Da es deine Stimme, die mächtige Stimme gehöret,
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Und die Natur aus der finsteren Tiefe der Wasser heraufstieg.
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Oder wenn nun zu deiner Erzählung der Abendstern. eilet,
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Und der vertrauliche Mond; so wird mit dem Schatten der Nacht auch
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Schweigende Stille sich nahn; der Schlaf, wenn du redest, wird wachen
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Völlig geendet, und dich vor dem Anbruch des Morgens beurlaubt.