Das Fegefeuer des westphälischen Adels

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Annette von Droste-Hülshoff: Das Fegefeuer des westphälischen Adels (1844)

1
Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,
2
Und nicht, wo der gräuliche Höllenschlund,
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Ob auch die Wolke zittert im Licht,
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Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund;
5
Doch wo die westphälischen Edeln müssen
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Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,
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Das wissen wir alle, das ward uns kund.

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Grau war die Nacht, nicht öde und schwer,
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Ein Aschenschleier hing in der Luft;
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Der Wanderbursche schritt flink einher,
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Mit Wollust saugend den Heimatduft;
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O bald, bald wird er schauen sein Eigen,
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Schon sieht am Lutterberge er steigen
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Sich leise schattend die schwarze Kluft.

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Er richtet sich, wie Trompetenstoß
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Ein Hollah ho! seiner Brust entsteigt —
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Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,
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An seiner Schulter es rasselt, keucht,
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Ein Rappe — grünliche Funken irren
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Ueber die Flanken, die knistern und knirren,
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Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

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„jesus Maria!“ — er setzt seitab,
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Da langt vom Sattel es überzwerg —
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Ein eherner Griff, und in wüstem Trab
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Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!
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An seinem Ohre hört er es raunen
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Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,
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So an ihm raunt der gespenstige Scherg':

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„johannes Deweth! ich kenne dich!
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Johann! du bist uns verfallen heut!
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Bei deinem Heile, nicht lach' noch sprich,
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Und rühre nicht an was man dir beut;
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Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,
34
Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,
35
Als Christus in froner Nacht es geweiht!“ —

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Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,
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Da seine Sinne der Bursche verlor,
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Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht
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Vom Estrich einer Halle empor;
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Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,
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Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel,
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Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

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Er reibt die Augen, er schwankt voran,
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An hundert Tischen, die Halle entlang,
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All edle Geschlechter, so Mann an Mann;
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Es rühren die Gläser sich sonder Klang,
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Es regen die Messer sich sonder Klirren,
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Wechselnde Reden summen und schwirren,
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Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

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Ob jedem Haupte des Wappens Glast,
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Das langsam schwellende Tropfen speit,
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Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast,
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Und drängt sich einen Moment zur Seit';
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Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,
55
Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,
56
Und wirrer summet das Glockengeläut.

57
Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht,
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Nicht möchte der gleißenden Wand er trau'n,
59
Noch wäre der glimmernde Sitz ihm recht,
60
Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Brau'n.
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Da muß, o Himmel, wer sollt' es denken!
62
Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,
63
Den alten stattlichen Ritter er schaun.

64
„mein Heiland, mach' ihn der Sünden baar!“
65
Der Jüngling seufzet in schwerem Leid;
66
Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr;
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Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut!
68
Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,
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Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,
70
Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

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O manche Gestalt noch dämmert ihm auf,
72
Dort sitzt sein Pathe, der Metternich,
73
Und eben durch den wimmelnden Hauf
74
Johann von Spiegel, der Schenke, strich;
75
Prälaten auch, je viere und viere,
76
Sie blättern und rispeln im grauen Breviere,
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Und zuckend krümmen die Finger sich.

78
Und unten im Saale, da knöcheln frisch
79
Schaumburger Grafen um Leut' und Land,
80
Graf Simon schüttelt den Becher risch,
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Und reibt mitunter die knisternde Hand;
82
Ein Knappe nahet, er surret leise —
83
Ha, welches Gesummse im weiten Kreise,
84
Wie hundert Schwärme an Klippenrand!

85
„geschwind den Sessel, den Humpen werth,
86
Den schleichenden Wolf* geschwinde herbei!“
87
Horch, wie es draußen rasselt und fährt!
88
Baarhaupt stehet die Massoney,
89
Hundert Lanzen drängen nach binnen,
90
Hundert Lanzen und mitten darinnen
91
Der Asseburger, der blutige Weih!

92
Und als ihm alles entgegen zieht,
93
Da spricht Johannes ein Stoßgebet:
94
Dann risch hinein! sein Ermel sprüht,
95
Ein Funken über die Finger ihm geht.
96
Voran — da „sieben“ schwirren die Lüfte
97
„sieben, sieben, sieben,“ die Klüfte,
98
„in sieben Wochen, Johann Deweth!“

99
Der sinkt auf schwellenden Rasen hin,
100
Und schüttelt gegen den Mond die Hand,
101
Drei Finger die bröckeln und stäuben hin,
102
Zu Asch' und Knöchelchen abgebrannt.
103
Er rafft sich auf, er rennt, er schießet,
104
Und ach, die Vaterklause begrüßet
105
Ein grauer Mann, von Keinem gekannt‚

106
Der nimmer lächelt, nur des Gebets
107
Mag pflegen drüben im Klosterchor,
108
Denn „sieben, sieben,“ flüstert es stets,
109
Und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr.
110
Und als die siebente Woche verronnen,
111
Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,
112
Gott hebe die arme Seele empor!

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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