Der Schloßelf

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Schloßelf (1844)

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In monderhellten Weihers Glanz
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Liegt brütend wie ein Wasserdrach'
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Das Schloß mit seinem Zackenkranz,
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Mit Zinnenmoos und Schuppendach.
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Die alten Eichen stehn von fern,
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Respektvoll flüsternd mit den Wellen,
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Wie eine graue Garde gern
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Sich mag um graue Herrscher stellen.

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Am Thore schwenkt, ein Steinkoloß,
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Der Pannerherr die Kreuzesfahn,
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Und courbettirend schnaubt sein Roß
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Jahrhunderte schon himmelan;
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Und neben ihm, ein Tantalus,
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Lechzt seit Jahrhunderten sein Docke
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Gesenkten Halses nach dem Fluß,
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Im dürren Schlunde Mooses Flocke.

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Ob längst die Mitternacht verklang,
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Im Schlosse bleibt es immer wach;
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Streiflichter gleiten rasch entlang
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Den Corridor und das Gemach,
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Zuweilen durch des Hofes Raum
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Ein hüpfendes Laternchen ziehet;
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Dann horcht der Wandrer, der am Saum
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Des Weihers in den Binsen knieet.

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„ave Maria! stärke sie!
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Und hilf ihr über diese Nacht!“
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Ein frommer Bauer ist's, der früh
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Sich auf die Wallfahrt hat gemacht.
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Wohl weiß er, was der Lichterglanz
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Mag seiner gnäd'gen Frau bedeuten;
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Und eifrig läßt den Rosenkranz
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Er durch die schwiel'gen Finger gleiten.

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Doch durch sein christliches Gebet
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Manch Heidennebel schwankt und raucht;
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Ob wirklich, wie die Sage geht,
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Der Elf sich in den Weiher taucht,
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So oft dem gräflichen Geschlecht
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Der erste Sprosse wird geboren?
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Der Bauer glaubt es nimmer recht,
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Noch minder hätt' er es verschworen.

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Scheu blickt er auf — die Nacht ist klar,
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Und gänzlich nicht gespensterhaft,
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Gleich drüben an dem Pappelpaar
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Zählt man die Zweige längs dem Schaft;
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Doch stille! In dem Eichenrund —
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Sind das nicht Tritte? — Kindestritte?
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Er hört wie an dem harten Grund
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Sich wiegen, kurz und stramm, die Schritte.

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Still! still! es raschelt über'n Rain,
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Wie eine Hinde, die im Thau,
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Beherzt gemacht vom Mondenschein,
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Vorsichtig äßet längs der Au.
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Der Bauer stutzt — die Nacht ist licht,
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Die Blätter glänzen an dem Hagen,
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Und dennoch — dennoch sieht er nicht,
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Wen auf ihn zu die Schritte tragen.

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Da, langsam knarrend, thut sich auf
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Das schwere Heck zur rechten Hand,
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Und, wieder langsam knarrend, drauf
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Versinkt es in die grüne Wand.
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Der Bauer ist ein frommer Christ;
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Er schlägt behend des Kreuzes Zeichen;
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„und wenn du auch der Teufel bist,
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Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!“

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Da hui! streift's ihn, federweich,
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Da hui! raschelt's in dem Grün,
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Da hui! zischt es in den Teich,
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Daß bläulich Schilf und Binsen glühn,
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Und wie ein knisterndes Geschoß
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Fährt an den Grund ein bläulich Feuer;
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Im Augenblicke wo vom Schloß
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Ein Schrei verzittert über'm Weiher.

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Der Alte hat sich vorgebeugt,
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Ihm ist als schimmre, wie durch Glas,
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Ein Kindesleib, phosphorisch, feucht,
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Und dämmernd wie verlöschend Gas;
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Ein Arm zerrinnt, ein Aug' verglimmt —
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Lag denn ein Glühwurm in den Binsen?
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Ein langes Fadenhaar verschwimmt,
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— Am Ende scheinen's Wasserlinsen!

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Der Bauer starrt, hinab, hinauf,
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Bald in den Teich, bald in die Nacht;
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Da klirrt ein Fenster drüben auf,
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Und eine Stimme ruft mit Macht:
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„nur schnell gesattelt! schnell zur Stadt!
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Gebt dem Polacken Gert' und Sporen!
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Viktoria! so eben hat
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Die Gräfin einen Sohn geboren!“

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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