IiI

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Annette von Droste-Hülshoff: IiI (1844)

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Wie friedlich in der Erde Schooß die still geringen Leutchen
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schlafen!
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Endlich ein Pfühl nach hartem Stroh, nach saurer Fahrt
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endlich ein Hafen!
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Dem Flockenwulste, sichtbar kaum, entheben sich die niedern
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Hügel,
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Doch Gottes Engel kennt sie wohl, und schirmend breitet er
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die Flügel
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Den Kreuzlein zu, die Pflock an Pflock
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Sich reihen um den Marmorblock.

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Am Sockel kreucht der Drachenwurm, und scheint zum Grund
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hinabzukrallen,
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Zum todten Wuchrer unter'm Stein, von eigner Frevelhand
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gefallen,
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Wohl hat ihm Gold ein ehrlich Grab geworben an der Fried-
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hofsmauer,
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Doch drüber zuckt sein Flammenschwert Sankt Michael in
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Zorn und Trauer,
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So silbergrau, ein Nachtgesicht,
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Steht das versteinerte Gericht.

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Vom öden Hause, seinem einst, wo blutge Thränen sind
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geflossen,
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Hat sich ein seltsam dämmernd Licht bis an den Marmel-
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stein ergossen,
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Es ist als ob das Monument bei der Berührung zitternd
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schwanke,
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Im Schnee wühlend eine Hand dem Schuldner sich entgegen
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ranke;
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Er kömmt, er naht, die Pforte dröhnt,
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Er hat sich an den Stein gelehnt;

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Bleich wie der Marmor über ihm, und finster wie das Kreuz
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zur Seiten,
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Von Stirn und Wimper, Zähren gleich, geschmolznen Reifes
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Tropfen gleiten;
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Was er in dieser schweren Nacht gelitten oder auch gesündet,
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Er hat es Keinem je geklagt und Keinem reuig es verkündet;
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In's Dunkel starrt er, wie man wohl
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So starrt gedankenlos und hohl.

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Ihm ist, als fühl' er noch die Hand die seinen Federzug
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geleitet,
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Als fühle er den Nadelstich, der seines Blutes Quell be-
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reitet,
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Und leise zitternd tastet er zum Gurte, — hörst du nicht
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ein Knirren,
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Viel schrillender als Uhrgetick, viel zarter als der Spange
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Klirren? —
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O, seine Heimath, still umlaubt!
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O, seines Vaters graues Haupt!

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Bewußtlos an des Engels Knie drückt er die Stirn, klemmt
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er die Hände,
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Der todten Gäule Klingeln hört er schleichen durch die
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Fichtenwände;
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Genüber ihm am Horizonte schleifen schwarze Wolkenspalten,
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Wie lässig eine träge Hand zum Sarge schleift des Bahr-
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tuchs Falten;
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Er streicht das Auge, reckt sich auf,
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Und schaut zum Aetherdom hinauf.

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Noch hängt die Mondesampel klar am goldgestickten Kuppel-
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ringe,
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Noch leuchtet von Sankt Thomas Thurm das Kreuz wie
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eine Doppelklinge,
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Noch ist die Stunde nicht, wo sich der Hahn auf seiner Stange
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schüttelt,
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O eilig, eilig, eh die Uhr das letzte Sandkorn hat gerüttelt!
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Er wendet sich, da — horch, ein Klang,
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Und wieder einer, schwer und bang!

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Und mit dem zwölften Schlage hat der Wolkenmantel sich
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gebreitet,
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Der immer höher, riesig hoch, sich um die Himmelskuppel
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weitet,
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Und, horch! — ein langgedehnter Schrei, des Hahnes mitter-
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nächt'ge Klage;
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Im selbigen Moment erbebt und lischt der Schein am Sar-
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kophage,
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Und Engel, Drache, Flammenschwert,
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Sind in die wüste Nacht gekehrt.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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