Der Graue

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Graue (1844)

1
Er war tief in die Nacht hinein,
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Und draußen heulte noch der Sturm,
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Schnob zischend an dem Fensterstein
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Und drillt den Glockenstrang am Thurm.
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In seinem Bette Waller lag,
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Und las so scharf im Ivanhoe,
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Daß man gedacht, bevor es Tag
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Sey Englands Königreich in Ruh.

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Er sah nicht, daß die Kerze tief
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Sich brannte in der Flasche Rand,
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Der Talg in schweren Tropfen lief,
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Und drunten eine Lache stand.
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Wie träumend hört' er das Geknarr
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Der Fenster, vom Rouleau gedämpft,
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Und wie die Thüre mit Geschnarr
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In ihren Angeln zuckt und kämpft.

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Sehr freut er sich am Bruder Tuck,
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— Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain —
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Da plötzlich ein gewalt'ger Ruck,
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Und, hui! die Scheibe klirrt hinein.
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Er fuhr empor, — weg war der Traum —
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Und deckte mit der Hand das Licht,
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Ha! wie so wüst des Zimmers Raum!
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Selbst ein romantisches Gedicht!

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Der Sessel feudalistisch Gold —
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Am Marmortisch die Greifenklau' —
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Und über'm Spiegel flatternd rollt,
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Ein Banner, der Tapete Blau,
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Im Zug der durch die Lücke schnaubt;
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Die Ahnenbilder leben fast,
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Und schütteln ihr behelmtes Haupt
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Ergrimmt ob dem plebejen Gast.

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Der blonde Waller machte gern
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Sich selber einen kleinen Graus,
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So nickt er spöttisch gen die Herrn,
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Als fordert' er sie keck heraus.
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Die Glocke summt — schon Eins fürwahr!
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Wie eine Boa dehnt' er sich,
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Und sah nach dem Pistolenpaar,
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Dann rüstet er zum Schlafe sich.

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Die Flasche hob er einmal noch
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Und leuchtete die Wände an,
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Ganz wie 'ne alte Halle doch
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Aus einem Scottischen Roman!
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Und — ist das Nebel oder Rauch,
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Was durch der Thüre Spalten quillt,
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Und, wirbelnd in des Zuges Hauch,
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Die dunstigen Paneele füllt?

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Ein Ding — ein Ding — wie Grau in Grau,
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Die Formen schwanken — sonderbar! —
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Doch, ob der Blick sich schärft? den Bau
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Von Gliedern nimmt er mählig wahr.
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Wie über'm Eisenhammer, schwer
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Und schwarz, des Rauches Säule wallt;
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Ein Zucken flattert drüben her,
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Doch — hat es menschliche Gestalt!

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Er war ein hitziger Kumpan,
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Wenn Wein die Lava hat geweckt.
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Der Waller hat den Arm gestreckt:
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Und aus dem Lauf die Kugel knallt;
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Er hört sie schlagen an die Thür,
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Und abwärts prallen mit Gewalt.

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Der Schuß dröhnt am Gewölbe nach,
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Und, eine schwere Nebelschicht,
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Füllt Pulverbrodem das Gemach;
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Er theilt sich, schwindet, das Gesicht
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Steht in des Zimmers Mitte jetzt,
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Ganz wie ein graues Bild von Stein,
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Die Formen scharf und unverletzt,
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Die Züge edel, streng und rein.

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Auf grauer Locke grau Barett,
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Mit grauer Hahnenfeder drauf.
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Der Waller hat so sacht und nett
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Sich hergelangt den zweiten Lauf.
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Noch zögert er — ist es ein Bild,
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Wär's zu zerschießen lächerlich;
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Und wär's ein Mensch — das Blut ihm quillt —
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Ein Geck, der unterfinge sich —?!

79
Ein neuer Ruck, und wieder Knall
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Und Pulverrauch — war das Gestöhn?
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Er hörte keiner Kugel Prall —
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Es ist vorüber! ist geschehn!
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Der Waller zuckt: „verdammtes Hirn!“
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Mit einmal ist er kalt wie Eis,
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Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn,
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Er starret in den Nebelkreis.

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Ein Aechzen! oder Windeshauch! —
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Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt.
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O Gott, es zappelt! — nein — der Rauch
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Gedrängt vom Zuge schwankt und irrt;
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Es wirbelt aufwärts, woget, wallt,
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Und, wie ein graues Bild von Stein,
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Steht nun am Bette die Gestalt,
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Da, wo der Vorhang sinkt hinein.

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Und drüber knistert's, wie von Sand,
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Wie Funke, der elektrisch lebt;
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Nun zuckt ein Finger — nun die Hand —
98
Allmählig nun ein Fuß sich hebt, —
99
Hoch — immer höher — Waller winkt;
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Dann macht er schnell gehörig Raum,
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Und langsam in die Kissen sinkt
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Es schwer, wie ein gefällter Baum.

103
Und schlingt die Arme wie 'nen Strick, —
104
Ein Leichnam! todessteif und nackt!
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Mit einem Ruck fährt er zurück;
106
Da wälzt es langsam, schwer wie Blei,
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Sich gleich dem Mühlstein über ihn;
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Da that der Waller einen Schrei,
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Und seine Sinne waren hin.

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Am nächsten Morgen fand man kalt
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Ihn im Gemache ausgestreckt;
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's war eine Ohnmacht nur, und bald
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Ward zum Bewußtseyn er geweckt.
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Nicht irre war er, nur gepreßt,
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Und fragt: „ob Keiner ward gestört?
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Doch Alle schliefen überfest,
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Nicht einer hat den Schuß gehört.

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So ward es denn für Traum sogleich,
119
Und Alles für den Alp erkannt;
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Doch zog man sich aus dem Bereich,
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Und trollte hurtig über Land.
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Sie waren Alle viel zu klug,
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Und vollends zu belesen gar;
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Allein der blonde Waller trug
125
Seit dieser Nacht eisgraues Haar.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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