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Der miskennet den ewigen Sohn, den Herrlichen Gottes,
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Der es nicht weis, daß durch Jhn, und für Jhn, der
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Schuf, und daß Er der Schaarenheere, die zählbar nur Jhm sind,
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Jener, die glückseligkeitfähig Verstand und Wahl macht,
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Herrscher ist, so lange bis einst, aus aller Welten
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Labyrinthen, die Wege des Ewigen alle, zu Einem
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Großen Ziele, der Seligkeit Aller, herüberkommen.
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Hätt’ am Kreuze nicht Er gerufen: Es ist vollendet!
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O so könnte das Heer ohne Zahl der Erschaffenen, ganz dann
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Selig, dereinst durch die Himmel: Es ist vollendet! nicht rufen.
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Aber, als er zu schaffen beschloß, beschloß er zu sterben.
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Jesus Christus, der göttliche Sohn des ewigen Vaters,
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Und der Mensch, stieg wieder hinauf zu der Höhe des Berges,
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Welcher, bis er sich zur Rechte des Vaters erhübe, sein Thron war,
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Sieh, ein Thron auf Erden; und doch des Herrschers der Welten!
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Unter ihm bebt’, und leuchtete Tabor. Die Auferwekten
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Standen um ihn, und ferner, als sie, die Cherubim Gottes.
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Offen waren die höhren Kreise gegen des Himmels
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Allerheiligstes. Christus stand in der Mitten, und lehnte
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Sich an einen bemoosten Felsen, der neben ihm ruhte,
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Nicht der Leidende mehr! Vor ihm, verloschen der Väter
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Und der Engel Schimmer, in werdende Dämmrung; Eloa’s
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Lichtausgiessende Morgenröthen, in Sommermondnacht,
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Aber so oft sein Auge voll Gottheit blickte, so saßte
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Süsses Gefühl der Endlichkeit Alle! so standen sie Alle
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Gern auf ihren Stufen, auf die, in der Reihe der Wesen,
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Er sie gestellt! so fühlten, durch ihn, sie Alle sich selig!
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Siehe, der Cherub verstand den Wink in gewendetem Antliz
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Christus, und schwebte dahin. Bald kam er mit Seelenschaaren
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Wieder, ihr Führer, der Todten, die, seit des göttlichen Sohnes
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Auferstehung, waren gestorben, und deren Leichen
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Gräber izt Weinende gruben, oder dem Staube die Urnen
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Mit der Cypreß’ umwanden. Die Blume blühet, mit welcher
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Einiger Gräber Geliebte nun bald bestreuen, und dennoch
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Ist schon reif das Gericht des Todten im blumigen Grabe.
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Christus Gesendeter führte die Seelen nach Tabor hinüber.
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Wie der Gewitterregen, im Sonnenstral hier heller,
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Trüber dort, wo es mehr sich wölkt, von dem Himmel herabfällt;
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Oder wie, wenn in einer erhabneren feurigen Seele
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Leidenschaft kämpft, und Vernunft, sie Gedanken zu Schaaren um-
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Wahre Gedanken, und falsche, doch diese mit Mienen der Wahrheit
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Täuscher, darein von der Leidenschaft Zauberstabe verwandelt.
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Nahe waren dem ersten Gericht die Seelen gekommen.
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Und sie schwebten vor Christus, und riefen ihr schnelles Erstannen
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Freudig aus, und bang, als sie, den Gott in der Mitte,
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Und die Götter um ihn erblickten. Der Herrscher der Welten
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Sprach: Wer seyd ihr Seelen? und dumpfes vermischtes Geschrey rief.
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Wer sie wären; bescheidenes Urtheil über sich selber,
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Stolzes mehr: allein in dem Antliz des stralenvollsten
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Unter den Göttern, sahen sie bald, daß Jhm sie vergebens
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Sich verbürgen. Und einige Götter sonderten Seelen
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Aus dem Haufen, und brachten sie näher dem obersten Gotte.
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Und der Richter richtete. Schnelle Worte geboten,
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Schnellere Winke den Engeln. Die Engel zeugten, enthüllten
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Flammenschrift; bald rollten sie wieder die Bücher zusammen;
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Streuten nur wenig umher des furchtbaren Glanzes. Die Seelen
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Redeten, schwebten verstummt. Kurz war das Urtheil des Richters!
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Traf gleich Blitzen! umglänzte mit Wonne, wie Stralen des Tages
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Den, der blind war, oder sein Wink gebot auch den Engeln
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Nur den Weg, den hinauf die Seelen, oder hinunter
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Wandeln solten. Es führen der Wege viele zum Abgrund,
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Viele gen Himmel, einige währen Aeonen, und Stunden
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Einige. Dort entdecken es ihnen der Welten Bewohner,
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Lassen es hier die Seelen selbst erforschen, warum sie
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Sich hinauf zu dem Throne Gottes schwingen, warum sie
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Ach! hinab in den Abgrund sinken. Der näheren Seelen
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Viele riefen, und stürzten in Tabors Staub sich nieder.
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Riefen: Jupiter, Gott des Donners! erbarme dich unser!
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Brama! Tien! Allvater! wir fehlten, sündigten, irrten,
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Zevs Kronion! Götterbeherrscher, erbarme dich unser!
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Kermath kam sein Engel entgegen, und lächelt’ ihm Liebe,
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Sagte: Du warst für die Menschen, mit denen du lebtest, zu edel,
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Guter Kermath. Das wars, daß sie dich verkannten, und haßten.
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Trockne sie nun die Zähren, die du, mit innigem Schmerze,
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Wegen dieser Verkennung in deiner Einsamkeit weintest.
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Komm, den Lohn zu empfahn, den diese Güte des Herzens,
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Diese Geduld dir erwarb. Blick auf! (er wies nach dem Sterne)
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Dort wirst du auf der ersten Stufe der Seligkeit stehen!
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Aber du steigst, die Ewigkeit durch, von Stufe zu Stufe,
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Jmmer von Helle zu Licht, von Freude zu Wonne!.. Sie schwebten
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Mit einander empor zu der ersten Stufe des Frommen.
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Einer von Indiens Königen war gestorben. Die Seele
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Wallte, noch ganz nicht wach von dem letzten Schlummer des Todes,
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Säumete, däucht’s ihr, in langen unabsehlichen Gängen.
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Jezo erwachte der Todte vom Schlummer, von seiner Größe
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Wahne noch nicht, von ihrem Taumel noch immer ergriffen.
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Gelimar lag auf dem Sterbelager, ein feuriger Jüngling,
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Recht in der vollen Morgenröthe des Lebens. Sein Freund stand
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Neben ihm, reicht’ ihm Kühle des Quells in brennendem Durste.
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Gelimar sprach: Auf ewig! was wähnest du anders? auf ewig
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Ist es, daß wir uns trennen! So sind die Loose gefallen
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Jenes Baumes, und jener Blume, des sterbenden Jünglings
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Hier, den du liebest, und deins, und aller, die Sterblichkeit athmen!
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Alles ist aus, vorüber, wenn wir verwelken, verdorren,
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Sterben! alles vergangen, als wär’ es niemals gewesen!
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Jüngling! was soll der weinende Blick voll Trostes? Du wilst doch
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Mich nicht etwa trösten? Was soll mir Tröstung? ich sterbe!
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Tröste dich, daß du leben mögest! Ich fürchtet’ es lange,
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Aber ich dacht’ es nicht oft, in der Freude der blühenden Jahre;
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Ach nun ist es gekommen, und ich muß wallen, hinunter
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Etwa ins Grab? ich walle nirgend hin! Denn ich bin dann
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Aufg’löset, ein Nichts! Du wirst dem verwesenden Leichnam
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Doch den Namen des Freundes wohl nicht, der dich liebete, geben?
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Ehmals schonet’ ich deiner Thränen; itzt kenn’ ich kein Schonen,
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Selber deiner Thränen nicht mehr! Mit eisernem Arme
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Fasset der Tod! und eisern wird des Sterbenden Seele!
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Ha, er ist entsetzlich der schwarze Gewittergedanke,
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Daß ich sterben muß! hinstürzen muß, und verwesen!
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Höre, vernimm, bewahre des Scheidenden Wort, du Geliebter,
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Wie ein Krieger, den Schild: Ach, daß ich sterbe, vergehe!
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Klag’ ich die Götter nicht an. Wir Armen sind zu geringe
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Zu der Unsterblichkeit! Eile nun hin, und schöpfe der Quelle
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Ganzen Strudel mir aus, damit ich noch Einmal mich labe,
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Oder, wird es mir Tod, gleich sterbe. Sein Freund gebietet,
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Und sie bringen ihm dar die volle Schaale des Todes.
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Bleicher ward er, und schwindelt’, und zittert’, und starb. Die getrennte
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Seele schlummerte fliehenden Schlaf von der letzten Erschüttrung.
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Ach sie schwung sich empor! Schon strömte des lauten Erstaunens
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Donnerruf! schon floß der freudigen süßen Verwundrung
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Silberstimme. Jhr Götter, unsterbliche Götter! ists möglich?
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Götter der Sonn’ und des Mondes, ists möglich? ich lebe? der todt war,
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Lebet? ihr Götter der Erd’, und des Himmels, und aller Sterne!
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Ach ich bin! kein letzter Traum des sierbenden Leibes
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Ist es! ich bin! und dieser kein Leib, der wie Blumen verwelket.
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Heilige, heilige Götter! der Sonne Götter, des Mondes,
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Und der Sterne, die dort mir immer herrlicher strahlen!
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Ach wo seyd ihr? wo such’ ich euch auf? wo stürz’ ich mich nieder?
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Weine Dank, daß ich bin! und nun auf immer, ihr großen,
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Ewigen Götter? Wo klaget mein Freund? Zu weit von der Erde
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Schweb’ ich! Wo jammert des Leidenden Herz, er werde vergehen,
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Wie, den er liebte, vergieng? Vergehen, du Treuer, du Guter?
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Warum starb er nicht auch? Vergehen, meinst du, du Treuer?
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O die erhabenen, heiligen Götter, die Schöpfer des Todes
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Und des Lebens, die ewigen Götter meynen es anders!
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Darf ich hinunter steigen, den Hain besuchen, in dem er
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Mir mein Grab aufgräbt? mit Einer Labung zum Tod’ ihn
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Letzen? und ihn mit mir herauf zur Unsterblichkeit führen?
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Jezo erblicket’ er Wesen, welch’ ihm glichen; sie schwebten
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Nieder nach Tabor: auch andre sah er, welch’ ihm nicht glichen;
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Und die däuchten ihm Götter zu seyn. Er eilet zu diesen,
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Sinkt anbetend nieder, und rufet: Ich bin! ach ich dank’ euch,
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Preis’ euch, lieb’ euch, bet’ euch an, ihr ewigen Götter,
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Daß ich bin!.. Wir sind Erschafne … Gestorben, wie ich? lebt
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Nach dem Tode, wie ich? .. Gott ist nur Einer. Er schuf uns,
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Aber unsterblich. Folg uns jezt. Bald giebt dir Erkenntniß
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Er, der Sonnen und Cherubim schuf, und Seelen der Menschen.
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Ach noch rauchet sein Blut, noch rollt er das Auge, noch starrt es
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Ganz nicht hin, noch zukt sein Gebein. Nun strekt er dem Grabe
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Völlig sich aus, und entschläft. Er hatt’, in der Wut der Verzweiflung,
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Gegen sein Herz den wankenden Dolch gerichtet, zur Erd’ ihn
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Niedergeschmettert, ihn wieder ergriffen, mit furchtbarer Lache,
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Blinken gesehn den Verderber; hatt’ Ahndung gehabt von Blute,
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Schwarzem, eigenem Blute, mit Kälte den Dolch auf den Herzschlag
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Angesetzet, ihn langsam zurückgezogen, mit hohem
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Arme gezielt, und gestossen, daß dumpf die eherne Brust ihm
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War erschollen, unter des fallenden Last erschollen,
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War die Erde! Sein Geist stand jezt vor dem Richter, besann sich
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Kaum noch, was jene Wolken, von vollem Monde beleuchtet,
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Wären, was jenes Gestirn, das die Wolken beleuchtete, wäre.
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Ach, und diese Götter! Das wekt’ ihn. Die Himlischen alle
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Schauerten, zweifelten. Aber der Richter lächelt’ ihm Gnade!
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Allmacht war sein Lächeln, schuf um zu Wonne das Elend!
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Manches Gesez, weil es leicht ihm ward, und in seiner Seele
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Keine Neigungen waren, die sich dawider empörten,
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Hatte Zadech erfüllt, und stolz war dieser Getäuschte
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Auf den kümmerlichen Besiz, den er hatte, geworden,
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Auf den Brosam grünliches Brodt, den hölzernen Becher
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Aus der stehenden Lache gefüllt, die Hütte von Leimen,
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Welche sank, und den kupfernen Scherf. Wer den Armen verachtet,
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Weh dem! aber auch Weh dem Manne des Elends, der stolz ist
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Auf ein wenig leichtere That! und selber dem Reichen
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An weit schwererer, wenn er dabey mit stolzer Erwartung
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Sich einschläfert, und Kronen des Lohns, am Ziele des Laufes,
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Ohne Demut, sich träumt. Den dürftigen Zadech versenkten
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Seine Genossen ins Grab; die Seele stand vor dem Richter.
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Steig hinunter mit ihm … Der Cherub begann ihn zu führen,
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Aber er sträubte sich, wandte sich, wollt’ entfliehen, vermochte
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Nicht zu entfliehn, rief, redete, schwieg. Mich? der so vielen,
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Allen Gesetzen gehorchte! der ich Belohnung erwarte!
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Mich? Wer bist du, o der mit den blutigen Stralen, der diesen
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Schreklichen Pfad mich führet? Verstandest du den Befehl auch,
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Der dir ward? Ha wüte nicht so! ich fühle die Wendung
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Deines Schwunges! fühle das Drohn der tödtenden Augen.
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Ungerechter! du zwingst mich. O möchten dich Nächte verschlingen!
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Flammen dich überströmen, und deine Strahlen vertilgen!
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Ha, wer bist du? weiche von mir! riefs, trieb nach dem Cherub
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Dunkles Gewölk! Schnell, leuchtender Nebel, und schneller noch
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Vor des Cherubs Glanz das Gewölk. Der Führende schwebet
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Vorwärts; die Seele fühlet die Kraft des Unsterblichen, sträubt sich
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Gleichwohl, empöret sich nach. Es gelang ihr, in eine der Klüfte
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Drey Berghöhen hinab sich zu stürzen. Nun schonte der Cherub
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Länger nicht mehr. Sein Ruf war Donner geworden. Die Seele
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Kam aus dem Abgrund bebend herauf, und folgte dem Führer.