Der Geyerpfiff

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Der Geyerpfiff (1844)

1
Ja, lieblich ist des Berges Maid
2
In ihrer festen Glieder Pracht,
3
In ihrer blanken Fröhlichkeit
4
Und ihrer Zöpfe Rabennacht;
5
Siehst du sie brechen durch's Genist
6
Der Brombeerranken, frisch, gedrungen,
7
Du denkst, die Centifolie ist
8
Vor Uebermuth vom Stiel gesprungen.

9
Nun steht sie still und schaut sich um —
10
All überall nur Baum an Baum;
11
Ja, irre zieht im Walde um
12
Des Berges Maid und glaubt es kaum;
13
Noch zwei Minuten, wo sie sann,
14
Pulsiren ließ die heißen Glieder, —
15
Behende wie ein Marder dann
16
Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.

17
Am Eingang steht ein Felsenblock,
18
Wo das Geschiebe überhängt;
19
Der Epheu schüttelt sein Gelock,
20
Zur grünen Laube vorgedrängt:
21
Da unter'm Dache lagert sie,
22
Behaglich lehnend an dem Steine,
23
Und denkt: ich sitze wahrlich wie
24
Ein Heil'genbildchen in dem Schreine!

25
Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar
26
Sie löset mit der runden Hand,
27
Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar
28
Wie Rabensittiges Gewand.
29
Ei! denkt sie, bin ich doch allein!
30
Auf springt das Spangenpaar am Mieder;
31
Doch unbeweglich gleich dem Stein
32
Steht hinter'm Block der wilde Rieder:

33
Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,
34
Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,
35
Zuweilen treibt des Windes Gruß
36
Auch eine Locke um das Riff,
37
Doch ihres heißen Odems Zug,
38
Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,
39
Verlorne Laute, wie im Flug
40
Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.

41
So weich die Luft und badewarm,
42
Berauschend Thimianes Duft,
43
Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,
44
Den vollen, streckt sie aus der Kluft,
45
Schließt dann ihr glänzend Augenpaar —
46
Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde —
47
So dämmert sie und die Gefahr
48
Wächst von Sekunde zu Sekunde.

49
Nun Alles still — sie
50
Doch hinter'm Steine wird's belebt
51
Und seine Büchse sachte, sacht,
52
Der Rieder von der Schulter hebt,
53
Lehnt an die Klippe ihren Lauf,
54
Dann lockert er der Messer Klingen,
55
Hebt nun den Fuß — was hält ihn auf?
56
Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!

57
Ha, das Signal! — er ballt die Faust —
58
Und wiederum des Geyers Pfiff
59
Ihm schrillend in die Ohren saust —
60
Noch zögert knirschend er am Riff —
61
Zum dritten Mal — und sein Gewehr
62
Hat er gefaßt — hinan die Klippe!
63
Daß bröckelnd Kies und Sand umher
64
Nachkollern von dem Steingerippe.

65
Und auch das Mädchen fährt empor:
66
„ei, ist so locker das Gestein?“
67
Und langsam, gähnend tritt hervor
68
Sie aus dem falschen Heil'genschrein,
69
Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,
70
Will nach dem Sonnenstande schauen,
71
Da sieht sie einen
72
Mit einem Lamm in seinen Klauen.

73
Und schnell gefaßt, der Wildniß Kind,
74
Tritt sie entgegen seinem Flug:
75
Der kam daher, wo Menschen sind,
76
Das ist der Bergesmaid genug.
77
Doch still! war das nicht Stimmenton
78
Und Räderknarren? still! sie lauscht —
79
Und wirklich, durch die Nadeln schon
80
Die schwere Kutsche ächzt und rauscht.

81
„he, Mädchen!“ ruft es aus dem Schlag,
82
Mit feinem Knix tritt sie heran:
83
„zeig uns zum Dorf die Wege nach,
84
Wir fuhren irre in dem Tann!“ —
85
„herr,“ spricht sie lachend, „nehmt mich auf,
86
Auch ich bin irr' und führ' Euch doch.“
87
„nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,
88
Nur frisch hinauf, du zögerst noch?“

89
„herr, was ich weiß, ist nur gering,
90
Doch führt es Euch zu Menschen hin,
91
Und das ist schon ein köstlich Ding
92
Im Wald, mit Räuberhorden drin:
93
Seht, einen Weih am Bergeskamm
94
Sah steigen ich aus jenen Gründen,
95
Der in den Fängen trug ein Lamm;
96
Dort muß sich eine Heerde finden.“ —

97
Am Abend steht des Forstes Held
98
Und flucht die Steine warm und kalt:
99
Der Wechsler freut sich, daß sein Geld
100
Er klug gesteuert durch den Wald:
101
Und nur die gute, franke Maid
102
Nicht ahnet in der Träume Walten,
103
Daß über sie so gnädig heut
104
Der Himmel seinen Schild gehalten. —

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.