Ii

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Annette von Droste-Hülshoff: Ii (1844)

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Das nenn' ich eine Winternacht! das eine Jahresleiche!
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Gnade
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Der Himmel Jedem den die Noth treibt über diese blanken
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Pfade!
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Sie glitzern auf, der Schlange gleich im weißen Pyramiden-
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sande,
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Und drüber hängt, ein Todtenlicht, der Mond an unsicht-
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barem Bande,
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Mit Fünkchen ist die Luft gefüllt,
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Die Sterbeseufzer zieht und quillt.

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Nie hat, seit Menschendenken, sich Sylvesternacht so scharf
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ergossen,
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Der Tag hat Flocken ausgestreut, der Abend sie mit Glas
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umschlossen;
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In den Gehöften Taub' und Huhn auf ihrer Stange ächzend
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ducken,
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Der Hund in seinem Schober heult und fühlt den Wurm
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im Hirne zucken;
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Zwei Spannen hat in dieser Nacht
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Das Eis dem Strome zugebracht.

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Verklommen steht am Thor die Wach' und haucht in die er-
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starrten Hände,
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„wer da!“ „ein Freund!“ und hastig stampft es längs der
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Brücke Steingelände;
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Betroffen sieht ihn der Rekrut wie einen Mast am Strome
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schwanken:
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„der ist betrunken oder irr!“ er steht ein Weilchen in Ge-
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danken,
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Bekreuzt sich, zieht die Uhr heraus,
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Und lehnt sich an sein Schilderhaus.

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In's offne Land der Täuscher tritt, er athmet auf und schaut
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nach oben;
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Kein Wölkchen hängt am Riesenbau der dunklen Saphir-
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kuppel droben,
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Er wendet sich, und sieht die Stadt wie eine Nebelmasse
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liegen,
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Und drüber, auf Sankt Thomas Thurm, das Wetterkreuz
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sich schimmernd wiegen,
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Den Mantel zieht er an's Gesicht
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Und schreitet fort im Mondenlicht.

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Was liegt dort über'm Weg? — ein Mensch, ein Mann in
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dünnem Zwillichrocke, —
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Der Täuscher zuckt, doch zaudert nicht; wohl sieht des
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Greisen dünne Locke,
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Die Glatze, leuchtend aus dem Schnee, er sieht sie im Vor-
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überschreiten,
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Und wie mit tausend Stricken zieht es nieder, nieder ihn,
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zur Seiten;
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An's Herz hat er die Faust geballt,
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Und weiter, weiter sonder Halt!

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Die Scholle unterm Fuße kracht, und scheint ihn wimmernd
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anzuklagen,
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Die Luft mit ihrem leisern Hauch ihm Sterberöcheln zuzu-
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tragen,
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In dem verglas'ten Föhrenwald ein irres Leben surrt und
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klingelt,
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Und seiner eignen Kehle Hauch mit Funkenstaube ihn umzingelt,
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Voran, voran, der Würfel liegt,
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Verloren oder keck gesiegt!

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Da wie ein Glöckchen tönt's von fern, und dann ein Licht-
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chen kömmt geschwommen
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Den blanken Schlangenpfad entlang, ist an des Hügels Bug
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geklommen,
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Das Glöckchen schwirrt, das Flämmchen schwankt, Gestalten
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dunkel sich bewegen,
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Ein Priester mit dem Sakrament zieht dem verstörten Mann
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entgegen,
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Und wie's an ihm vorüber schwebt
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Der Mönch die Hostie segnend hebt.

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Der Täuscher schaudert, und ihn reißt's wie Bleigewichte
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an den Knieen,
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Doch weiter, weiter! — und vorbei läßt er den Gnaden-
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engel ziehen;
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Noch einmal schaudert er — ein Knall — des Stromes Flächen
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spaltend zittern,
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Ein Windstoß durch der Föhren Haar, und die kristallnen
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Stäbchen klittern —
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Da tritt zum Friedhof er hinaus
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Und vor ihm liegt das öde Haus.

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Er starrt es an — ein düst'rer Bau! mit Zackengiebel, Eisen-
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stangen,
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Vom offnen Thore Nägelreihn wie rostige Gebisse hangen;
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Der Täuscher zaudert, dann umschleicht behutsam wie ein
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Fuchs im Winde
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Die Mauern er; — ist's nicht als ob ein Licht im Innern
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sich entzünde?
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Er schüttelt sich, er tritt hinein
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Und steht im finstern Gang allein;

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Tappt am Gemäuer, wendet sich; dort stimmt es durch der
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Thüre Spalten,
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Sacht beugt er zu der Ritze, lauscht, den schweren Odem
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angehalten;
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Kein Ton, kein Räuspern, nur ein Laut wie scharfgeführter
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Feder Schrillen,
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Und ein Geriesel wie wenn Sand auf Estrich stäubt durch
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schmale Rillen;
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Sacht greift er an die Klinke, sacht
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Hat er gepocht und aufgemacht.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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