ViI

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Annette von Droste-Hülshoff: ViI (1844)

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Am Wiesenhang 'ne Linde steht, so lieblich winkend mit den
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Zweigen,
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Auf jedem Ast ein Vogelnest, um jede Blüth' ein Bienen-
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reigen,
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Sie scheint den düstern Föhrenwald aus ihren Kelchen an-
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zulächeln,
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Des nahen Städtleins Angelus ein säuselnd Ave zuzufächeln,
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Und für den nahen Friedhof auch
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Hat sie versüßt des Westes Hauch.

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Und Blatt an Blatt vom Blüthenzweig verstreut sie auf des
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Greises Stirne,
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Der in dem Wurzelmoose lehnt sein Haupt mit siedendem
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Gehirne;
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Zur Seite liegt der Stab, gefüllt mit Bettelbrode liegt der
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Ranzen,
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Und Schemen hier und Schemen dort mit Elfenschritten
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drüber tanzen,
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Wie sie der Brust geheimster Hut
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Entschlüpfen in des Fiebers Glut.

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Den Anger seiner Kindheit sieht er in den Lindenzweigen
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spielen,
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Die süße Heimat, und das Haupt der Eltern auf den Sterbe-
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pfühlen;
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Was er verloren und erstrebt, was er gesündet und getragen,
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Wie Eine Nacht sein Haar gebleicht, die eignen Knechte ihn
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geschlagen.
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O Nacht, die Ehre, Kräfte, Hab'
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Zerbrach und ihm die Seele gab!

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Er sieht sein faltiges Gesicht im Wasserspiegel widerscheinen
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Wie er sich selber nicht erkannt, und kindisch dann begann
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zu weinen;
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Ach, all die Thränen, so nachher aus tiefrer Quelle sind
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geflossen,

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Ob sie ihn Christi Blut vereint? des Himmels Pforten auf-
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geschlossen?
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Wohl Schweres trug er mit Geduld,
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Doch willenlos, durch eigne Schuld!

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Mit vierzig Jahren siecher Greis, ist er von Land zu Land
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geschlichen,
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Hat seines Namens Fluch gehört und ist zur Seite scheu
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gewichen,
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Aus mancher Hand, die ihm gedient, hat er das Bettelbrod
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gebrochen,
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Und ist, ein todeskranker Mann, an dieses Hügels Bug ge-
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krochen,
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An diesen Hügel — ew'ge Macht!
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Er schaudert auf; — Sylvesternacht!

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Der Föhrenwald — das öde Haus — dort stand der Priester,
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dort am Hagen —
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O, in der Sterbestunde hat sein irrer Fuß ihn hergetragen,
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Das ist kein Schemen, dieses nicht; dort streckt Sankt Michael
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die Flügel,
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Dort kreucht am Fußgestell der Drach' und schlägt die Kralle
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in den Hügel;
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Des Greises Auge dunkelt, wild
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Die Agonie zum Haupte quillt.

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Das Buch — das Buch — er sieht das Buch — o Gottes-
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mutter, Gnade! Gnade!
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Er liebte dich, er liebte dich in Sünd' und Schmach! —
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gleich einem Rade
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Die Zeichen kreisen — Gott, o Gott, er sieht ein Händchen
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niederreichen,
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Mit leisem goldnen Fingerzug die blutgetränkten Lettern
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streichen!
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Und auf des Täuschers bleichen Mund
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Ein Lächeln steigt in dieser Stund.'

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Um Mittag hat der Mähder ihn am Lindenstamme aufge-
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hoben,
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Und in des Karrens Futtergrün dem Leichenhause zuge-
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schoben,
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Auf der Gemeinde Kosten ist ein grobes Sterbehemd be-
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reitet,
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Ein kurzer träger Glockenschlag hat zu der Grube ihn ge-
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leitet,
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Wo sich der Engelsflügel neigt
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Und nicht des Drachen Kralle reicht.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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