Die Stubenburschen

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Stubenburschen (1844)

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Sie waren Beide froh und gut,
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Und mochten ungern scheiden;
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Die Jahre fliehn, es lischt der Muth,
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Der Tag bringt Freud' und Leiden,
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Geschäft will Zeit und Zeit ist schnell,
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So unterblieb das Schreiben,
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Doch öfters sprach Emanuel:
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„was mag der Franzel treiben!“

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Da trat einst Wintermorgens früh
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Ein Mann in seine Stube,
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Seltsam verschabt wie ein Genie,
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Und hager wie Coeur Bube,
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Sah ihn so glau und pfiffig an,
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Und blinzelt vor Behagen:
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„emanuel, du Hampelmann!
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Willst du mir denn nichts sagen?“

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„er ist es!“ rief der Doktor aus,
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Und reicht ihm beide Hände.
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„willkomm, Willkomm! wie siehst du aus?
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Ei, munter und behende.“
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„ha“ rief der Andre, „Sapperment,
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Man sieht, du darfst nicht sorgen!
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Wie roth du bist, wie corpulent!
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Du hast dich wohl geborgen.“

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Drauf saß man zu Kamin und Wein,
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Ließ von der Glut sich rösten,
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Und ätzte sich mit Schmeichelein,
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Den Alternden zu trösten.
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Ein Jeder warf den Hamen hin
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Als wohlgeübter Fischer,
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Und Jeder dachte still: „ich bin
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Gewiß um zehn Jahr frischer.“

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Man schüttelte die Hände derb,
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Dann gieng es an ein Fragen.
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Reich war des Medikus Erwerb,
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Und dennoch mocht' er klagen.
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Er sah den Franz bedenklich an,
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Und dacht', er steck' in Schulden,
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Doch dieser prahlt': er sey ein Mann
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Von „

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Und dann, ein kecker Kämpfer,
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Gerasselt mit der Eisenfahrt,
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Gestrudelt mit dem Dämpfer!
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O wie er die „Stadt Leyden“ pries,
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Und der Kajüte Gleißen!
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Nach seiner Meinung dürfte sie
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„viktoria“ nur heißen.

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Das hat den Medikus gerührt,
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Ihm den bescheidnen Schlucker
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Lebendig vor das Aug' geführt,
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Der Klöße aß wie Zucker.
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Und gar als jener sprach: „denkst du
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Noch an die halbe Flasche?“
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Der Doktor kniff die Augen zu,
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Und klimpert' in der Tasche.

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Dann gieng es weiter: „denkst du dort?
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Und denkst du dies? und Jenes?“
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Die Bilder wogten lustig fort,
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Viel Herzliches und Schönes.
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Wie Abendroth zog in's Gemach
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Ein frischer Jugendodem,
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Und überhauchte nach und nach
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Der Pillenschachteln Brodem.

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Am nächsten Morgen hat man kaum
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Den Doktor mögen kennen,
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Man sah ihn lächeln wie im Traum
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Und seine Wangen brennen;
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Im heiligen Studiercloset
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Hört' man die Gläser klingen,
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Und ein mistöniges Duett
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Aus Uhukehlen dringen.

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Nicht litt am Blute mehr der Mann,
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Am Podagra und Grieße;
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Sah er den dürren Franzel an,
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So schien er sich ein Riese;
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Hat er den Franzel angesehn
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Mit seinem Gulden täglich,
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So mußt er selber sich gestehn,
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Es geh' ihm ganz erträglich.

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Doch als der dritte Tag entschwand,
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Da sah man auch die Beiden
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Betrübten Auges stehn am Strand,
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Und wieder hieß es — Scheiden. —
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„leb' wohl, Emanuel, leb' wohl!“ —
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— „Leb' wohl, du alte Seele!“
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Und die „Stadt Leyden“ rauschte hohl
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Durch Dunst und Wogenschwehle.

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Drei Monde hat das Jahr gebracht,
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Seit Franzel ist geschieden,
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Mit ihm des Hypochonders Macht;
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Der Dokter lebt in Frieden.
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Und will der Dämon hier und dort
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Sich schleichend offenbaren,
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So geht er an des Rheines Bord
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Und sieht „Stadt Leyden“ fahren.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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