Meister Gerhard von Cöln

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Annette von Droste-Hülshoff: Meister Gerhard von Cöln (1844)

1
Wenn in den linden Vollmondnächten
2
Die Nebel lagern über'm Rhein,
3
Und graue Silberfäden flechten
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Ein Florgewand dem Heilgenschrein:
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Es träumt die Waldung, duftumsäumt,
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Es träumt die dunkle Fluthenschlange,
7
Wie eine Robbe liegt am Hange
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Der Schürg' und träumt.

9
Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,
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Des Walles Gräser zucken matt,
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Und ein zerhauchter Grabesbrodem
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Liegt über der entschlafnen Stadt:
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Sie hört das Schlummerlied der Well'n,
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Das leise murmelnde Geschäume,
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Und tiefer, tiefer sinkt in Träume
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Das alte Cöln.

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Dort wo die graue Cathedrale,
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Ein riesenhafter Zeitentraum,
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Entsteigt dem düstern Trümmermale
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Der Macht, die auch zerrann wie Schaum —
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Dort, in der Scheibe Purpurrund
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Hat taumelnd sich der Stral gegossen
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Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,
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Bis auf den Grund.

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Wie ist es schauerlich im weiten
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Versteinten öden Palmenwald,
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Wo die Gedanken niedergleiten
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Wie Anakonden schwer und kalt;
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Und blutig sich der Schatten hebt
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Am blut'gen Märtyrer der Scheibe,
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Wie neben dem gebannten Leibe
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Die Seele schwebt.

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Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe
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Schläft halbgeschlossen Blum' und Kraut;
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Wie nackt gespülte Uferriffe
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Die Streben lehnen, tief ergraut;
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Anschwellend zum Altare dort,
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Dann aufwärts dehnend, lang gezogen,
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Schlingen die Häupter sie zu Bogen,
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Und schlummern fort.

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Und immer schwerer will es rinnen
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Von Quader, Säulenknauf und Schaft,
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Und in dem Strale will's gewinnen
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Ein dunstig Leben, geisterhaft:
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Da horch! es dröhnt im Thurme — ha!
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Die Glocke summt — da leise säuselt
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Der Dunst, er zucket, wimmelt, kräuselt, —
48
Nun steht es da! —

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Ein Nebelmäntlein umgeschlagen,
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Ein graues Käppchen, grau Gewand,
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Am grauen Halse grauer Kragen,
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Das Richtmaaß in der Aschenhand.
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Durch seine Glieder zitternd geht
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Der Stral wie in verhaltner Trauer,
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Doch an dem Estrich, an der Mauer
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Kein Schatten steht.

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Es wiegt das Haupt nach allen Seiten,
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Unhörbar schwebt es durch den Raum,
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Nun sieh es um die Säulen gleiten,
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Nun fährt es an der Orgel Saum;
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Und aller Orten legt es an
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Sein Richtmaaß, webert auf und nieder,
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Und leise zuckt das Spiel der Glieder,
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Wie Rauch im Tann. —

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War das der Nacht gewalt'ger Odem? —
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Ein weit zerflossner Seufzerhall,
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Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem
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Durchquillt die öden Räume all:
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Und an der Pforte, himmelan
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Das Männlein ringt die Hand, die fahle,
71
Dann gleitet's aufwärts am Portale —
72
Es steht am Krahn.

73
Und über die entschlafnen Wellen
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Die Hand es mit dem Richtmaaß streckt;
75
Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen,
76
Sie brodeln auf, wie halb geweckt;
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Als drüber nun die Stimme dröhnt,
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Ein dumpf, verhallend, fern Getose,
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Wie träumend sich im Wolkenschooße
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Der Donner dehnt.

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„ich habe diesen Bau gestellt,
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Ich bin der Geist vergangner Jahre!
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Weh! dieses dumpfe Schlummerfeld
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Ist schlimmer viel als Todtenbahre!
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O wann, wann steigt die Stunde auf,
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Wo ich soll lang Begrabnes schauen?
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Mein starker Strom, ihr meine Gauen
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Wann wacht ihr auf?“ —

89
„ich bin der Wächter an dem Thurm,
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Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen,
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Mein Hornesstoß der Zeitensturm,
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Allein sie schliefen, schliefen, schliefen!
93
Und schlafen fort, ich höre nicht
94
Den Meißel klingen am Gesteine,
95
Wo tausend Hände sind wie eine,
96
Ich hör' es nicht!“ —

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„und kann nicht ruhn, ich sehe dann
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Zuvor den alten Krahn sich regen,
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Daß ich mein treues Richtmaaß kann
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In eine treue Rechte legen!
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Wenn durch das Land
102
Wie
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Da silbern wallt

104
Im Osten auf des Morgens Fahne,
105
Und, ein zerflossner Nebelstreif,
106
Der Meister fährt empor am Krahne. —
107
Mit Räderknarren und Gepfeif,
108
Ein rauchend Ungeheuer, schäumt
109
Das Dampfboot durch den Rhein, den blauen —
110
O deutsche Männer! deutsche Frauen!
111
Hab' ich geträumt? —

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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