Der Mutter Wiederkehr

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Mutter Wiederkehr (1844)

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Du frägst mich immer von neuem, Marie,
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Warum ich mein Heimathland
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Die alten lieben Gebilde flieh
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Dem Herzen doch eingebrannt?
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Nichts soll das Weib dem Manne verhehlen,
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Und nichts dem treuen Weibe der Mann,
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Drum setz dich her, ich will erzählen,
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Doch abwärts sitze — schau mich nicht an.

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Bei meinen Eltern ich war, — ein Kind,
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Ein Kind und dessen nicht froh,
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Im Hause wehte ein drückender Wind,
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Der ehliche Friede floh,
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Nicht Zank noch Scheltwort durfte ich hören,
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Doch wie ein Fels auf Allen es lag,
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Sahn wir von Reisen den Vater kehren,
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Das war uns Kindern ein trauriger Tag.

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Ein Kaufmann, ernst, sein strenges Gemüth
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Verbittert durch manchen Verlust,
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Und meine Mutter die war so müd,
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So keuchend ging ihre Brust!
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Noch seh' ich wie sie, die Augen geröthet,
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Ein Bild der still verhärmten Geduld,
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An unserm Bettchen gekniet und gebetet.
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Gewiß, meine Mutter war frei von Schuld!

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Doch trieb der Vater sich um — vielleicht
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In London oder in Wien —
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Dann lebten wir auf und athmeten leicht,
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Und schossen wie Kressen so grün.
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Durch lustige Schwänke machte uns lachen
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Der gute Meßner, dürr und ergraut,
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Der dann uns Alle sollte bewachen,
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Denn meiner Mutter ward Nichts vertraut.

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Da schickte der Himmel ein schweres Leid,
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Sie schlich so lange umher,
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Und härmte sich sachte in's Sterbekleid,
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Wir waren wie irre Vögel im Haine,
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Zu früh entflattert dem treuen Nest,
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Bald tobten wir toll über Blöcke und Steine,
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Und duckten bald, in den Winkel gepreßt.

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Dem alten Manne ward kalt und heiß,
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Dem würdigen Sakristan,
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Sah er besudelt mit Staub und Schweiß
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Und glühend wie Oefen uns nahn;
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Doch traten wir in die verödete Kammer,
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Und sahn das Schemelchen am Clavier,
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Dann strömte der unbändige Jammer,
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Und nach der Mutter wimmerten wir.

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Am sechsten Abend nachdem sie fort
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— Wir kauerten am Kamin,
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Der Alte lehnte am Simse dort
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Und sah die Kohlen verglühn,
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Wir sprachen nicht, uns war beklommen —
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Da leis' im Vorsaal dröhnte die Thür,
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Und schlürfende Schritte hörten wir kommen.
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Mein Brüderchen rief: „die Mutter ist hier!“

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Still, stille nur! — wir horchten all,
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Zusammen gedrängt und bang,
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Wir hörten deutlich der Tritte Hall
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Die knarrende Diel' entlang,
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Genau wir hörten rücken die Stühle,
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Am Schranke klirren den Schlüsselbund,
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Und dann das schwere Krachen der Diele,
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Als es vom Stuhle trat an den Grund.

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Mein junges Blut in den Adern stand,
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Ich sah den Alten wie Stein
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Sich klammern an des Gesimses Rand,
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Da langsam trat es herein.
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O Gott, ich sah meine Mutter, Marie!
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Marie, ich sah meine Mutter gehn,
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Im schlichten Kleide, wie Morgens frühe
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Sie kam nach ihren zwei Knaben zu sehn!

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Fest war ihr Blick zum Grunde gewandt,
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So schwankte sie durch den Saal,
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Den Schlüsselbund in der bleichen Hand,
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Die Augen trüb wie Opal;
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Sie hob den Arm, wir hörtens pfeifen,
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Ganz wie ein Schlüssel im Schlosse sich dreht,
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Und in's Closet dann sahn wir sie streifen,
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Drin unser Geld und Silbergeräth.

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Du denkst wohl, daß keines Odems Hauch
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Die schaurige Oede brach,
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Und still war's in dem Closete auch,
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Noch lange lauschten wir nach.
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Da sah ich zusammen den Alten fallen,
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Und seine Schläfe schlug an den Stein,
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Da ließen wir unser Geschrei erschallen,
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Da stürzten unsere Diener herein.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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