Die Geschichte des Davids, Königs in Juda

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Johann Jacob Bodmer: Die Geschichte des Davids, Königs in Juda (1743)

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Hierauf, weil schon der Tag sich schiene zu verliehren,
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Wollt David seine Heerd in ihre Hürden führen,
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Trieb sie drauf für sich hin, durch einen tiefen Thal,
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Und spielte ihnen für mit seiner Harffen Schall:
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Der Ort zu seiner Ruh war rund herum beschlossen
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Mit steinigtem Gebirg, woraus mit Anmuth flossen
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Der Bäche Silber-Quell, so durch die Klippen fiel,
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Und eilte mit Geräusch zu kommen nach dem Ziel.
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Diß sausendes Getön bracht Anmuth da zu schlafen,
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Drum hatte David auch mit seinen lieben Schafen,
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Erkieset dieses Thal, das die Natur bebaut
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Mit einer Maur, daß er sein Vieh hie sicher schaut.
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Dann nur ein Eingang war den wilden Thieren offen,
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Doch, daß für deren Wuth man Sicherheit zu hoffen,
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Lag da sein Schäferhund, des Treu und Wachsamkeit
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Jhn nimmer nicht verließ, bey Tag-noch Nachtes-Zeit.
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Wie nun die Heerde sich in ihre Hürd begeben,
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Gieng David in die Höhl, die ware gleich daneben,
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In welcher stuhnd sein Bett, in einem Stein gehaut,
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Das ehmals Esaus Fleiß hat selbsten so gebaut,
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Wann er war auf der Jagd, war hie bey Nacht sein Bleiben,
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Denn nahe hie herum pflag er die Jagd zu treiben,
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In einem weiten Wald, der seine Lüste stillt
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Und seine Müh belohnt, mit manchem edlen Wild.
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Jezt wohnte David hie, des Jacobs edler Saame,
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Der da nach Gottes Schluß den Seegen Esau nahme.
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Diß fiele David ein, als er sich legt zur Ruh,
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Und schloß er lang darum die Augen noch nicht zu.
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Geht es jezt auch nicht so? dacht er in dem Gemüthe,
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Mich hebet Gott empor nach seiner Wunder-Güte,
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Und wehlet mich für Saul, die Erstgeburt ist sein,
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Der Königliche Thron, doch soll er werden mein.
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O grosser Wunder-Gott! als Esau ward gebohren,
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War er verworffen schon, und Jacob war erkohren.
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Was kan der Mensch dann thun? er ist ja eh erwehlt,
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Und eh verworffen schon, eh er noch auf der Welt.
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Ach Gott! du siehst zuvor der Menschen ihre Sinnen,
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Eh sie gebohren sind, weist du schon ihre Beginnen,
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Du straffest drum zuvor, was nachmahls wird gethan,
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Die Sünderrott, und läst in allem Recht bestahn.
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Nun Esau der ist Saul, da ich mich Jacob gleiche,
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Ich sehe schon zuvor, wie ich ihm gar nicht weiche
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In mancher Noth und Angst, die ihm zu Handen kam,
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Als er für Esaus Grimm die Flucht zu Handen nahm.
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So wird mirs auch noch gehn, ich werde noch erleben
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Beym Scepter Ungemach, beym Throne Angst und Bebẽ.
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Doch, Herr, ich bin bereit! Ach Herr, ich bin dein Knecht,
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Nach deinem Willen will ich leben, schlecht und recht.
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Hiemit schlieff David ein, in seinem Geist zufrieden,
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Bereit und wohl gerüst, wozu ihn Gott beschieden,
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Als plötzlich sich der Wind in starckes Brausen kehrt,
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Und weckt mit Ungestüm die eingeschlaffne Heerd.
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Die vorhin heitre Luft wird dunckel und umzogen,
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Die Wolcken stossen sich und blasen Wasserwogen,
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Der Mond und Sternen Schein bedeckt ihr braunes Kleid,
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Die Elemente selbst sind mit sich in dem Streit.
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Die Luft die saust und braust, und will dem Wasser wehren,
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Daß nicht ein Wolckenbruch die Felder mög verzehren,
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Doch bricht das Wasser durch, die Wolcken gehn entzwey,
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Und wollen so das Feur verlöschen, wo es sey.
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Das Feur, der schnelle Blitz, zischt doch durch diese Lüfte,
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Und acht das Wasser nicht. Der Erden tieffe Klüffte
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Erschütteren darob, wie sich der Donnerschall
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Hiernach auch hören läst, mit schrecklichem Geknall.
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Die Felsen dort umher vermehren dieses Rollen,
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Und scheinen jeden Schlag mit Schlag zu doppeln wollẽ,
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Der Nachtigalen Zunft verkriecht sich in die Stein,
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Die Schafe wollen nicht mehr in den Hürden seyn;
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Sie lauffen hin und her, in dieser Felsen Ritzen;
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Der treue Hund will auch nicht in der Hütte sitzen,
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Für solchem starcken Feind ist ihm der Muth nicht da,
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Wo alles sich für scheut, ist auch sein Schrecken nah.
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Der David der erwacht von diesem starcken Wüten,
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Sein Seufzen gieng zu Gott, daß der sich ließ begüten,
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Und nicht in Eifer straft. Er dacht, wie groß ist der,
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Dem da steht zu Geboth der Himmel und sein Heer.
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Wann er nur spricht ein Wort, so muß es alles gehen,
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Wann er nur was gebeut, so muß es gleich geschehen,
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Für ihm ist nichtes was, und etwas nichtes nicht,
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Dann seine grosse Kraft das Schwerste leicht verricht.
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So ware Davids Sinn, er stellt ihm für daneben,
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Wie Gott durch Mosen hätt sein theur Gesetz gegeben:
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So wär es auch geschehn mit Donner, Feur und Blitz,
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Daß selbst der Sinai gebrannt in seiner Spitz.
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Dieß edele Gesetz war seine Lust und Freude,
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Daran fand er stets Lust, auch in dem grösten Leyde.
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Da denckt er Tag und Nacht mit grosser Sorgfalt auf,
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Setzt es zur Richtschnur sich in seinem Lebenslauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Bodmer
(16981783)

* 19.07.1698 in Greifensee, † 01.01.1783 in Schönenberg

männlich, geb. Bodmer

Schweizer Autor

(Aus: Wikidata.org)

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