V

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Annette von Droste-Hülshoff: V (1844)

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Tief tiefe Nacht, am Schreine nur der Maus geheimes
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Nagen rüttelt,
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Der Horizont ein rinnend Sieb, aus dem sich Kohlenstaub
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entschüttelt,
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Die Träume ziehen, schwer wie Blei und leicht wie Dunst,
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um Flaum und Streue,
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In Gold der hagere Poet, der dürre Klepper wühlt im
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Heue,
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Vom Kranze träumt die Braut, vom Helm
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Der Krieger, und vom Strick der Schelm.

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In jener Kammer, wo sich matt der Fenster tiefes Grau
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schattiret,
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Hörst du ein Rieseln, wie die Luft der Steppe zarten Staub
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entführet?
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Und ein Gesäusel, wie im Glas gefangner Bremse Flügel
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wispelt?
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Vielleicht 'ne Sanduhr die verrinnt? ein Mäuschen das im
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Kalke rispelt?
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So scharf es geht, so bohrend ein
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Wie Sensenwetzen am Gestein.

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Und dort am Hange — Phosphorlicht, wie's kranken Gliedern
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sich entwickelt?
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Ein grünlich Leuchten, das wie Flaum mit hundert Fäden
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wirrt und prickelt,
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Gestaltlos, nur ein glüher Punkt in Mitten wo die Fasern
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quellen,
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Mit klingelndem Gesäusel sich an der Phiole Wände schnellen,
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Und drüber, wo der Schein zerfleußt,
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Ein dunkler Augenspiegel gleißt.

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Und immer krimmelts, wimmelts fort, die grüne Wand des
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Glases streifend,
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Ein glüher gieriger Polyp, vergebens nach der Beute greifend,
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Und immer starrt das Auge her, als ob kein Augenlied es
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schatte,
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Ein dunkles Haar, ein Nacken hebt sich langsam an des
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Tisches Platte,
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Dann plötzlich schließt sich eine Hand
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Und im Moment der Schein verschwand.

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Es tappt die Diel' entlang, es stampft wie Männertritt auf
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weichen Sohlen,
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Behutsam tastend an der Wand will Jemand Rathes sich
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erholen,
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Dann leise klinkt der Thüre Schloß, die losgezognen Riegel
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pfeifen,
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Durch das Gemach, verzitternd, scheu, gießt sich ein matter
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Dämmerstreifen,
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Und in dem Rahmen, duftumweht
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Im Nachtgewand der Täuscher steht.

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Wie ist die stämmige Gestalt zum sehnenharten Knorren
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worden!
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Wie manches, manches graue Haar schattirt sich an der
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Schläfe Borden!
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O, diese Falten um den Mund, wo leise Kummerzüge
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lauern —
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So mocht an Babels Strömen einst der grollende Prophete
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trauern,
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So der Verfehmte sonder Rast,
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Wie ihn Salvator

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Genüber, feingeschnitzelt, lehnt die Gnadenmutter mit dem
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Kinde,
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Das sein vergoldet Händchen streckt wie segnend aus der
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Mauerspinde,
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Und drunter, in Kristall gehegt, von funkelndem Gestein
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umbunden,
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Ein überköstlich Heiligthum, ein Nagel aus des Heilands
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Wunden;
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Zu seiner Ehre Nacht für Nacht
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Das Lämpchen am Gestelle wacht.

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Nie hat, in aller Schuld und Noth, der Täuscher einen Tag
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beschlossen.
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Daß nicht an dieser Schwelle ihm ein glüher Seufzer wär'
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entflossen,
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Selbst auf der Fahrt, auf nächt'gem Ritt, dämmert sein
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Auge in die Weite,
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Von des Polacken Rücken hat er mühsam sich gebeugt zur
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Seite,
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Und sein beladnes Haupt geneigt
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Woher das Kind die Händlein reicht.

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Ein scheuer Bettler Tag für Tag so steht er an des Himmels
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Pforte,
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Er schlägt kein Kreuz, er beugt kein Knie, nicht kennt sein
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Odem Gnadenworte,
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Schlaftrunknes Murmeln nur und glüh fühlt er's durch die
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Phiole ranken,
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Die seinem Leibe angetraut wie ragend Krebsgeschwür dem
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Kranken,
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Und von dem kargen Lebensheerd
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Ein Jahresscheit ist weggezehrt.

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Auch jetzt, in dieser Stunde, steht er lautlos, mit gestreck-
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ten Knieen,
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Nur leises Aechzen und voran! — schau, schau, wie seine
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Muskeln ziehen!
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Voran! — das Heilthum — der Krystall — er lehnt sich an
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die Wand, er schwindelt,
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Ein angstvoll Zupfen — ein Gestöhn — er hat den Nagel
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losgewindelt,
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Und stößt ihn dicht am Heil'genschrein
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In der Phiole Siegel ein.

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Hui! knallt der Pfropfen, hui, fährt das Glas in Millionen
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Splitter!
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Gewinsel hier, Gewinsel dort und spinnefüßelndes Geflitter;
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Es hackt und prickelt nach dem Mann, der unterm Gnaden-
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bilde wimmert,
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Bis Faser sich an Faser lischt, des Centrums letzter Hauch
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verschimmert,
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Und an der Gotteslampe steigt
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Das Haupt des Täuschers,

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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