Der Messias . Neunzehnter Gesang

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Messias . Neunzehnter Gesang (1773)

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Einen Anblick des ernsten Gerichts verhüllte der Menschen
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Vater durch Schweigen. Er sah, in der Mitte des großen,
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gedrängten,
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Unabsehlichen Heers der auferstandenen Todten,
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Eva auf einem Hügel stehn, und mit fliegenden Haaren,
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Ausgebreiteten Armen, mit glühender Wange, mit vollen
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Innigen Tönen der Mutterstimme, wie nie noch ein Mensch sie,
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Oder ein Engel vernahm, um Gnade! sie lächelte weinend,
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Flehen für ihre Kinder, um Gnade! zum Richter, um Gnade!
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Aber auf Einmal verschwand ihm der Schaueranblick; er hörte
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Einigemale nur noch sanft Lispeln der himmlischen Harfen.
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Mitleid däucht es ihm bald, bald däucht es ihm Freude, doch jez
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Hatt’ auch dieß sich verloren. Er sahe wieder Gesichte.
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Als erwach’ er aus tiefen Gedanken, beginnt er von neuem:

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Jezo sah ich die Schnitter der Erndte die Schaaren hinauf gehn,
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Und hinunter. Sie giengen mit scharfer Forschung Gebehrden
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Langsam vorüber, und schauten voll Ernst in die Schaaren und riefen:
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Komm!.. Dann führeten sie die Gerufnen, wie trübe Gedanken
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Stumm sie alle, wie Bilder an Gräbern, als Gräber noch waren,
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Auf den Gerichtsplatz hin. Da ward ein Seraph gesendet;
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Der trat langsam hervor, und brachte den hohen Befehl mit:

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Fallt auf das Angesicht nieder, und hört euer Urtheil, das vormals
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In dem Leben der Stunden, allein für sich nur der Fromme
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Ueber euch sprach; und zitternd sich lehrte, selbst selig zu werden!

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Und ich sah sie erblassen, und niederfallen zur Erde!
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Und sie lagen, und hielten zertrümmerte Felsen. Der Seraph
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Trat stillschweigend zurück. Jm Glanze der reineren Tugend,
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Mit der Hoheit der Religion, die er drüben am Grabe
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Schon in ihrer Göttlichkeit sah, erhub sich der beste,
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Und der liebenswürdigste Jünger, der fromme Johannes.
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Und die Aeltesten standen um ihn. Er erhub sich, die Stolzen,
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Welche zur Erde niedergesunken auf dem Gerichtsplatz
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Lagen, die zu enthüllen; ihr Thun dem Tage zu zeigen!
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Gleich dem Wetter des Mächtigen, traf er nicht jede der Tiefen,
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Jede Höh nicht; berührete nur hier Gipfel, dort Abgrund;
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Ließ dann schweigen die schreckende Wolke. So sprach er: Jhr schuft euch
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Eigne Tugend, und stelltet dem Abgott über den Thron hin,
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Wo des Richters Gesetz stand, und, neben dem ernsten Gesetze,
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Euer Gewissen. Der Heilige, der das zarte Gefüh! selbst
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Nach des Ewigen Richtschnur maß; und doch um Erbarmung
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Weinend flehte, war sich nicht rein, und wußte, wer Gott sey:
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Aber ihr waret euch rein! kaum, daß ihr die große Versöhnung
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Auch annahmet. Und dennoch habt ihr die edle Begierde,
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Welche zur Ehr’ euch rief, zum Stolz herunter erniedert!
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Habt es gewagt, wer besser als ihr war, mit Strenge zu richten,
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Wer einfältiger, weiser; und tiefer drang in die Jrre
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Schwerer Pflichten, in sich geschärfter Gefühl des Guten
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Weckte, dieß Feuer nährte; mit Streng’ und Wahne zu richten!
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Euch unheilig erkühnt, die Tugend in Staube dem Schalle
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Jhres Namens, dem Schimmer von ihr in der Könige Hütten,
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Oder auf anderer Höh der Schattengröße des Menschen,
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Gleich zu halten! Jhr bautet euch selbst Glückseligkeiten,
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Tempel eurer Erfindung, auf schmeichelnder Ruhe gegründet,
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Aber nicht auf der heiligen Pflicht. Den Namen der Vorsicht
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Nanntet ihr zwar; doch trautet ihr mehr dem Wege des Menschen;
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Eurem Wege! Die höhere Seele, die euch die Natur gab,
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Habt ihr weit von dem Zwecke verleitet, zu dem ihr gemacht war’t!
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Habt der herzlichen, edlen, der frommen Menschlichkeit sanfte
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Liedestöne so oft mit rauhem Klange vermischet!
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So schien zwar nicht die That, des Gedankens Misbild; so war
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Aber das Herz in Verborgnem. Dort war es euch dunkel, der Friede
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Kam nicht in euer Herz, dem Feinde ganz zu verzeihen,
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Jhn in Stillem zu segnen!. O durft’ auf die Krone denn hoffen,
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Wer nicht rein war vor Gott? so gar vor dem eignen Gefühl nicht
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Rein in der Stunde der Angst; traf’s mächtiger ihn, daß er Mensch sey?
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Wer sich selber nicht mehr entrann; und dennoch um Gnade
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Zu dem erhabnen Versöhner nicht rief? und dennoch zum Stolze
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Wiederkehrte, zur eigenen Größe? sich selber versöhnte?
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Arme Ruhige! Sünder von Sündern! der letzte der Tage
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Konnte nur er euch, an euch, mit seinem Schrecken, erinnern?
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Und es konnt’ euch doch jede der Stunden des fliehenden Lebens
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Mächtig lehren, daß über den Gräbern ein Anderer richte,
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Als ihr selber! Erhebt euch, und seht die Ruhigern alle!
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Schaut nun, welches Ziel ihr verfehltet! Ein anderer Weg gieng
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Nach dem Ziele. Demuth, mehr Menschlichkeit, heißre Gebete
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Haben bis hin zu der Krone den Schritt der Sieger geleitet!
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Jhr habt niemals, wie sie, in Stunden wacherer Nächte,
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Weinend gerungen in tiefem Gebet! Jhr habet euch niemals
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Ganz des Elends erbarmt! Jhr habt die höchste der Freuden
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Unter den Freuden der Menschen und Engel niemals empfunden,
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Jene Freude, den Seher des Himmels allein zum Zeugen
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Unsrer Thaten zu haben, nur Jhn! uns frömmer zu achten,
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Seliger, wenn den Menschen die That, die wir thaten, verhüllt war!
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Niemals habt ihr genug des Hocherhabnen, des Ersten,
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Gottes Größe gekannt! Das ist es, daß ihr von Ruhe
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Lächelnd träumtet; allein bis zu jenem Frieden nicht kamet,
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Der in der Thräne des Büssenden rann, die um Gnade nur flehte,
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Nur um Gnade, durch Thränen und Blut des Mittlers erworben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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