I

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Georg Herwegh: I (1841)

1
So hat ein Purpur wieder fallen müssen!
2
Hast eine Krone wiederum geraubt!
3
Du schonst die Schlangen zwischen Deinen Füßen
4
Und trittst den jungen Adlern auf das Haubt!
5
Du läßt die Sterne von dem Himmel sinken
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Und Flittergold an Deinem Mantel blinken!
7
Sprich, Schicksal, sprich, was hast Du diesen Tempel
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So früh in Schutt und Asche hingelegt?
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So rein und frisch war dieser Münze Stempel —
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Was hast Du heute schon sie umgeprägt?
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O theurer, als im goldenen Pokale
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Einst jene Perle der Kleopatra,
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Lag eine Perle in dem Haubte da;
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Der Mörder Tod schlich nächtlich sich in's Haus,
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Der rohe Knecht zerbrach die zarte Schale
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Und goß den hellen Geist als Opfer aus. —

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Mein Büchner tot! Ihr habt mein Herz begraben!
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Mein Büchner tot, als seine Hand schon offen,
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Und als ein Volk schon harrete der Gaben,
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Da wird der Fürst von jähem Schlag getroffen;
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Der Jugend fehlt ein Führer in die Schlacht,
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Um einen Frühling ist die Welt gebracht;
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Die Glocke, die im Sturm so rein geklungen,
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Ist, da sie Frieden lauten wollt', zersprungen.

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Wer weint mit mir? Nein, — Ihr begreift es nicht,
26
Wie zehnfach stets das Herz des Dichters bricht,
27
Wie blutend, gleich der Sonne, nur sich reißt
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Von dieser Erde — stets ein Dichtergeist,
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Wie immer, wo er von dem Leib sich löste;
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Sein eigner Schmerz beim Scheiden war der größte.
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Ein Scepter kann man ruhig fallen sehn,
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Wenn einmal nur mit ihm die Hand gespielt,
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Von einem Weibe kann man lächelnd gehn,
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Wenn man's nur einmal in den Armen hielt;
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Der Todesstunde Qual sind jene Schemen,
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Die wir mit uns in unsre Grube nehmen,
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Die Geister, die am Sterbebette stehn,
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Und uns um Leben und Gestaltung flehn,
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Die schon die junge Morgenröte wittern
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Und ihrem Werden bang entgegen zittern,
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Des Dichters Qual die ungeborne Welt,
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Der Keim, der mit der reifen Garbe fällt.

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Ich will Euch an ein Dichterlager bringen.
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Seht mit dem Tod ihn um die Zukunft ringen,
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Seht seines Auges letzten Fieberstrahl,
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Wie es so trunken in die Leere schaut
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Und drein noch sterbend Paradiese baut!
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Die Hand zuckt nach der Stirne noch einmal,
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Das Herz pocht wilder an die schwachen Rippen,
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Das Zauberwort schwebt auf den blassen Lippen —
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Noch Ein Geheimniß möcht' er uns entdecken,
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Den letzten, größten Traum in's Dasein wecken. —
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O Herr des Himmels, sei ihm jetzt nicht taub!
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Noch eine Stunde gönn' ihm, o Geschick!
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Verlösche uns nicht des Profeten Blick!
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Umsonst — es bricht die müde Brust in Staub,
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Und mit ihr wieder eine Freiheitsstütze,
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Auf's stille Herz fällt die gelähmte Hand,
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Daß sie im Tod noch vor der Welt es schütze;
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Und die so reich vor seinem Geiste stand,
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Er darf die Zukunft nicht zur Blüte treiben,
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Und seine Träume müssen Träume bleiben;
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Ein unvollendet Lied sinkt er in's Grab,
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Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.

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Du flammst nun wieder nach durchbrochner Schranke
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In Gottes Haubt ein leuchtender Gedanke;
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Am kalten Herde sitzen wir allein,
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Und weinen in die Asche still hinein.
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O, mein Jahrhundert, sammle sie geschwind, —
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Er war ein Held, und mehr: Er war Dein Kind!
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An Deiner Brust hast Du ihn aufgesäugt,
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Dein Banner einzig hat er ja geschwenkt;
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Vor Dir allein hat er sein Knie gebeugt,
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Vor Dir, vor Dir allein sein Schwert gesenkt;
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Für Dich und mit Dir hat er kühn gestritten,
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Für Dich und mit Dir hat er treu gelitten;
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Um Deinetwillen stieß sein Vaterland
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Ihn aus, gleich wie der Mutterborn die Welle,
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Daß sie am fremden, freudenlosen Strand
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Mit allen Himmeln in der Brust zerschelle.
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An fremdem, freudenlosem Strande, ja!
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Denn wessen Herz stand hier dem seinen nah?

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Wo scheu der Mensch den Fuß vom Boden hebt,
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Und Fels und Stein allein nach oben strebt?
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Wo doppelt, doppelt schön der Aether blaut
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Und doppelt tief der Mensch zu Erde schaut,
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Wo stolze Adler ihre Heimat haben,
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Und wo am Ruder sitzen doch die Raben.
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Der Alpen Kind, wie ist Dein Ruf verhallt!
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Einst groß, wie sie, und jetzt, wie sie, nur
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(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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