Das dritte Buch

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Johann Jacob Bodmer: Das dritte Buch (1743)

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Als nun die letzte Nacht nach aller ihr Verlangen
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Dem Tag gewichen war, darinnen sollt empfangen
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Das frohe Gibea den König und das Heer,
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Kam kaum die Morgenröth in ihrem Purpurmeer
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Mit munterm Angesicht daher, die Welt zu grüssen,
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Da ist schon jedermann auf seinen Schmuck beflissen.
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Das köstliche Gewand, da vor Gath mit geprangt,
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Das wird Jsrael heut zum Preise umgehangt.
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Was Sidon schön gewürckt, was Tiro zugerichtet,
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Da Ecron mit geprahlt, hat so das Glück geschlichtet,
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Daß der Ebräer Sieg damit wird hoch beziert,
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Und alles im Triumph nach Gibea geführt.
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Saul der erfreute Saul war gleich als neu gebohren,
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Sein Muth brach wieder an, den er vorhin verlohren,
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Die Ehre war so süß, daß als ein Siegesmann
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Jhn heut sein Königreich soll freudig schauen an.
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Woraus ihm Ruhm entstand, war seiner Ruhe Zunder,
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Durch diesen grossen Sieg ward sein Hertz wieder munter,
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Daß er auch nichtes ließ ermangeln an dem Pracht,
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Der ihm bey allem Volck ein grosses Ansehn macht.
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Der Abner kriegt Befehl, wie sollt der Einzug gehen,
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Und daß er aller Welt möcht geben zu verstehen,
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Wie lieb ihm David sey, so soll in Ritters Zier
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Der junge kühne Held dem König reiten für.
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Er sendet ihm ein Roß, das Nilus eh erzogen,
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Und seinen Kleiderschmuck, den Helm, Gewehr und Bogen,
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Durch Doeg; der verricht was ihm befohlen war,
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Die Königliche Gab die reicht er David dar.
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Mit Ehrerbietung nimmt derselbe dieß Geschencke
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Von Doegs Händen an, und sagt wie er gedencke.
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Dem König darzuthun mit unverdroßnem Fleiß,
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Daß er so hoher Gnad nicht unerkänntlich heiß.
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Es ware Jonathan zugegen, dem beliebte,
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Daß solch ein Werck der Gunst Saul an dem David übte,
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Den er liebt als sich selbst, und ist er nun bemüht
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Daß David diesen Schmuck in seinem Zelt anzieht.
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Wie dieses nun verricht, hebt an der Printz zu sagen,
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Wie er niemahlen nicht in seinen Lebenstagen
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Was lieblichers gesehn, es würd der Nymphenschaar
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An Davids Wunderglantz sich heut verblenden gar,
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Ja Merob würd sich gleich als Goliath ergeben,
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Mit nichten seiner Kraft und Liebe wiederstreben.
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Wann nicht, o grosser Fürst, der David gegen sprach,
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Dein überedles Hertz kommt seiner Zusag nach,
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Verlaß ich mich gar nicht auf meine eigne Würden,
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Ich bin noch nicht so lang von meinen Schäferhürden
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Daß mir käm aus der Acht wie ich ein schnöder Hirt,
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Und einen Fürstenstand die schöne Merob ziert.
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Der Stand kommt nur von Gott, sagt Jonathan hingegen,
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Die Tugend machet hoch, die ist hier zu erwegen.
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Ist Benjamin erhöht, ey Juda gehet für:
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Der eine hat die Kron, der andere die Zier.
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Mach dich nicht selber klein, man muß ja groß dich preisen,
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Weil Gott so grosse Ding durch dich schon wollen weisen.
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Hiemit faßt Jonathan des lieben Davids Hand,
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Die schröcklich seinem Feind und lieblich seinem Land,
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Und gienge ungesäumt mit ihm und andern Helden
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Nach Saul, des Angesicht konnt seine Freude melden,
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Die seine Seel genoß: Er grüst sie insgesamt
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Gantz liebreich, und wie nun die Aufbruchsstund berahmt,
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Darinn die Ehrenkron des Siegs er sollt erlangen,
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Und in erwünschtem Fried die Seinigen umfangen,
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Zog alles freudig fort mit jauchtzendem Getön.
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Der Himmel ware selbst erfreulichst anzusehn.
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Das schönste Licht der Welt warf seine güldne Strahlen
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Gantz unbetrübt, es wollt der Helden Pracht fürmahlen
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Durch so vermehrten Glantz, Metall und Edelstein
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Durch diese Flamm erflammt, erhoben ihren Schein.
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Viel tausend Sonnen sah man von der einen Sonnen,
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Die alle die Gebuhrt von jener Strahl gewonnen;
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Das allzuviele Licht benahm schier das Gesicht,
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Das für zu vielem Glantz man sich fast sahe nicht.
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Die Luft war windelos, daß der Trompeten hallen
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Durch ungestüm Gebrauß im Ton nicht konnt verfallen,
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Drum schallte in den Thal verdoppelt ihr Getön.
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Der Berg zu Gibea ließ wieder ruckwärts gehn
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Den Schall durch Gegenhall und hiesse die willkommen
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Die da nach ihrer Stadt die Rückkehr fürgenommen.
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Drum macht sich Gibea aus ihren Mauren auf,
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Als ihnen ins Gehör der frohen Sieger Hauf
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Und letztlich ins Gesicht erschien mit solchem Prangen,
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Sie eilten in das Feld den König zu empfangen.
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Die Töchter Benjamin aufs schönste ausgeschmückt,
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Die waren Reihenweiß mit ihrem Spiel geschickt.
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Aus allen Städten war der Kern von schönen Frauen,
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Und die Thalmais selbst mit Michal lassen schauen
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An diesem Freuden-Tag des Hertzens Freudigkeit,
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Weil zu des Königs Ehr sie selbsten sich bereit;
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Und führten dieses Heer, das da in zweyen Choren
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Sich an der Mauer hin gestellet bey den Thoren,
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Und weil sie von der Höh absahen in das Thal,
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Das voller Siegesleut und Menschen ohne Zahl
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War gleichsam übersät, ward grösser das Verlangen
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Je näher dieses Volck auf sie kam zugegangen.
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Der edle Jonathan und David ward gesucht,
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Die keinen doch gewiß von ihnen finden mucht.
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Dort reit mein lieber Printz! Thalmais sprach voll Freuden,
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Doch nein der ist er nicht, ach was muß ich nicht leyden
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In dieser langen Zeit, ein jeder Augenblick
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Ist mir wol tausend Jahr, ich seh und seh mein Glück
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Ohn daß ich es noch seh. Die Michal heimlich saget:
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Wo mag wohl David seyn? Thalmais wieder fraget:
103
Wo mag seyn Jonathan? so ware Freud und Qual
104
Die Unruh und die Ruh vermischet überall.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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