Ii

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Annette von Droste-Hülshoff: Ii (1844)

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Und als das Morgengrau
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In die Kemnate sich stahl:
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Da hatte die werthe Frau
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Geseufzt schon manches Mal;

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Manch Mal gerungen die Hand,
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Ganz heimlich wie ein Dieb;
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Roth war ihrer Augen Rand,
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Todtblaß ihr Antlitz lieb.

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Drei Tage kredenzt' sie den Wein,
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Und saß bei'm Mahle drei Tag',
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Drei Nächte in steter Pein
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In der Waldkapelle sie lag.

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Wenn er die Wacht besorgt,
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Der Thorwart sieht sie gehn,
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Im Walde steht und horcht
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Der Wilddieb dem Gestöhn'.

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Am vierten Abend sie saß
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An ihres Herren Seit',
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Sie dreht' die Spindel, er las,
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Dann sahn sie auf, alle beid'.

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„allgund, bleich ist dein Mund!“
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„„Herr, 's macht der Lampe Schein.““
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„deine Augen sind roth, Allgund!“
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„„'S drang Rauch vom Heerde hinein.““

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„„Auch macht mir's schlimmen Muth,
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„„Daß heut vor fünfzehn Jahren
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„„Ich sah meines Vaters Blut;
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„„Gott mag die Seele wahren!““

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„„Lang ruht die Mutter im Dom,
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„„Sind Wen'ge mir verwandt,
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„„Ein' Muhm' noch und ein Ohm:
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„„Sonst ist mir keins bekannt.““

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Starr sah der Graf sie an:
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„es steht dem Weibe fest,
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„daß um den ehlichen Mann
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„sie Ohm und Vater läßt.“

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„„Ja, Herr! so muß es seyn.
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„„Ich gäb' um Euch die zweie,
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„„Und mich noch obendrein,
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„„Wenn's seyn müßt', ohne Reue.““

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„„Doch daß nun dieser Tag
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„„Nicht gleich den andern sey,
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„„Les't, wenn ich bitten mag,
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„„Ein Sprüchlein oder zwei.““

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Und als die Fraue klar
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Darauf das heil'ge Buch
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Bot ihrem Gatten dar,
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Es auf von selber schlug.

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Mit Einem Blicke er maß
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Der nächsten Sprüche einen;
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„mein ist die Rach'“, er las;
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Das will ihm seltsam scheinen.

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Doch wie so fest der Mann
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Auf Frau und Bibel blickt,
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Die saß so still und spann,
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Dort war kein Blatt geknickt.

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Um ihren schönen Leib
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Den Arm er düster schlang:
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„so nimm die Laute, Weib,
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„sing' mir einen lust'gen Sang!“

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„„O Herr! mag's euch behagen,
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„„Ich sing' ein Liedlein werth,
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„„Das erst vor wenig Tagen
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„„Mich ein Minstrel gelehrt.““

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„„Der kam so matt und bleich,
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„„Wollt' nur ein wenig ruh'n,
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„„Und sprach, im oberen Reich
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„„Sing' man nichts Anderes nun.““

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Drauf, wie ein Schrei verhallt,
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Es durch die Kammer klingt,
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Als ihre Finger kalt
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Sie an die Saiten bringt.

73
„johann! Johann! was dachtest du
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„an jenem Tag,
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„als du erschlugst deine eigne Ruh'
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„mit Einem Schlag?
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„verderbtest auch mit dir zugleich
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„deine drei Gesellen;
79
„o, sieh nun ihre Glieder bleich
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„am Monde schwellen!

81
„weh dir, was dachtest du Johann
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„zu jener Stund'?
83
„nun läuft von dir verlornem Mann
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„durch's Reich die Kund'!
85
„ob dich verbergen mag der Wald,
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„dich wird's ereilen;
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„horch nur, die Vögel singen's bald,
88
„die Wölf' es heulen!

89
„o weh! das hast du nicht gedacht,
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„johann! Johann!
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„als du die Rache wahr gemacht
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„am alten Mann.
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„und wehe! nimmer wird der Fluch
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„mit dir begraben,
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„dir, der den Ohm und Herrn erschlug,
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„johann von Schwaben!“

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Aufrecht die Fraue bleich
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Vor ihrem Gatten stand,
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Der nimmt die Laute gleich,
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Er schlägt sie an die Wand.

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Und als der Schall verklang,
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Da hört man noch zuletzt,
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Wie er die Hall' entlang
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Den zorn'gen Fußtritt setzt.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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