Der Gang um Mitternacht

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Georg Herwegh: Der Gang um Mitternacht (1841)

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Ich schreite mit dem Geist der Mitternacht
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Die weiten stillen Straßen auf und nieder —
3
Wie hastig ward geweint hier und gelacht
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Vor einer Stunde noch! ... Nun träumt man wieder.
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Die Lust ist, einer Blume gleich, verdorrt,
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Die tollsten Becher hörten auf zu schäumen,
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Es zog der Kummer mit der Sonne fort,
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Die Welt ist müde — laßt sie, laßt sie träumen!

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Wie all mein Haß und Groll in Scherben bricht,
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Wenn ausgerungen eines Tages Wetter,
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Der Mond ergießet sein versöhnend Licht,
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Und wär's auch über
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Leicht wie ein Ton, unhörbar wie ein Stern,
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Fliegt meine Seele um in diesen Räumen;
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Wie in sich selbst, versenkte sie sich gern
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In aller Menschen tiefgeheimstes Träumen!

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Mein Schatten schleicht mir nach wie ein Spion,
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Ich stehe still vor eines Kerkers Gitter.
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O Vaterland, dein zu getreuer Sohn,
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Er büßte seine Liebe bitter, bitter!
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Er schläft, — und fühlt er, was man ihm geraubt?
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Träumt er vielleicht von seinen Eichenbäumen?
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Träumt er sich einen Siegerkranz um's Haubt? —
24
O Gott der Freiheit, laß ihn weiter träumen!

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Gigantisch thürmt sich vor mir ein Palast,
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Ich schaue durch die purpurnen Gardinen,
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Wie man im Schlaf nach einem Schwerte faßt,
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Mit sündigen, mit angstverwirrten Mienen.
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Gelb, wie die Krone, ist sein Angesicht,
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Er läßt zur Flucht sich tausend Rosse zäumen,
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Er stürzt zur Erde, und die Erde bricht —
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O Gott der Rache, laß ihn weiter träumen!

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Das Häuschen dort am Bach — ein schmaler Raum!
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Unschuld und Hunger theilen drin Ein Bette.
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Doch gab der Herr dem Landmann seinen Traum,
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Daß ihn der Traum aus wachen Aengsten rette;
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Mit jedem Korn, das Morpheus Hand entfällt,
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Sieht er ein Saatenland sich golden säumen,
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Die enge Hütte weitet sich zur Welt —
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O Gott der Armut, laß die Armen träumen!

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Beim letzten Hause, auf der Bank von Stein,
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Will segenflehend ich noch kurz verweilen;
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Treu lieb' ich dich, mein Kind, doch nicht allein,
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Du wirst mich ewig mit der Freiheit theilen.
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Dich wiegt in goldner Luft ein Taubenpaar,
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Ich sehe wilde Rosse nur sich bäumen;
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Du träumst von Schmetterlingen, ich vom Aar —
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O Gott der Liebe, laß mein Mädchen träumen!

49
Du Stern, der, wie das Glück, aus Wolken bricht!
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Du Nacht, mit deinem tiefen stillen Blauen,
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Laßt der erwachten Welt zu frühe nicht
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Mich in das gramentstellte Antlitz schauen!
53
Auf Thränen fällt der erste Sonnenstrahl,
54
Die Freiheit muß das Feld dem Tage räumen,
55
Die Tyrannei schleift wieder dann den Stahl —
56
O Gott der Träume, laß uns Alle träumen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Georg Herwegh
(18171875)

* 31.05.1817 in Stuttgart, † 07.04.1875 in Lichtental

männlich, geb. Herwegh

revolutionärer deutsch-schweizerischer Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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