Ii

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Annette von Droste-Hülshoff: Ii (1844)

1
Mittagsstunde, — der Sonnenpfeil
2
Prallt an des Weihen Gefieder,
3
Der vom Gesteine grau und steil
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Blinzt in die Pinien nieder.
5
Schwarz der Wald, eine Wetternacht,
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Die aus dem Aether gesunken,
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Drüber der Stral in Siegespracht
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Tanzt auf dem Feinde wie trunken.

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Plötzlich zuckt, es flattert der Weih,
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Und klatscht in taumelnden Ringen,
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Ueber'm Riffe sein wilder Schrei,
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Dann steigt er, wiegend die Schwingen;
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Und am Grunde es stampft und surrt,
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Hart unter dem Felsenmaale,
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Netz im Haare, Pistol im Gurt,
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Zwölf Schergen reiten zu Thale.

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Wo den Schatten verkürzt das Riff
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Wirft über die zitternde Aue,
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Starrt gefesselt der rothe Jocliffe
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Hinauf zum Vogel in's Blaue.
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Dürr seine Zunge, — kein Tropfen labt —
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Er lacht in grimmigem Hohne,
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Neben ihm der Podesta trabt
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Und pfeift sich eine Canzone.

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Rüstig stampfen die Rosse fort,
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Dann „halt!“ Es lagert die Bande;
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Hier ein Scherge, ein anderer dort,
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Gestreckt im knisternden Sande.
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Die Cigarre läßt an den Grund
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Ihr bläuliches Wölkchen schwehlen,
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Und der Schlauch, von Mund zu Mund,
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Strömt in die durstigen Kehlen.

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Wie so lockend die Taube lacht
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Aus grünem duftigem Haine!
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Von den Zwölfen heben sich acht,
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Sie schlendern entlang das Gesteine,
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Lässig, spielend, so sorgenbaar
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Wie junge Geier im Neste,

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Einer so nach dem andern schwankt
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In's Grün' aus der sengenden Hitze,
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Halt! wie elektrisch Feuer rankt
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Von Aug' zu Aug' ein Geblitze.
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Horch, sie flüstern! Zwei und zwei
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Die Pinien streifen sie leise,
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Wie die Hinde witternd und scheu
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Schlüpft über befahrene Gleise.

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Zwei am Hange und zwei hinab
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Und vier zur Rechten und Linken,
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Sachte beugen den Ast sie ab,
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Ihre Augen wie Vipern blinken,
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Da — im Moose ein dürrer Baum
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Mit wunderlich brauner Schale, —
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Hui! ein Pfiff auf gekrümmtem Daum, —
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Und dort — und drunten im Thale.

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Fährt vom Moose Geronimo,
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Und eh ihn die Schergen umschlingen,
57
Wie im Haid die knisternde Loh',
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Ha! sieh ihn flattern und springen!
59
Knall auf Knall, eine Kugel pfeift
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Ihm durch der Retilla Knoten,
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Blutend er an dem Gesteine läuft
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Bis zum Jocliffe, dem rothen.

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Hoch die Rechte — will er schnell
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Sich rächen zu dieser Stunde?
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Nein, am Rosse schreibt das Cartel
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Er rasch mit klaffender Wunde.
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Hoch die Linke — es knallt, es blitzt,
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Und taumelnd sinkt der Podesta;
69
Ruft der Corse: „so hab' es itzt,
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Du Hund, für den kühnen di Vesta!“

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O Geronimo! hätten dich fort,
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Fort, fort deine Sprünge getragen,
73
Als die Einen am Riffe dort,
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Die Andern klommen am Hagen!
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Schwerlich heute, so mein' ich klar,
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Sie würden die Stadt erschrecken
77
Mit der Leiche auf grüner Bahr'
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Und mit dir, gebunden am Schecken!

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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