8.

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Rückert: 8. (1836)

1
Der Fürst ritt auf die Jagd, und ward durch ein Gewitter
2
Getrennt vom stattlichen Geleite seiner Ritter.

3
Er fand zum erstenmal, woran er nie gedacht,
4
Ohnmächtig selber sich in eines Höhern Macht.

5
Ihm war nun Heer und Hof und Herrschaft ohne Nutz,
6
Er suchte gegen Sturm im offnen Felde Schutz.

7
Er spähte weit umher, und sah mit halber Freude
8
Zuletzt ein ländliches unscheinbares Gebäude.

9
Mit Unmuth trat er ein ins niedre Hüttendach;
10
Mit seiner Tochter saß ein Vater im Gemach.

11
Der alte Vater herb, ein Landmann starr und spröde,
12
Die junge Tochter mild, ein Landkind hold und blöde;

13
Alsob ein alter Dorn mit rauhbemoos'tem Nacken
14
Die schönste Rose trüg' als Schmuck an seinen Zacken.

15
Der Fürst gewahrte nicht die Rose duftumschwommen,
16
Und hört' es kaum, wie ihn der Vater hieß willkommen.

17
Der Tochter winkte der, die sich mit Anstand schürzte,
18
Dem Gast ein Mahl auftrug, und es mit Anmuth würzte.

19
Das Mahl blieb unberührt, der Gast stumm und verdrossen,
20
Die Würze merkt' er nicht, sonst hätt' er es genossen.

21
Er dacht' im stillen Kreis an seinen lauten Troß,
22
Und aus der nackten Hütt' in sein vergoldet Schloß.

23
Da trat am Abend ein des Bauern Knecht, der Hirte,
24
Und um der Herde Stand ward er befragt vom Wirthe.

25
Er sprach: die Herde war noch nie in schlimmerm Stande,
26
Die Nahrung scheint ihr nicht mehr anzustehn im Lande.

27
Die Euter alle sind versiegt, es hilft kein Füttern,
28
Den eignen Lämmern wird kein Trunk von ihren Müttern.

29
Der alte Landmann wiegt sein Haupt erstaunt: Versiegt
30
Die Euter auf einmal! Wer sagt, woran das liegt?

31
Da hebt die Tochter an: Es liegt allein daran,
32
Daß nicht des Fürsten Herz dem Land ist zugethan.

33
Denn wo nicht zugethan der Himmel ist der Erde,
34
Alda verschmachten muß aller Lebend'gen Herde;

35
Und also, wo der Fürst in Liebe nicht dem Land
36
Ist zugethan, das ihm vertraut des Himmels Hand.

37
Der Alte sprach: Was bleibt denn übrig, als zu wandern
38
Aus einem Land, das Gott verlassen hat, zum andern?

39
Geh, Hirte, gib dem Vieh hier seine letzte Rast!
40
Und du, o Tochter, trag dein letztes auf dem Gast!

41
Wir haben manchen hier gespeiset und getränket;
42
Nun schaffe, daß mit Dank es dieser uns gedenket!

43
Wir werden keinen Gast hier tränken mehr und speisen;
44
Wer weiß, im fremden Land wer uns es wird erweisen?

45
Da sah der Fürst sie an, die sich mit Anstand schürzte,
46
Ein neues Mahl auftrug, und es mit Anmuth würzte.

47
Das Mahl blieb unberührt; doch, wenn ers nicht genoß,
48
Nicht war es weil er dacht' an sein vergoldet Schloß;

49
Vielmehr weil er ans Wort, das sie gesprochen, dachte,
50
Von dem zuerst die Lieb' in seiner Brust erwachte;

51
Die Liebe für sein Land, mit welcher Hand in Hand
52
Vielleicht noch eine gieng, die er sich nicht gestand.

53
Zum Herzen sprach er: Weh dem Trotz, der dich bethörte,
54
Der wie ein Fluch das Glück unschuld'ger Hütten störte!

55
Daß so der Segen fehlt, wo Liebe nicht vermählt
56
Dem Land des Fürsten Herz, warum blieb mirs verhehlt?

57
Er dachte nach, da trat von neuem ein der Hirte,
58
Und um der Herde Stand ward er befragt vom Wirthe.

59
Er sprach: die Herde hat sich anders nun besonnen;
60
Der Mütter Euter schwillt und füllet alle Tonnen.

61
Wetteifernd lassen sie die Milch im Kübel schäumen;
62
Sie haben offenbar nicht Lust das Land zu räumen.

63
Der alte Landmann lenkt den Blick, den er gesenkt,
64
Der sinn'gen Tochter zu, die wohl weiß was er denkt.

65
Und lächelnd hebt sie an: Das liegt gewiß daran,
66
Daß nun des Fürsten Herz dem Land ist zugethan.

67
Denn wo nur zugethan der Himmel ist der Erde,
68
Da nähret sich mit Lust aller Lebend'gen Herde.

69
Und also, wo der Fürst in Liebe seinem Land
70
Ist zugethan, das ihm vertraut des Himmels Hand.

71
Der alte Landmann spricht: Der Himmel sei gepriesen,
72
Daß er zu rechter Zeit dem Land die Huld erwiesen.

73
Das Land zu räumen, wird nun keine Noth uns dringen;
74
Doch wer wird unsern Dank dem Fürsten hinterbringen?

75
Ich seh' an dir, mein Gast, nachdem dir am Gewand
76
Der Regen trocknete, du bist von edlem Stand.

77
Bring morgen, wenn du ziehst, die Kund' ins Fürstenhaus;
78
Heut aber ruh vergnügt in Bauernhütten aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.