Iv

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Annette von Droste-Hülshoff: Iv (1844)

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Ho! Gläserklang und Jubelsang und „Hurrah hoch!“ fährt's
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durch die Scheiben,
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Getroffen schwankt der goldne Leu, die Buben aus einander
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stäuben,
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Und drängen sich und balgen sich das fliegende Confekt zu
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fangen;
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Ein Glas, 'ne Frucht, 'ne Börse gar, die blieb am Speer
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des Schildes hangen,
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Und schreiend nach der Stange sticht
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Das kleine gierige Gezücht.

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Da klirrt aus des Balkones Thür ein Mann mit Gert' und
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Eisensporen,
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Ihm nach ein Andrer, Flasch' im Arm, in Rausches Selig-
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keit verloren,
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„gesindel!“ ruft der Eine: „halt! ich will euch lehren Börsen
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stechen!“
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„frisch, Jungens, frisch!“ der Andre drauf: „die Birn ist mein,
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wer kann sie brechen?
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Ihn schlag' ich heut', ich, Hans von Spaa,
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Zum Ritter von Lumpatia.“

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„besinnt euch,“ spricht der Erste; „was, besinnen? hab' ich
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mich besonnen
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Als euer Falber wie'n gestochner Stier zusammenbrach am
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Bronnen?
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Besann ich mich zu zahlen, Herr? o euer Vieh! dreihundert
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Kronen!“
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Die Stimme bricht in trunknem Weh, er schluchzt: „mag
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euch der Teufel lohnen!“
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Und schraubt den Pfropfenzieher ein;
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Der Täuscher murmelt finster drein,

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Und wendet sich. „He, holla, halt!“ schreit's hinter ihm,
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„nicht von der Stelle!
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Hoch euer Galgenmännlein, hoch der kleine rauchige Geselle!
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Und wieder hoch! und dreimal hoch! — Alräunchen, Hütchen
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meinetwegen,
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Mag's ferner goldne Eier euch, und Andern todte Bälge
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legen!'
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Der Täuscher lächelt, aschenfahl,
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Und schlendert pfeifend in den Saal.

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Noch zwei Minuten, und du siehst den Gassenpöbel vor ihm
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weichen,
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Ihn scheu wie ein umstelltes Wild entlang die Häuserreihen
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streichen:
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So schleicht kein Trinker schweren Hirns und freudesatt sich
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vom Gelage,
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So grüßt kein freies Herz, nicht steht auf offner Stirn so
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trübe Frage;
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Man meint, das Thor gewinne jetzt
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Ein Schelm, von Gläubigern gehetzt.

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Erst als die Fichte ihn umstarrt, an seiner Sohle Nadeln
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rauschen,
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Hat er den Schritt gehemmt und steht, in sich gebeugt, zu
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lauschen — lauschen —
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So lauscht kein Liebender dem Klang der Glocke, die zur
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Minne ladet,
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Kein Kranker so des Priesters Schritt, der mit dem Heil-
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thum ihn begnadet:
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Ein Delinquent so lauschen mag
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Der letzten Stunde Pendelschlag.

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Am Sonnenbrande schlummernd liegt der Wald in des Aroma
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Wellen,
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Und Harz entquillt den Nadeln wie aus Schläfers Wimpern
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Thränen quellen,
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Die sonnentrunkne Klippe nickt, die Vögel träumen von
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Gesange,
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In sich gerollt das Eichhorn liegt, umflattert von dem Franzen-
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hange,
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An jeder Nadel weißer Rauch
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Verdunstet Terpentines Hauch.

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Durch das Gezweig' ein Sonnenstrahl bohrt in des Horchers
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Scheitellocke,
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Die aus dem dunklen Wulste glimmt wie Seegewürmes
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Feuerflocke;
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Er steht und lauscht, er lauscht und steht, vernimmst du
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nicht ein feines Schrillen,
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Ein Rieseln, wie wenn Sandgekörn auf Estrich stäubt durch
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schmale Rillen?
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So scharf es geht, so bohrend ein,
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Wie Sensenwetzen am Gestein.

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Der Täuscher richtet sich, er seufzt, dann drängend nach des
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Forstes Mitte,
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An eklem Pilze klirrt der Sporn und Blasen schwellen unterm
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Tritte,
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Hier wuchern Kress' und Binsenwust, Gewürme klebt an
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jedem Halme,
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Insektenwirbel wimmelt auf und nieder in des Mooses
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Qualme,
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Und zischend, mit geschwelltem Kamm,
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Die Eidechs sucht den hohlen Stamm.

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Der Wandrer bricht die Rank', er reißt und wüthet in den
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Brombeerhecken,
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Da seitwärts durch Geröhres Speer erglänzt des Kolkes
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Dintenbecken,
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Ein wüster Kübel, wie getränkt mit schweflichen Asphaltes
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Jauche,
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Langbeinig füßelnd Larvenvolk regt sich in Fadenschlamm
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und Lauche,
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Und faule Spiegel, blau und grün,
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Wie Regenbogen drüber ziehn.

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In Mitten starrt ein dunkler Fleck, vom Riesenauge die
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Pupille,
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Dort steigt die Wasserlilj' empor, dem Fußtritt lauschend
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durch die Stille;
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Wen sie verlockt mit ihrem Schein, der hat sein letztes Lied
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gesungen;
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Drei Tage suchte man das Kind umsonst in Kraut und
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Wasserbungen,
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Wo Egel sich und Kanker jetzt
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An seinen bleichen Gliedchen letzt.

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Der Täuscher steht, den Arm verschränkt, und stuurt ver-
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düstert in die Lache,
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Sein Haar voll Laub und Kletten bauscht sich finster an der
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Krempe Dache,
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Gleich einem Senkblei scheint der Blick des Kolkes tiefsten
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Grund zu messen,
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Zur Seite schaut er, rückwärts dann, kein Strauch, kein
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Hälmchen wird vergessen,
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Greift dann behend zum Gürtelband
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Und hält ein Fläschlein in der Hand.

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Kaum hat das Ohr sich überzeugt, im Glase klingle das
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Gerispel,
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Ein Wimmeln kaum das Aug' erhascht, wie spinnefüßelndes
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Gewispel,
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Da, hui! pfeifts im Schwung' und, hui! fährts an der
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Lilie Krone nieder,
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Das Wasser zischt, es brodelt auf, es reckt die modergrünen
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Glieder,
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Und rückwärts, rückwärts sonder Halt
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Raschelt der Täuscher durch den Wald.

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Erst im Verhaue, wo die Luft spielt mit der Beere Würzarome,
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Und auf den goldnen Schwingen trägt das Festgeläut vom
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nahen Dome,
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Dort sinkt er schluchzend auf die Knie, so fest, so fest die
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Händ' gefaltet,
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O selten hat ein Seufzer so des Herzens tiefsten Grund
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gespaltet!
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Was dieser Seufzer trägt, es muß
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Sich nahen wie ein glüher Kuß.

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Und Zähren Perl' an Perle sich entlang die braunen Wangen
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schmiegen,
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So mochte der verlorne Sohn zu seines Vaters Füßen liegen;
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Da plötzlich zuckt der Beter — greift zum Gurte — tastet
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dann auf's Neue —
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Mit dumpfem Laute, klirrend fährt vom Grund er wie ein
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wunder Leue,
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Und in den Fingern angstgekrampft
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Die triefende Phiole dampft!!

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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