Die Schaubühne der Welt

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Johann Justus Ebeling: Die Schaubühne der Welt (1747)

1
Die Welt wird auf den Opern-Bühnen,
2
An den veränderten Maschinen,
3
Die sich bald so, bald anders drehn
4
In kleinen Abris abgebildet,
5
Was hier geschicht, wird da geschildet
6
Und in der Nachahmung gesehn.

7
Der Schauplaz zeiget uns bald Freude,
8
Und giebt vergnügte Augenweide,
9
Bald zeigt er uns ein Trauerspiel.
10
Hier auf der Welt ist Lust und Weinen,
11
Und wenn die Freuden-Sonnen scheinen,
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Folgt bald ein schmerzliches Gefühl.

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Man muß des Narren Torheit lachen,
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Der oft mit ungereimten Sachen,
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Ein lüstern Ohr im Spiel erquikt,
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Wenn wir der Menschen Handlung sehen,
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Erwegen, was hie, da geschehen,
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So hat man Torheit nur erblikt.

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Oft stellt sich mit erhabnen Mienen,
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Ein Thraso auf die Opern-Bühnen,
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Und paustet nichts, als eitlen Wind;
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Er ist von Dunst gleichsam geschwollen
23
Und zeigt, was wir nicht gläuben wollen,
24
Daß oft die Menschen Prahler sind.

25
Ein Crösus kommt mit güldnen Schäzzen
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Und betet seinen Mammons-Gözzen
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In tiefster Ehrerbietung an.
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Er glaubt der könne ihn beschüzzen,
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Er sagt: Wer ist der dessen Blizzen,
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Und Allmacht wiederstehen kan?

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Ein jeder siehet seines gleichen,
32
In allen Oertern, Ländern, Reichen,
33
Wenn man die Welt nur recht beschaut.
34
Wie viele sind die
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Doch mehr zum schnöden Goldklump rennen
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Dem Herz und Sinn Alltäre baut.

37
Der Schauplaz ändert die Gardienen,
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Und Croesus der erst reich erschienen,
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Ist nun ein armer Bettelmann.
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Der Abgott den er sehr geliebet,
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Entfleucht und er erkennt betrübet.
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Wie bald sichs mit uns ändern kan.

43
Wie viele sind in Bettel-Orden,
44
Die vorher reich nun arm geworden
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Und durch den Wechsel erst gelehrt,
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Daß sie das Zweifelhafte Glükke
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Und ihre falsche Zauber-Blikke,
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Zwar sehr und doch umsonst geehrt.

49
O! wie entzükket den die Liebe,
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Der auf den Schauplaz seine Triebe
51
In angeflammter Wallung zeigt;
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Er wünscht auf ewig seiner Schönen,
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Als ein getreuer Knecht zu fröhnen,
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Wenn sie ihm nur in Huld geneigt.

55
Er schwört mit hundert tausend Eiden,
56
Daß er bei allen Woll und Leiden
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Jhr stets ergeben und getreu,
58
Jedoch es heist was bald entstehet,
59
Verblüht auch bald, verwelkt, vergehet,
60
Die Liebe ist hier schon vorbey.

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Indem man von der Treue handelt
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Da wird die Bühne gleich verwandelt
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Die feurge Liebe scheint nun blaß,
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Und zeigt in einen Augenblikke
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Des Herzens falsche Lust und Tükke,
66
In einen mörderrischen Haß.

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Wie ofte wird das noch erfüllet,
68
Daß wenn die wilde Lust gestillet
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An dessen Statt ein Zorn-Feur brennt,
70
Wie bald wird nicht die Treu verlohren,
71
Die Menschen doch so theur beschworen,
72
Wenn sich ihr loses Band zertrennt?

73
Der Schauplaz sei auch wie er wolle,
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So wird doch stets die Heuchler-Rolle,
75
Darauf nach alter Art gespielt.
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Der eine ist durch sein Verstellen
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Ein Fürst und Herre der Gesellen,
78
Den er mit Majestät befiehlt.

79
Der Schein der angeflammten Lichter,
80
Die Larven blenden die Gesichter,
81
Das Flittergold der falschen Pracht;
82
Die machen die Comödianten,
83
Zu königlichen Anverwandten,
84
Darüber jeder billig lacht.

85
Allein wenn wir dagegen sehen,
86
Was vor Verwandelung geschehen
87
Und noch geschiehet in der Welt,
88
Wie die Verstellung hie regieret,
89
In was vor Masken sie sich zieret,
90
So sieht man manchen armen Held.

91
Der will die ganze Welt regieren,
92
Was heist das anders, als agiren?
93
Und jener glaubt das, was er meint,
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Daß müsse er auf dieser Erden,
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Da er zum Schau sich stellt, auch werden,
96
Weil er sich gros, nicht andern scheint.

97
O! welche grosse Heucheleien,
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Sind in der Welt und ihren Reihen,
99
In jeden Stande anzusehn;
100
Vom Schaaf das Kleid, von Wolf das Herze,
101
Und lachen bei den äusren Schmerze,
102
Das heist den Mantel künstlich drehn.

103
O! wär das Stellen und Verstellen,
104
Nur hinter denen Opern Schwellen
105
Als ihren eignen Siz verbannt!
106
Allein die falschen Einbildungen,
107
Sind allenthalben durchgedrungen
108
Beherschen einen jeden Stand.

109
Wie viele machen nicht den Tempel,
110
Durch Heuchelei und Schein-Exempel
111
Zu einen eitlen Opern-Haus.
112
Die Pharisäer alter Zeiten,
113
Der Abschaum von den heilgen Leuten,
114
Die gehn noch jezt da ein und aus,

115
Der Ehrgeiz kommt mit heilgen Händen,
116
Der Armut Gaben auszuspenden,
117
Warum? weil es hie wird gesehn
118
Die Bosheit voll von Greul und Fluche,
119
Singt aus den heilgen Psalter-Buche,
120
Und schimpft nur

121
Der Hochmut schlägt die Augen nieder,
122
Die Zanksucht singet Sanftmuts-Lieder
123
Und beide bleiben kühn und stolz.
124
Wie brennen hier die Andachts-Flammen,
125
Die doch aus kalten Herzen stammen,
126
Und scheinen wie ein faules Holz.

127
Wer mit den Glauben Possen treibet,
128
Und dennoch Glaubens-Bücher schreibet,
129
Ist warlich ein Comödiant
130
Wie viele sind die Kreuze tragen,
131
Und den Gekreuzigten absagen,
132
Die

133
Wie gros ist nicht die Heuchler Liste,
134
Die gar des Lustspiels Schaugerüste,
135
In Gotteshäusern auferbaun,
136
Da sie bei dem verstellten Beten,
137
Nur vor des Höchsten Antliz treten,
138
Der Eva Töchter zu beschaun.

139
Wie viele sind von falschen Frommen,
140
Die nur zu heilgen Tempeln kommen,
141
Damit die lange Zeit verfliegt,
142
Wie viele daß sie nur anhören,
143
Ein Klangspiel wollgestimmter Chören,
144
Daran sich ihr Gehör vergnügt.

145
Wie viele kommen nur zusamen,
146
Den Kleider Puz da auszukramen,
147
Wo ihn ein grosser Hauffe sieht;
148
Wie viele sind, die uns verborgen,
149
Den einstens jenes Tages Morgen
150
Der Larven falschen Schein abzieht?

151
Es braucht nicht an Gerichtes-Pläzzen,
152
Comödien Häuser aufzusezzen;
153
Es wird da oft ohn dem agirt,
154
Der Richterstab umsonst gebrochen,
155
Und die Gerechtigkeit bestochen,
156
Wie im Triumphe aufgeführt.

157
Man spielet oft mit den Gewichte,
158
Weil der Gerechtigkeit Gesichte,
159
Vom schwarzen Stahr verdunkelt ist,
160
Weil da nur alles nicht zu sehen,
161
Wie sich die Staats-Maschinen drehen,
162
Ein jeder durch die Brille liest.

163
An Fürsten-Höfen dieser Erden,
164
Da Opern sehr geliebet werden,
165
Wird auch manch Lustspiel aufgestellt,
166
Was da in Spiele anzusehen,
167
Ist auch woll würklich da geschehen,
168
Wo nichts als Opern-Lust gefällt.

169
Die abentheurlichen Gedichte,
170
Der Helden traurige Geschichte,
171
Sind zwar in Fabeln eingehüllt,
172
Doch was die Maske oft erzählet,
173
Was den und jenen Held gequälet,
174
Weist dieses, deren Ebenbild.

175
Und wer von muntren Hofe-Leben,
176
Will richtige Beschreibung geben,
177
Der nenn es eine Comödie,
178
Wo die verlarvten Eitelkeiten,
179
Beständig um die Wette streiten,
180
Wo Lust in Last, und Ruh in Müh.

181
Hie herschen die Verstellungs-Künste,
182
Man kauft, verkauffet blaue Dünste,
183
Und wer sich da am tiefsten bükt,
184
Gedenket sich empor zu schwingen,
185
Wer freundlich ist, legt andern Schlingen,
186
Und wird vom dritten doch berükt.

187
Hie seufzt der Reichthum nach Erbarmen,
188
Hie findet man verkehrte Armen,
189
Woran das Gold und Silber strahlt,
190
Hie sieht man ofte Schönheit prangen
191
Die längstens in Gesicht vergangen,
192
Und Menschen die nur schön gemahlt.

193
Hie sind so viele tapfre Helden,
194
Die ihren Ruhm der Nachwelt melden,
195
Daß sie die ganze Welt bekriegt,
196
Die jeden Feind den sie gefunden,
197
Ertappt, geschlagen, überwunden,
198
Und dennoch sich nicht selbst besiegt.

199
Hier redt man anders, als man denket,
200
Hier nimt man, wenn man willig schenket;
201
Hier rennt man krum zu seinen Ziel,
202
Hier steigt man hoch, um tief zu sinken,
203
Hier läuft man um hernach zu hinken,
204
Das ist der Höfe Opern-Spiel.

205
Die kleine Welt agirt imgleichen,
206
Der spielet die Person des Reichen
207
Der herrlich und in Freuden lebt;
208
Der seinen Himmel allhie suchet,
209
Der so lang donnert, blizt und fluchet,
210
Bis daß er sich in Wein begräbt.

211
Und jener winselt stets dagegen,
212
Kan sich vor Angst und Schmerz kaum regen,
213
Stellt vor den armen Lazarus,
214
Sein Leben gleicht den Trauerspielen,
215
Die zwar betrübt, doch endlich zielen,
216
Auf einen angenehmen Schlus.

217
Die Schaubühn ist oft so geschmükket,
218
Daß man die Wildnis drauf erblikket,
219
Der Tyger, Löwen Aufenthalt.
220
Wenn man von Mordgeschichten handelt,
221
Sieht man wie sich ein Mensch verwandelt,
222
In eine viehische Gestalt.

223
Wie ofte sieht man auf der Erden,
224
Daß Menschen wilde Thiere werden,
225
Es schäumet ihr vergiftet Blut
226
Jm Zorn, als wenn sie Löwen, Bären
227
Und Wölfe, ja noch ärger wären,
228
Bei ihrer Raserei und Wuth.

229
Wie viele Menschen sind zu finden,
230
Die sich in einem Fuchspelz winden,
231
Mit List und Macht das an sich ziehn;
232
Wornach sich andre die da leben,
233
Und sich der Redlichkeit bestreben,
234
Vergeblich und umsonst bemühn.

235
Wie ofte auf den Bühnen Affen,
236
Die listig thun und schmeichelnd gaffen,
237
In Menschen Kleidern zu besehn:
238
So findet man an allen Enden,
239
Wohin wir nur die Augen wenden,
240
Dergleichen hin und wieder gehn.

241
Die Torheit und ein albern Wesen,
242
Läst sich oft aus den Mienen lesen,
243
Die diese Affenmäßig zeigt:
244
Und jene die von Hochmuts-Orden,
245
Ist gar ein menschlich Pfau geworden,
246
Weil sie stets brüstend einher steigt.

247
So ungereimte Wundersachen,
248
Die kluge Menschen thöricht machen,
249
Sind auf den Schauplaz dieser Welt,
250
In mancherlei Verwandelungen,
251
In Warheit öfters dargestellt.

252
Wie ist nun nicht die Welt zu nennen,
253
Ein Opernhaus, darin wir rennen
254
Bald hie, bald da nach Neuigkeit?
255
Ein Schauplaz, wo wenn das verschwunden,
256
Sich schon was anders eingefunden,
257
Wo man stets spielt von Krieg und Streit.

258
Ein jeder Mensch muß hie agiren,
259
Und sich nach der Person aufführen,
260
Dazu er ist von
261
Er muß darauf so lange wallen
262
Als es den Schöpfer wird gefallen,
263
Bis daß sein Spiel ein Ende nimmt.

264
Wer die Person also vorstellet,
265
Daß es den andern woll gefället,
266
Wird zwar gekrönt mit Ehrenpreis:
267
Man jauchzt ihm nach, wenn er abgehet;
268
Allein so bald der Schall verwehet,
269
Vertroknet oft sein Lorbeer-Reis.

270
Viel besser ist es, daß wir streben
271
In unsern Handeln, unsern Leben
272
Nach jenen Lob der Ewigkeit,
273
Dahin wir werden aufgenommen,
274
Wenn wir von diesen Schauplaz kommen,
275
Zur herrlichen Vollkommenheit.

276
Wer woll gelebt, erlangt die Krone,
277
Wenn ihn zu seinen Gnaden-Throne
278
Ruft die erhabne Majestät,
279
Auf dessen Wink die Erden-Bühne
280
Und eine jegliche Maschine
281
Die aufgestellt, zulezt vergeht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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