An den König von Preußen

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Georg Herwegh: An den König von Preußen (1841)

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Einst hat ein bessrer Mann gewagt,
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Mit seinem Lied vor Dich zu treten;
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Du kennst Ihn, der so unverzagt
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Die Tyrannei bei Dir verklagt
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Und Dich um Deinen Schutz gebeten,
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Um Schutz für jenes arme Land,
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Das blutend vor dem Himmel stand
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Und keine, keine Hülfe fand,
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Als die Verzweiflung der Poeten.

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O lebt' Er noch, er würde heut
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Dich aus dem süßen Schlummer stören;
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Ob alle Welt Dir Weihrauch streut
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Und jeden Siegerkranz Dir beut,
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Er spräch' dem falschen Jubel Hohn
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Und nahte zornig Deinem Thron;
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Tot ist der Vater, und der Sohn,
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Der Mächtige, müßt' Ihn hören.

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Doch
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Und Polen ist durch uns verloren;
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In Ehrfurcht tret'
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Wirf nach dem Dichter nicht den Speer,
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Weil eine Hütte ihn geboren,
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Weil er vor Dir, dem Fürst, den Mut,
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Zu flehen für Dein eigen Gut,
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Zu flehen für Dein eigen Blut,
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Für's deutsche Volk, dem Du geschworen!

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Sieh, wie die Jugend sich verzehrt
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In Gluten eines Meleager,
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Wie sie nach Kampf und That begehrt —
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O drück' in ihre Hand ein Schwert,
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Führ' aus den Städten sie ins Lager!
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Und frage nicht,
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Die Feinde kommen mit dem Wind:
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Behüt' uns vor dem Frankenkind
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Und vor dem Czaren, Deinem Schwager!

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Die Sehnsucht Deutschlands steht nach Dir,
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Fest, wie nach Norden blickt die Nadel;
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O Fürst, entfalte Dein Panier;
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Noch ist es Zeit, noch folgen wir,
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Noch soll verstummen jeder Tadel!
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Fürwahr, fürwahr, Du thust nicht Recht,
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Wenn Du ein moderndes Geschlecht,
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Wenn Du zu Würden hebst den Knecht;
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Nur wer ein Adler, sei von Adel!

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Lass', was den Würmern längst verfiel,
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In Frieden bei den Würmern liegen;
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Dir ward ein weiter, höher Ziel,
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Dir ward ein schöner Ritterspiel,
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Als krumme Lanzen grad' zu biegen.
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Sei in des Herren Hand ein Blitz,
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Schlag' in der Feinde schnöden Witz,
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Schon tagt ein neues Austerlitz,
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Mögst

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Das rathlos auseinanderirrt,
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Mein Volk soll Dir entgegenflammen;
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Steh' auf und sprich: „Ich bin der Hirt,
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Der Eine Hirt, der Eine Wirt,
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Und Herz und Haubt, sie sind beisammen!“
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Das West und Ost, das Nord und Süd —
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Wir sind der vielen Worte müd;
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Wirst

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Der Fischer Petrus breitet aus
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Auf's Neue seine falschen Netze;
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Wohlan, beginn' mit ihm den Strauß,
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Damit nicht einst im deutschen Haus
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Noch gelten römische Gesetze!
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Bei jenem großen Friedrich! nein,
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Das soll doch nun und nimmer sein.
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Dem Pfaffen bleibe nicht der Stein,
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An dem er seine Dolche wetze.

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Noch ist es Zeit, noch kannst Du stehn
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Dem hohen Ahnen an der Seite,
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Noch kannst Du treue Herzen sehn,
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Die gern mit Dir zum Tode gehn,
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Zum Tod im heiligen Streite.
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Du bist der Stern, auf den man schaut,
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Der letzte Fürst, auf den man baut;
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O eil' Dich! eh' der Morgen graut,
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Sind schon die Freunde in der Weite.

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Nun schweig', du ehernes Gedicht!
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Des Fürsten Mund wird bitter schmollen.
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Ich weiß, man hört die Sänger nicht,
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Man stellt die Freien vor Gericht
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Und wirft sie in die Schar der Tollen.
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Gleichviel — wie er auch immer schmollt,
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Ich hab' gethan, was ich gesollt;
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Und wer, wie ich, mit Gott gegrollt,
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Darf auch mit einem König grollen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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