Die beschränkte Frau

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Annette von Droste-Hülshoff: Die beschränkte Frau (1844)

1
Ein Krämer hatte eine Frau,
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Die war ihm schier zu sanft und milde,
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Ihr Haar zu licht, ihr Aug' zu blau,
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Zu gleich ihr Blick dem Mondenschilde;
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Wenn er sie sah so still und sacht
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Im Hause gleiten wie ein Schemen,
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Dann faßt es ihn wie böse Macht,
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Er mußte sich zusammen nehmen.

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Vor Allem macht ihm Ueberdruß
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Ein Wort, das sie an Alles knüpfte,
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Das freilich in der Rede Fluß
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Gedankenlos dem Mund entschlüpfte:
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„in Gottes Namen“, sprach sie dann,
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Wenn schwere Prüfungsstunden kamen,
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Und wenn zu Weine ging ihr Mann,
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Dann sprach sie auch: „in Gottes Namen.“

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Das schien ihm lächerlich und dumm,
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Mitunter frevelhaft vermessen;
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Oft schalt er und sie weinte drum,
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Und hat es immer doch vergessen.
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Gewöhnung war es früher Zeit
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Und klösterlich verlebter Jugend;
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So war es keine Sündlichkeit
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Und war auch eben keine Tugend.

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Ein Sprichwort sagt: wem gar nichts fehlt,
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Den ärgert an der Wand die Fliege;
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So hat dies Wort ihn mehr gequält,
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Als Andre Hinterlist und Lüge.
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Und sprach sie sanft: „es paßte schlecht!“
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Durch Demuth seinen Groll zu zähmen,
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So schwur er, übel oder recht,
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Werd' es ihn ärgern und beschämen.

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Ein Blüthenhaag war seine Lust.
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Einst sah die Frau ihn sinnend stehen,
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Und ganz versunken, unbewußt,
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So Zweig an Zweig vom Strauche drehen;
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„in Gottes Namen!“ rief sie, „Mann,
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„du ruinirst den ganzen Hagen!“
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Der Gatte sah sie grimmig an,
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Fürwahr, fast hätt' er sie geschlagen.

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Doch wer da Unglück sucht und Reu,
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Dem werden sie entgegen eilen,
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Der Handel ist ein zart Gebäu,
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Und ruht gar sehr auf fremden Säulen.
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Ein Freund fallirt, ein Schuldner flieht,
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Ein Gläub'ger will sich nicht gedulden,
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Und eh ein halbes Jahr verzieht
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Weiß unser Krämer sich in Schulden.

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Die Gattin hat ihn oft gesehn
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Gedankenvoll im Sande waten,
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Am Contobuche seufzend stehn,
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Und hat ihn endlich auch errathen;
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Sie öffnet heimlich ihren Schrein,
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Langt aus verborgner Fächer Grube,
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Dann, leise wie der Mondenschein,
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Schlüpft sie in ihres Mannes Stube.

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Der saß, die schwere Stirn gestützt,
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Und rauchte fort am kalten Rohre:
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„carl!“ drang ein scheues Flüstern itzt,
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Und wieder „Carl!“ zu seinem Ohre;
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Sie stand vor ihm, wie Blut so roth,
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Als gält' es eine Schuld gestehen.
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„carl“ sprach sie, „wenn uns Unheil droht,
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Ist's denn unmöglich, ihm entgehen?“

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Drauf reicht sie aus der Schürze dar
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Ein Säckchen, stramm und schwer zu tragen,
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Drinn Alles was sie achtzehn Jahr
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Erspart am eigenen Behagen.
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Er sah sie an mit raschem Blick,
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Und zählte, zählte nun auf's Neue,
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Dann sprach er seufzend: „mein Geschick
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Ist zu verwirrt, — dies langt wie Spreue!“

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Sie bot ein Blatt, und wandt' sich um,
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Erzitternd, glüh gleich der Granate;
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Es war ihr kleines Eigenthum,
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Das Erbtheil einer frommen Pathe.
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„nein“ sprach der Mann, „das soll nicht seyn!“
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Und klopfte freundlich ihre Wangen.
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Dann warf er einen Blick hinein
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Und sagte dumpf: „schier möcht' es langen.“

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Nun nahm sie, aus der Schürze Grund,
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All ihre armen Herrlichkeiten,
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Theelöffelchen, Dukaten rund,
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Was ihr geschenkt von Kindeszeiten.
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Sie gab es mit so freud'gem Zug!
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Doch war's als ob ihr Mund sich regte,
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Als sie zuletzt auf's Contobuch
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Der sel'gen Mutter Trauring legte.

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„fast langt es“, sprach gerührt der Mann,
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„und dennoch kann es schmählich enden;
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Willst du dein Leben dann fortan,
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Geplündert, fristen mit den Händen?“
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Sie sah ihn an, — nur Liebe weiß
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An liebem Blicke so zu hangen —
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„in Gottes Namen!“ sprach sie leis,
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Und weinend hielt er sie umfangen.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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