Vorgeschichte ( Second sight )

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Annette von Droste-Hülshoff: Vorgeschichte ( Second sight ) (1844)

1
Kennst du die Blassen im Haideland,
2
Mit blonden flächsenen Haaren?
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Mit Augen so klar wie an Weihers Rand
4
Die Blitze der Welle fahren?
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O sprich ein Gebet, inbrünstig, ächt,
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Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.

7
So klar die Lüfte, am Aether rein
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Träumt nicht die zarteste Flocke,
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Der Vollmond lagert den blauen Schein
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Auf des schlafenden Freiherrn Locke,
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Hernieder bohrend in kalter Kraft
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Die Vampyrzunge, des Strahles Schaft.

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Der Schläfer stöhnt, ein Traum voll Noth
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Scheint seine Sinne zu quälen,
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Es zuckt die Wimper, ein leises Roth
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Will über die Wange sich stehlen;
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Schau, wie er woget und rudert und fährt,
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Wie Einer so gegen den Strom sich wehrt.

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Nun zuckt er auf — ob ihn geträumt,
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Nicht kann er sich dessen entsinnen —
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Ihn fröstelt, fröstelt, ob's drinnen schäumt
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Wie Fluthen zum Strudel rinnen;
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Was ihn geängstet, er weiß es auch:
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Es war des Mondes giftiger Hauch.

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O Fluch der Haide, gleich Ahasver
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Unter'm Nachtgestirne zu kreisen!
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Wenn seiner Strahlen züngelndes Meer
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Aufbohret der Seele Schleusen,
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Und der Prophet, ein verzweifelnd Wild,
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Kämpft gegen das mählig steigende Bild.

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Im Mantel schaudernd mißt das Parquet
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Der Freiherr die Läng' und Breite,
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Und wo am Boden ein Schimmer steht,
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Weitaus er beuget zur Seite,
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Er hat einen Willen und hat eine Kraft,
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Die sollen nicht liegen in Blutes Haft.

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Es will ihn krallen, es saugt ihn an,
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Wo Glanz die Scheiben umgleitet,
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Doch langsam weichend, Spann' um Spann',
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Wie ein wunder Edelhirsch schreitet,
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In immer engerem Kreis gehetzt,
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Des Lagers Pfosten ergreift er zuletzt.

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Da steht er keuchend, sinnt und sinnt,
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Die müde Seele zu laben,
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Denkt an sein liebes einziges Kind,
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Seinen zarten, schwächlichen Knaben,
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Ob dessen Leben des Vaters Gebet
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Wie eine zitternde Flamme steht.

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Hat er des Kleinen Stammbaum doch
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Gestellt an des Lagers Ende,
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Nach dem Abendkusse und Segen noch
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Drüber brünstig zu falten die Hände;
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Im Monde flimmernd das Pergament
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Zeigt Schild an Schilder, schier ohne End'.

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Rechtsab des eigenen Blutes Gezweig,
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Die alten freiherrlichen Wappen,
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Drei Rosen im Silberfelde bleich,
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Zwei Wölfe schildhaltende Knappen,
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Wo Ros' an Rose sich breitet und blüht,
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Wie über'm Fürsten der Baldachin glüht.

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Und links der milden Mutter Geschlecht,
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Der Frommen in Grabeszellen,
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Wo Pfeil' an Pfeile, wie im Gefecht,
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Durch blaue Lüfte sich schnellen.
65
Der Freiherr seufzt, die Stirn gesenkt,
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Und — steht am Fenster, bevor er's denkt.

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Gefangen! gefangen im kalten Stral!
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In dem Nebelnetze gefangen!
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Und fest gedrückt an der Scheib' Oval,
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Wie Tropfen am Glase hangen,
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Verfallen sein klares Nixenaug',
72
Der Haidequal in des Mondes Hauch.

73
Welch ein Gewimmel! — er muß es sehn,
74
Ein Gemurmel! — er muß es hören,
75
Wie eine Säule, so muß er stehn,
76
Kann sich nicht regen noch kehren.
77
Es summt im Hofe ein dunkler Hauf,
78
Und einzelne Laute dringen hinauf.

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Hei! eine Fackel! sie tanzt umher,
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Sich neigend, steigend in Bogen,
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Und nickend, zündend, ein Flammenheer
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Hat den weiten Estrich umzogen.
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All' schwarze Gestalten im Trauerflor
84
Die Fackeln schwingen und halten empor.

85
Und Alle gereihet am Mauerrand,
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Der Freiherr kennet sie Alle;
87
Der hat ihm so oft die Büchse gespannt,
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Der pflegte die Ross' im Stalle,
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Und der so lustig die Flasche leert,
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Den hat er siebenzehn Jahre genährt.

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Nun auch der würdige Kastellan,
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Die breite Pleureuse am Hute,
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Den sieht er langsam, schlurfend nahn,
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Wie eine gebrochene Ruthe;
95
Noch deckt das Pflaster die dürre Hand,
96
Versengt erst gestern an Heerdes Brand.

97
Ha, nun das Roß! aus des Stalles Thür,
98
In schwarzem Behang und Flore;
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O, ist's Achill, das getreue Thier?
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Oder ist's seines Knaben Medore?
101
Er starret, starrt und sieht nun auch,
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Wie es hinkt, vernagelt nach altem Brauch.

103
Entlang der Mauer das Musikchor,
104
In Krepp gehüllt die Posaunen,
105
Haucht prüfend leise Cadenzen hervor,
106
Wie träumende Winde raunen;
107
Dann Alles still. O Angst! o Qual!
108
Es tritt der Sarg aus des Schlosses Portal.

109
Wie prahlen die Wappen, farbig grell
110
Am schwarzen Sammet der Decke.
111
Ha! Ros' an Rose, der Todesquell
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Hat gespritzet blutige Flecke!
113
Der Freiherr klammert das Gitter an:
114
„die andre Seite!“ stöhnet er dann.

115
Da langsam wenden die Träger, blank
116
Mit dem Monde die Schilder kosen.
117
„o, — seufzt der Freiherr — Gott sey Dank!
118
Kein Pfeil, kein Pfeil, nur Rosen!“
119
Dann hat er die Lampe still entfacht,
120
Und schreibt sein Testament in der Nacht.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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