Erster Gesang

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Annette von Droste-Hülshoff: Erster Gesang (1844)

1
Die Sonne hat den Lauf vollbracht,
2
Schon spannt sie aus ihr Wolkenzelt;
3
So manche Thrän' hat sie bewacht,
4
So manchem Lächeln sich gesellt;
5
Um Sel'ge hat ihr Strahl gekräuselt,
6
Wo süß versteckt die Laube säuselt,
7
Und hat die Todtenbahre auch
8
Gesegnet mit dem frommen Hauch;
9
Nun einmal ihres Schleiers Saum
10
Noch gleitet um der Alpen Schaum,
11
Und in des Schneegestäubes Flaum,
12
Das an Sankt Bernhards Klippe hängt,
13
Der matte Hauch sich flimmernd fängt.

14
Dort, wo es, aus des Passes Schlunde,
15
Um's Pain de Sucre macht die Runde,
16
Berührt ein menschlich Angesicht,
17
Fürwahr zum letzten Mal, das Licht.
18
Wie hat der Greis die dürre Hand
19
So fest um seinen Stab gespannt!
20
Und wie er so verkümmert steht,
21
So ganz verlassen um sich späht,
22
Da ist's als ob, erstaunt zumal,
23
Noch zögern will der letzte Strahl.
24
Schon zog der Aar dem Horste zu,
25
Und nur die Gems vom
26
Noch einmal pfeift, und schwindet dann.
27
Am Riffe lehnt der alte Mann,
28
Wie auf dem Meere, jüngst ergrimmt,
29
Einsam noch eine Planke schwimmt.

30
O, du bist immer schön, Natur!
31
Doch dem, der Hertha's Bild gegrüßt,
32
Die Woge bald die Lippe schließt.
33
Bist Königin vernichtend nur!
34
Der Blitz, der Seesturm, der Vulkan,
35
Sie stehn als Zeugen oben an.
36
Und jener Greis am Felsenrand?
37
Dem Strahl, der widerprallt im Schnee,
38
Will schützend die besennte Hand
39
Sich vorbaun, an der Braue Höh'.
40
Zum Montblanc hat er lang gesehn,
41
Und wendet abendwärts den Fuß,
42
Da ihm die Augen übergehn,
43
Daß er vor Kälte weinen muß.
44
Ihm ist wie taub, ihm ist wie blind,
45
Er spricht gepreßt, und thut's nicht gern:
46
„mein Knabe! Henry! liebes Kind!
47
Schau mal hervor, sind wir noch fern?“

48
Dann aus des Mantels Falten dicht
49
Ein Bübchen windet sein Gesicht;
50
Die kleinen Züge schwillt der Hauch,
51
Die rothen Händchen birgt es auch
52
Sogleich, und zieht des Vließes Saum
53
Sorgfältig um der Stirne Raum,
54
Daß nur der Augen röthlich Licht
55
Durch des Gewandes Spalten bricht.
56
Nun mit den Wimpern zuckt er schnell;
57
„großvater, schau! wie blitzt es hell!“

58
Der Alte seufzt: „es blitzt, mein Sohn,
59
Am Himmel nicht um diese Zeit;
60
Es ist die Sonne wohl, die schon
61
Sich um die letzten Zacken reiht.“
62
Doch wiederum der Knabe spricht:
63
„großvater! 's ist die Alpe nicht,
64
Es springt und zittert in die Höh',
65
Wie wenn die Sonne tanzt im See
66
Und spielt in unserm Fensterglas.“
67
„wo, Henry? Kind, wo siehst du das?“
68
Ein Aermchen aus der Wolle steigt.
69
Der Alte senkt das Haupt und schweigt.
70
Nein, nein, das ist kein Hospital!
71
In tausend Funken sprengt den Strahl,
72
Gleich nachtentbranntem Meeres-Drange,
73
Nur Roche polie

74
Und zögernd schiebt des Greises Hand
75
Den kleinen kalten Arm zurück,
76
Zieht fester um ihn das Gewand.
77
Er wirft den kummervollen Blick
78
Noch einmal durch die dünne Luft,
79
Auf jeden Fels, in jede Kluft;
80
Dann folgt ein Seufzer, unbewußt,
81
So schwer wie je aus Mannes Brust,
82
Und langsam abwärts, mit Gefahr,
83
Beginnt er Pfade unwirthbar.
84
— Schmal ist der Raum, die Klippe jäh; —
85
Zuweilen bietet das Gestein,
86
Ein altergrauer Felsenspalt,
87
Für Augenblicke schwachen Halt.
88
Die Ferse drückt er in den Schnee,
89
Und stößt des Stabes Stachel ein;
90
Denn eine Zeit gab's, wo im Gau
91
Von Saint Pierre kein Schütz sich fand,
92
Der auf der Jagd, am Alphorn blau,
93
Dem Benoit gegenüber stand.
94
Kein Aug' so scharf, kein Ohr so fein,
95
So sicher keine Kugel ging.
96
Von all den Kühen er allein
97
So sorglos an der Klippe hing!
98
Zum letzten Mal dem Meister alt
99
Sich dankbar seine Kunst erzeigt.
100
Gottlob! nun ist die Schlucht erreicht.
101
Er blickt empor, durch's graue Haupt,
102
Fast von der Kälte sinnberaubt,
103
Noch einmal durch die öde Brust
104
Zieht sich das Bild vergangner Lust,
105
An der sein ganzes Herz gehangen,
106
Und doppelt fühlt er sich gefangen.

107
In Quarzes Schichten eingezwängt,
108
Durch die der schmale Pfad sich drängt,
109
Streckt, überbaut von Felsenwucht,
110
Sich lang des Pain de Sucre Schlucht.
111
Kein Laut die todte Luft durchirrt,
112
Kein Lebenshauch ist zu entdecken;
113
Und, wenn es unversehens schwirrt,
114
Das Schneehuhn kann den Wandrer schrecken.
115
Wo droben schwimmt das Felsendach,
116
An dem der Wintersturm sich brach
117
Jahrtausende; — doch die Gedanken
118
Verlassen ihn, — er sieht es wanken —
119
Er fördert keuchend seinen Schritt —
120
Und immerfort, in tollem Schwanken,
121
Ziehn rechts und links die Klippen mit;
122
Daß jener harrt, — sogleich — sogleich —
123
Wie, aus der Lüfte Schwindelreich,
124
Die ungeheure Masse klirrt,
125
Und er sich schon zerschmettert glaubt,
126
So sehr ihm Furcht die Sinne raubt.

127
In diese wüste Bahn hat jetzt
128
Der müde Mann den Fuß gesetzt,
129
So schnell es gehn will, fort und fort.
130
Noch immer glühn die Firsten dort,
131
Und abwärts gleiten sieht den Strahl
132
Mit Lust er und mit Graun zumal.
133
Sobald der Abendsonne Schein
134
Nicht mehr die letzte Zacke badet,
135
In's Hospital ein Glöckchen rein
136
Den Wandrer aus der Steppe ladet.
137
Und schon am Pointe de Drone das Licht
138
Kaum merklich noch den Schatten bricht.
139
„o Sonne,“ seufzt der müde Greis,
140
„bald bist du hin! der Himmel weiß,
141
Vielleicht hör' ich die Glocke nicht! —“
142
Blickt zweifelnd nach den Felsenwällen,
143
An denen mag der Klang zerschellen.
144
Das Kind, das Kind ist seine Noth!
145
Schon fühlt er, wie, vom Froste laß,
146
Der steife Arm zu gleiten droht;
147
Und ohne Ende scheint der Paß!
148
Ein Thurm ragt an dem andern her,
149
Es ist, als würden's immer mehr.
150
Dem Himmel Dank, die letzte Klippe!
151
Und als, mit angestrengtem Fleiß,
152
Sich immer näher treibt der Greis,
153
Was knistert über'm Steingerippe?
154
Am Rande schiebt sich's, zittert, blinkt,
155
Langsam ein weißer Klumpen sinkt;
156
Dann schneller, dann mit jähem Fall,
157
Entlang die Klüfte tos't der Schall.
158
Und zu des Alten Füßen rollen
159
Schneetrümmer und gesprengte Schollen.

160
Und dieser einen Augenblick
161
Steht regungslos, mit Schwindel ringt; —
162
So scharf vorüber zog der Tod!
163
Gefaßt er dann zusammenrafft,
164
Was ihm von Wollen bleibt und Kraft.
165
Und vorwärts nun, mit harter Noth,
166
Er in den Trümmerhaufen dringt.
167
Doch neben, vor und um ihn stemmt
168
Die Masse sich, zum Wall gedämmt.
169
Mitunter eine Scholle auch
170
In schwachem Gleichgewichte steht,
171
Nur wartend auf den nächsten Hauch,
172
Und aufwärts ihre Kante dreht.
173
Wenn das Geschiebe sich belebt,
174
Ein Sarkophag, der ihn begräbt!
175
Horch! wie er durch die Zacken irrt,
176
Zuweilen eine Scheibe klirrt;
177
Ein feines Schwirren — schwaches Rucken —
178
Vor seinen Augen Blitze zucken;
179
Doch immer wieder fügt sich's ein,
180
Und starr die Mauer steht wie Stein.
181
So muß er, fast in Todesbanden,
182
Wie durch ein Labyrinth sich schmiegen.
183
Es ist vorüber, ist bestanden,
184
Und hinter ihm die Trümmer liegen.

185
Indeß des Tages matte Zeichen
186
Allmählig von den Kuppen bleichen,
187
Und, nach und nach, am Firmament
188
Des Mondes Lampe still entbrennt;
189
Verschwimmend, scheu, ihr zartes Licht
190
Malt noch der Dinge Formen nicht.
191
Doch allgemach aus Wolkenschleier
192
Ersteht die klare Scheibe freier.
193
Die Felsen scheinen sich zu regen,
194
Geflimmer zittert über'n Schnee,
195
Und langsam steigend aus der Höh'
196
Die Schatten auf den Grund sich legen.

197
Gebeugt, mit angestrengtem Schritt,
198
Aus seiner Schlucht der Wandrer tritt
199
In eine öde Fläche vor.
200
Er steht — er lauscht — er trägt das Ohr
201
Zur Erde bald und bald empor,
202
Und alle Sinne lauschen mit.
203
Er wendet sich, ob nichts vom Schalle
204
Aus einer andern Richtung falle. —
205
Nur hohl und zischend sich die Luft
206
In des Gesteines Spalten fängt,
207
Und, mit Geknister, durch den Duft
208
Zu Nacht gefall'ner Flocken drängt.
209
Der Kälte, die den Stamm zerschellt,
210
Kein Schirm sich hier entgegenstellt.
211
Ach Gott, wohin! ringsum kein Steg,
212
Sich überall die Ebne gleicht.
213
Doch vorwärts, vorwärts, immer reg',
214
Eh dich im Schlummer Tod beschleicht,
215
Nur immer in die Nacht hinein.
216
Da, durch die Steppe fällt ein Schein,
217
Wie wenn sich Kerzenschimmer brechen
218
In angehauchten Spiegels Flächen.
219
Und über dieses Meteor
220
Ragt eine Masse dunkel vor.
221
Gegrüßt, o Stern im Mißgeschicke!
222
Es ist die Drance, es ist die Brücke.

223
Kaum die bekannten Pfade schaut
224
Der Greis, ihm ist wie aufgethaut;
225
Halb kehrt der Jugend Muth zurück,
226
Er wähnt sich einen Augenblick
227
Für dies und Schlimmres noch genug.
228
Die Brücke naht sich wie im Flug.
229
Schon hat er rüstig sie beschritten,
230
Schon steht er in der Ebne Mitten,
231
Schon keucht er um des Stromes Bogen:
232
Und vor ihm her die glas'gen Wogen
233
Durchrollt des Mondes Silbertuch.
234
Vergebens! diese Kraft ist Schein;
235
Mit jedem Hauche sinkt sie ein,
236
Mit jedem Schritte weicht das Blut.
237
Ach keine Wunder wirkt der Muth!
238
Schon matter wird des Greises Tritt.
239
Das Licht im Strome fliegt nicht mehr,
240
Es wandert zögernd vor ihm her.
241
Aus den gelähmten Fingern glitt
242
Der Stab und eine weite Strecke
243
In Sätzen prallend von der Decke,
244
Dann lagert er an Stromes Rand.
245
Hin schleppt der müde Mann den Schritt;
246
Er bückt sich mühsam, welche Qual!
247
Ergreift ihn, der zum dritten Mal
248
Ihm immer gleitet aus der Hand.
249
Und schwindelnd, bei dem sauren Beugen,
250
Fühlt er das Blut zum Haupte steigen,
251
Sein Aug', von kalten Thränen schwer,
252
Sieht kaum das Allernächste mehr.
253
Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft
254
Die glatte Eisenspitze blinkt.
255
Da weicht des Armes letzte Kraft,
256
Und auf den Schnee das Knäbchen sinkt;
257
Es rafft sich auf, ergreift den Stab,
258
Gehorsam, leichtem Dienst gewöhnt.
259
„mein Kind! mein Kind!“ der Alte stöhnt,
260
Und nimmt die kleine Last ihm ab,
261
„was willst du noch zuletzt dich plagen!“
262
Späht mit der Augen trübem Stern
263
Beklommen durch den nächt'gen Schein; —
264
„du kannst nicht gehn, ich dich nicht tragen,
265
Und ach! das Hospital ist fern.
266
So müssen wir das Letzte wagen,
267
Und kehren bei den Todten ein.“
268
Er lenkt die Schritte von dem Strand,
269
Sein Knäbchen hält er an der Hand.

270
Das Mondlicht, das mit kaltem Kusse
271
Liebkoset dem versteinten Flusse,
272
Gleich links, auf ein Gewölbe klein,
273
Streut alle seine Schimmer rein,
274
Die, wie sie Wolkenflor umwebt,
275
Bald auf dem Dache, wie belebt,
276
Sich kräuseln, in den Fenstern drehn,
277
Und bald wie eine Lampe stehn,
278
Die halb der Grüfte Dunkel bricht.
279
So leisten sie die fromme Pflicht
280
Dem, so der Fremde ward zum Raube,
281
Und bei dem unbeweinten Staube
282
Entzünden sie das Trauerlicht.
283
Ja, diese Mauern, wohl erbaut
284
Mit Christensinn, sie bergen doch,
285
Wovor des Menschen Seele graut,
286
Wem Blut rollt in den Adern noch.
287
Sie alle, die zum Todesschlaf
288
Sankt Bernhards leiser Odem traf,
289
Wenn sie nicht Freundes Wort genannt,
290
Nicht Eidgenossen Blick erkannt,
291
An diesen Ort sind sie gebannt.
292
Der Bettler, dem kein Heimathland,
293
Der Jude, so auf Geld bedacht
294
Gefahrenvollen Weg betrat,
295
Der arme wandernde Soldat,
296
Der Flüchtling vor Gesetzes Macht:
297
Sie alle liegen hier, wie Tod
298
Aus dieser Wildniß sie entbot.
299
Im Pelze der, im Mantel weit,
300
Und jener im Studentenkleid.
301
Das tiefe Auge, trüb und offen,
302
Auf liebe Züge scheint zu hoffen;
303
So Zeit auf Zeiten, keine Thräne
304
Rann auf die bleiche Wange noch;
305
Und ließen treue Kinder doch,
306
Und sind geliebter Eltern Söhne.

307
Die Schwelle kennt der Greis genau,
308
Hier führt ein Steg nach Wallis Gau,
309
Sein alter Pfad, wenn von der Jagd
310
Er heimwärts manchen Gang gemacht,
311
Ans Fenster pflegt er dann zu treten,
312
Nachdenklich in die Gruft zu sehn,
313
Und sinnend auch, im Weitergehn,
314
Ein Vaterunser wohl zu beten.
315
Doch vor dem Tode auf der Flucht
316
Erfaßt ihn ungeheures Grauen,
317
Als tret' er in das eigne Grab
318
Und soll die eigne Leiche schauen.
319
Kaum wehrt er den Gedanken ab.
320
„hinweg! hinweg! so weit der Fuß
321
Dich trägt“; und unwillkührlich muß
322
Er wenden. Doch da weint das Kind:
323
„großvater! weiter sollen wir?
324
Wir sind ja hier an einer Thür.
325
Ich kann nicht mehr.“ Verschwunden sind
326
Die Zweifel; mühsam öffnet jetzt
327
Der Greis das Thor, mit Rost versetzt,
328
Tritt in die Wölbung, kauert sich
329
Dann auf den Boden kümmerlich,
330
Und nimmt an seine Brust den Kleinen.
331
So eine Weile sitzen sie,
332
Der Knabe auf des Mannes Knie
333
In stummen Schauern an ihn biegend,
334
Der Alte, sich nach innen schmiegend,
335
Das Haupt am feuchten Mauerstein,
336
Und übermüdet, überwacht,
337
Hat minder der Umgebung Acht;
338
Minuten noch, so schläft er ein. —
339
Schon summt es um ihn wie ein Schwarm,
340
Der Mantel gleitet mit dem Arm;
341
Und als das Haupt zur Seite sinkt, —
342
„großvater! ist das Glas? es blinkt!“
343
Der Alte fährt empor, er blickt
344
Verschüchtert seitwärts, unverrückt
345
Zu Boden dann: „sey still, sey still,
346
Mein Kind, es sey auch was es will.“
347
Und seufzend fügt er noch hinzu:
348
„es ist so spät! gib dich zur Ruh.“
349
Doch wie ein Strahl es ihn durchfliegt,
350
Daß Schlaf den Willen fast besiegt.
351
Schon greift der Krampf die Glieder an:
352
Zu reiben gleich beginnt der Mann.
353
Und als das Blut nun schneller rinnt,
354
Er immer heller sich besinnt,
355
Auch der Gedanke Kraft gewinnt.
356
Was war es, das, vom Schlaf erwacht
357
So in Verwirrung ihn gebracht?
358
Es war ein Blitz, es war ein Licht!
359
Und dennoch war es beides nicht.

360
Indessen har das Knäbchen leis'
361
Die beiden Aermchen ausgestreckt,
362
Und aus des Mantels Huth mit Fleiß
363
Den kleinen Kopf hervorgesteckt.
364
Das Schlummern will ihm nicht gelingen;
365
Die Langeweile zu bezwingen
366
Am Mantel nestelt's immerfort,
367
Schaut unverrückt nach einem Ort,
368
Bald gähnend, bald mit halbem Wort.
369
„ja!“ flüstert's, vor Ermattung roth,
370
Die Händchen in des Mantels Tasche,
371
„dort steht das Glas, und dort die Flasche,
372
Und auf dem Tische liegt das Brod.“
373
Dann zieht es sacht den Mantel los;
374
Es gleitet von des Alten Schooß,
375
Es taucht in's Dunkel. Auf sich rüttelnd
376
Aus wüster Träumereien Graus,
377
„henry! mein Kind!“ ruft jener aus,
378
Das graue Haupt verdrossen schüttelnd,
379
„wo bist du nur? komm wieder, Sohn!“
380
Dort glänzen seine Löckchen schon!
381
Was reicht und streicht es an der Wand?
382
An's Auge hebt der Greis die Hand:
383
Fürwahr! nach einem Brode sucht
384
Der kleine Arm hinauf zu langen;
385
Und nebenan sich Schimmer reihn,
386
Bald roth, bald grün, wie sie gefangen
387
Im Glase dort, und dort im Wein.
388
O unverhoffter Segen! Schon
389
Vom Boden taumeln sieh den Alten.
390
„laß, du vermagst es nicht zu halten,
391
Laß ab!“ Es zittert jeder Ton,
392
Der aus bewegter Brust sich windet,
393
Und kaum im Odem Nahrung findet.
394
Die Glieder, so in Frost und Qual
395
Ihn treulich trugen durch die Steppen,
396
Kaum vorwärts weiß er sie zu schleppen
397
Bis hin, wo harrt das karge Mahl.
398
Er faßt das Brod und kann's nicht theilen,
399
Und stöbert, sucht mit wirrem Eilen
400
In allen Taschen, allen Falten,
401
Selbst in der Stiefel engen Spalten.
402
„hab' ich mein Messer denn verloren?“
403
Die Rinde bricht, sie ist noch warm.
404
„nun iß, nun trink, mein Würmchen arm!
405
O, kam ich eher um zwei Stunden!
406
Um eine einz'ge Stunde nur!“
407
Die Mönche hätt' er noch gefunden;
408
Dies ist des Hospitales Spur.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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