Der Theetisch

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Theetisch (1844)

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Läugnen willst du Zaubertränke,
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Lachst mir höhnisch in die Zähne,
3
Wenn Isoldens ich gedenke,
4
Wenn Gudrunens ich erwähne?

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Und was deine kluge Amme
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In der Dämmrung dir vertraute,
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Von Schneewittchen und der Flamme,
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Die den Hexenschwaden braute;

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Alles will dir nicht genügen,
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Ueberweiser Mückensieber?
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Nun, so laß die Feder liegen,
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Schieb dich in den Cirkel, Lieber,

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Wo des zopfigen Chinesen
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Trank im Silberkessel zischet,
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Sein Aroma auserlesen
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Mit des Patschul's Düften mischet;

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Wo ein schöner Geist, den Bogen
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Feingefältelt in der Tasche,
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Lauscht wie in den Redewogen
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Er das Steuer sich erhasche;

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Wo in zarten Händen hörbar
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Blanke Nadelstäbe knittern,
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Und die Herren stramm und ehrbar
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Breiten ihrer Weisheit Flittern.

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Alles scheint dir noch gewöhnlich,
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Von der Sohle bis zum Scheitel,
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Und du rufst, dem Weisen ähnlich:
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„alles unter'm Mond ist eitel!“

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Dir genüber und zur Seite
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Hier Christinos, dort Carlisten,
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Lauter ordinäre Leute,
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Deutsche Michel, gute Christen!

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Aber sieh die weißen schmalen
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Finger sich zum Griff bereiten,
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Und die dampfumhüllten Schalen
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Zierlich an die Lippen gleiten:

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Noch Minuten — und die Stube
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Ist zum Kiosk umgestaltet,
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Wo der thränenreiche Bube,
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Der Chinese zaubernd waltet;

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Von der rosenfarbnen Rolle
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Liest er seine Zauberreime,
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Verse, zart wie Seidenwolle,
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Süß wie Jungfernhonigseime;

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„ting, tang, tong“ — das steigt und sinket,
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Welch Gesäusel, welches Zischen!
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Wie ein irres Hündlein hinket
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Noch ein deutsches Wort dazwischen.

49
Und die süßen Damen lächeln,
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Leise schaukelnde Pagoden;
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Wie sie nicken, wie sie fächeln,
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Wie der Knäuel hüpft am Boden!

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Aber, weh, nun wird's gefährlich,
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„tschi, tsi, tsung.“ — Die Töne schneiden,
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Schnell hinweg die Messer! schwerlich
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Uebersteht er solche Leiden;

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Denn er schaukelt und er dehnet
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Ob der Zauberschale Rauche;
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Weh, ich fürcht' am Boden stöhnet
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Bald er mit geschlitztem Bauche!

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Und die eingeschreckten Frauen
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Sitzen stumm und abgetakelt,
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Nur das schwanke Haupt vor Grauen
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Noch im Pendelschwunge wackelt;

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Tiefe Stille im Gemache —
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Thrän' im Auge — Kummermiene, —
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Und wie Glöckchen an dem Dache
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Spielt die siedende Maschine;

69
Alle die gesenkten Köpfe
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Blinzelnd nach des Tisches Mitten,
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Wo die Brezel stehn, wie Zöpfe
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In Verzweiflung abgeschnitten;

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Suche sacht nach deinem Hute,
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Freund, entschleiche unterm Lesen,
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Sonst, ich schwör's bei meinem Blute,
76
Zaubern sie dich zum Chinesen,

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Löst sich deines Frackes Wedel,
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Unwillkührlich mußt du zischen,
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Und von deinem weißen Schädel
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Fühlst du Haar um Haar entwischen,

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Bis dir blieb nur Eine Locke
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Von des dunklen Wulstes Drängen,
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Dich damit, lebend'ge Glocke,
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An dem Kiosk aufzuhängen.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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