Die Stiftung Cappenbergs

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Stiftung Cappenbergs (1844)

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Der Mond mit seinem blassen Finger
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Langt leise durch den Mauerspalt,
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Und koset, streifend längs dem Zwinger,
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Norbertus' Stirne feucht und kalt.
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Der lehnt an bröckelndem Gestein,
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Salpeterflocken seine Daunen,
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An seinem Ohre Heimchen raunen,
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Und wimmelnd rennt das Tausendbein.

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Und über'm Haupte fühlt er's beben,
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Da geht es hoch, da zecht es frisch,
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In Pulsen schäumend pocht das Leben,
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Die Humpen tanzen auf dem Tisch.
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Der Graf von Arnsberg giebt ein Fest,
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Dem Schwiegersohn der graue Schwäher;
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So mehr er trinkt so wird er zäher,
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So wirrer steht sein Lockennest.

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Gern hat sein Kind er dem Dynasten,
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Dem reichen Cappenberg vertraut,
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Nun trägt sein Anker Doppellasten!
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Und seinen Feinden hat's gegraut.
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Da kömmt auf seinem Eselein
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Norbert, und macht den Sohn zum Pfaffen;
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Allein er wußte Rath zu schaffen,
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Er pferchte den Apostel ein.

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Wie, keine Enkel soll er wiegen?
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Soll in des Eidams Hora gehn,
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Und sehn sein Kind am Boden liegen
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Und Paternosterkugeln drehn?
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Nein, heute ist der Tag wo muß,
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Wo wird die Sache sich erled'gen,
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Und sollt' er mit dem Schwerte pred'gen,
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Ein umgekehrter Carolus.

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Und „Gottfried“, spricht er, „Junge, Ritter,
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So sieh doch einmal in die Höh!
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Du schaust ja in den Wein so bitter
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Wie Requiem und Kyrie.
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Was spinnst du an dem alten Werg?
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Laß die Kaputze grauen Sündern,
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Und deine Burg die laß den Kindern,
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Dein schönes festes Cappenberg!“

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Und drunten in dem feuchten Thurme
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Der Heil'ge flüstert: „Großer Gott,
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Allgegenwärt'ger du im Wurme
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Als in der Krone blankem Spott,
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Wie größer deine Allmacht zeigt
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Sein Füßchen, das lebendig zittert,
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Als eine Mauer die verwittert,
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Und ob ein Babel drüber steigt!“

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„ja“ spricht der Graf, den Humpen schwenkend:
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„wär Norbert hier, dein Eselmann,
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Ich ließ ihm füllen, dein gedenkend,
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Und trinken möcht er was er kann;
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Doch da ihm Pech und Schwefel glüht,
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Was andern Schächern mild und süße,
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So bleibt er besser im Verließe,
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Ein wohlkasteiter Eremit.“

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Und drunten spricht's mit mildem Tone:
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„du der, des Himmels höchste Zier,
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Gezogen bist zur Dornenkrone
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Auf einem still demüth'gen Thier,
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Du, der des Mondes Lieblichkeit
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In meinen Kerker ließest rinnen,
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Gezähmt mir die vertrauten Spinnen,
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Du, Milder, seyst gebenedeit!“

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Und Gottfried, kämpfend mit den Thränen,
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Ergreift den Humpen, noch gefüllt,
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Vor seinem Ohr ein leises Stöhnen,
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Vor seinem Aug' ein bleiches Bild.
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O, dringen möcht er durch den Stein,
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Wo seine sünd'gen Füße stehen,
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O, einmal, einmal möcht' er sehen
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Durch Lichterglanz den Heil'genschein!

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„ha!“ zürnt der Graf, „was ließ ich schenken
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Dir meinen allerbesten Wein!
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Eh möcht' ich einen Schädel tränken,
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Ja, oder einen Leichenstein.
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Gottfried, Gottfried, ich schwör es dir,
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So wahr ich Friedrich“ — seht ihn stocken,
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Vor seinem Auge schwimmen Flocken,
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Er hebt sich auf, er schwankt zur Thür,

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Und plötzlich auf den Estrich nieder
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Taumelt er wie ein wundes Roß,
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Es zucken, strecken sich die Glieder.
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Welch' ein Getümmel in dem Schloß!
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„krank“ dieser, „todt“ spricht jener Mund,
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Ja wahrlich, das ist Todes Miene,
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Und eine mächtige Ruine
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Liegt Friedrich auf dem eignen Grund.

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Die Humpen sind in Hast zertrümmert,
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Burgunderblut fließt über'n Stein,
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Die Lampen mählig sind verkümmert,
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Wie Erdenlust sie qualmten ein.
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Doch drüben, in des Klosters Hut,
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Entflammte man die ew'ge Leuchte,
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Und knieend alles Volk sich beugte
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Dem reinen Wein, der Christi Blut.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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