IiI

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Annette von Droste-Hülshoff: IiI (1844)

1
Zehn Jahre! — und Mancher der keck umher
2
Die funkelnden Blicke geschossen,
3
Der schlägt sie heute zu Boden schwer,
4
Und Mancher hat sie geschlossen.
5
Am Hafendamme geht eine Frau,
6
— Mich dünkt, wir müssen sie kennen,
7
Ihr Haar einst schwarz, nun schillerndes Grau,
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Und hohl die Wangen ihr brennen.

9
Im Topfe trägt sie den Honigwab,
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Zergehend in Julius-Hitze;
11
Die Trägerin trocknet den Schweiß sich ab,
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Und ruft dem hinkenden Spitze.
13
Der sie bestellte, den Schiffspatron,
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Sieht über die Planke sie kommen;
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Wird er ihr kümmern den kargen Lohn?
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Gertrude denkt es beklommen.

17
Doch nein, — wo sich die Matrosen geschaart,
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Zum Strande sieht sie ihn schreiten,
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Er schüttelt das Haupt, er streicht den Bart,
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Und scheint auf die Welle zu deuten.
21
Und schau den Spitz! er schnuppert am Grund —
22
„was suchst du denn in den Gleisen?
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Fidel, Fidel!“ fort strauchelt der Hund,
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Und heulet wie Wölfe im Eisen.

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Barmherziger Himmel! ihr wird so bang,
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Sie watet im brennenden Sande,
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Und wieder erhebt sich so hohl und lang
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Des Hundes Geheul vom Strande.
29
O Gott, eine triefende Leich' im Kies,
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Eine Leich' mit dem Auge des Stieres!
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Und drüber kreucht das zottige Vlies
32
Des lahmen wimmernden Thieres.

33
Gertrude steht, sie starret herab,
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Mit Blicken irrer und irrer,
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Dann beugt sie über die Leiche hinab,
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Mit Lächeln wirrer und wirrer,
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Sie wiegt das Haupt bald so bald so,
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Sie flüstert mit zuckendem Munde,
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Und eh die zweite Minute entfloh,
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Da liegt sie kniend am Grunde.

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Sie faßt der Todten geschwollene Hand,
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Ihr Haar voll Muscheln und Tange,
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Sie faßt ihr triefend zerlumptes Gewand,
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Und säubert von Kiese die Wange;
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Dann sachte schiebt sie das Tuch zurück,
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Recht wo die Schultern sich runden,
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So stier und bohrend verweilt ihr Blick,
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Als habe sie Etwas gefunden.

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Nun zuckt sie auf, erhebt sich jach,
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Und stößt ein wimmernd Gestöhne,
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Grad eben als der Matrose sprach:
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„das ist die blonde Helene!
53
Noch jüngst juchheite sie dort vorbei
54
Mit trunknen Soldaten am Strande.“
55
Da that Gertrud einen hohlen Schrei,
56
Und sank zusammen im Sande.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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