Threnende Augen

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Sigmund von Birken: Threnende Augen (1665)

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Edle Hirtinn! deine Zähren/
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die du oft pflegst zuverröhren
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aus den lieben Aeugelein/
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kan ich unberedt nit lassen/
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ich muß meine Feder fassen/
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sie in Threnen tunken ein.

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Deine Schwanenweisse Wangen/
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wann daran die Zehrlein hangen/
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sind den Perlen Muscheln gleich,
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Perle! du lässt Perlen rinnen:
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fangt sie auf/ ihr Nereinnen!
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solches Weinen machet reich.

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Diamanten/ die zerflossen/
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kommen Backen-ab geschossen.
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Deine Augen/ sihet man
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viel Krystallen-tropfen ballen.
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Ach! daß ich nit dieses Wallen/
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diese Threnen/ stopfen kan!

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Ja/ sie fliessen mir zu Herzen:
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die gewißlich nicht ohn Schmerzen
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aus dem Herzen fliessen dir.
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Sag doch/ mein! was für Ursachen
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mögen dich wohl weinend machen?
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Ich rah

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Sind dann deine Aeuglein Bronnen?
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die man sehend hält vor Sonnen?
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Feur und Wasser reimt sich nicht.
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Es wird strahlen nicht so helle/
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wann es seyn will eine Quelle/
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deiner Augenliechter Liecht.

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Schöne Sonnen! ihr solt scheinen/
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nicht betrübte Threnen weinen.
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Euer Himmel/ da ihr steht/
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dieses himmlisch’ Angesichte/
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siht viel schöner/ wann es liechte/
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als wann es trüb übergeht.

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Zwar/ mein Urtheil beyzulegen:
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ihr seit Sonne/ seit auch Regen.
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Weil ihr Herzen zündet an/
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liebe Aeuglein! muß ingleichen
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eure Quelle Löschung reichen/
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giessen manchen frischen Thran.

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Ihr beweinet itzt die Schmerzen/
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die einmal Verliebten Herzen
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eure Schönheit machen wird.
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Die viel Weinens noch soll machen/
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weiner billig/ die ins Lachen
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künftig eine Theurung führt.

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selbst die Liebe/ recht zusagen/
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hat hier Wohnung aufgeschlagen.
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Herzen/ die der Augen Glut
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nicht zerschmelzet/ Stein und Eichen/
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soll bezwingen und aufweichen
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eben dieser Augen Flut.

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Oder/ wie die Thau-Krystallen
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lässet Frau Aurora fallen
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auf der Blumen buntes Beet:
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also lässt auch Tropfen schiessen/
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auf die Wangenblumen fliessen/
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deiner Aeuglein Morgenröt.

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Ja/ es sind/ auf deinen Wangen/
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Liljen/ Rosen/ aufgegangen.
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Gern woltst du noch schöner seyn:
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darüm/ daß sie wachsen mögen/
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giessen deine Aeuglein Regen
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auf sie/ und auch Sonneschein.

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Ey so werde schöner/ weine!
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so beregne und bescheine:
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deiner Wangen Liljenfeld:
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daß daselbst auch Rosen glühen;
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daß die Bäcklein röhter blühen/
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die man schier vor bleiche hält.

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Doch so weine nicht so sehre!
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diese nasse Threnen Meere/
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löschen deins Schönheit aus.
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Wirst du/ vor das Weinen/ lachen:
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wirst du dich viel schöner machen.
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Lachen/ ist der Schönheit Haus.

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An die falschen Weiber-zehren/
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sagt man/ soll sich niemand kehren.
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An des feuchten Nilus Rand/
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weinen auch die Krokodilen/
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wann sie auf die Menschen zielen/
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sie zu tödten/ wie bekandt.

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Weine nicht! man dörfte wähnen/
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daß du auch zu solchen Threnen
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deine Augen richtest ab.
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Wann man dacht/ die Son̄en scheinen:
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säh man trübe Wolken weinen/
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alle Freude gieng zu Grab.

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Doch/ wer wolt von dir das gläuben?
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Recht dein Weinen zubeschreiben:
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Treue Augen weinen gern.
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Dieses helle Threnen-rinnen/
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ist ein Spiegel deiner Sinnen/
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O du klarer Tugend Stern!

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Zwar/ wann ich es recht erreiche:
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Feige Herzen/ die sind weiche/
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weichen bald und schmelzen hiñ/
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wann ein schwülligs Windlein wehet;
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sind von Wachs das nicht bestehet.
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So wird ja nit seyn dein Sinn?

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Nein/ nein! einen Muht dir fasse:
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blasses Leid laß dich nit nasse/
105
laß es dich nit machen blöd.
106
Bey der Schönheit/ wie die deine/
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steht ein grosser Muht gar feine/
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der in Unglück fäste steht.

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Eines noch! kein Zorn-erbitzen
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wird dich ja nit machen schwitzen
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diese Threnen/ die man siht?
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Nein/ nein! dieser Augen Regen/
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wittert nicht mit Blitz und Schlägen;
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diese Quell giest lauter Fried.

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Nach dem Regen scheint die Sonne.
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Auf das Weh/ folgt Wohl und Wonne.
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Edle Hirrinn wein’ und!
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Glück/ wird dich noch frölich machen:
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daß wir süsse sehen lachen/
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deinen schönen Rosenmund.

(Birken, Sigmund von: Pegnesische Gesprächspiel-Gesellschaft von Nymfen und Hirten. Nürnberg, 1665.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Sigmund von Birken
(16261681)

* 25.04.1626 in Skalná, † 12.06.1681 in Nürnberg

männlich

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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