Dichters Naturgefühl

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Annette von Droste-Hülshoff: Dichters Naturgefühl (1844)

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Es war an einem jener Tage,
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Wo Lenz und Winter sind im Streit,
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Wo naß das Veilchen klebt am Haage,
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Kurz, um die erste Maienzeit;
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Ich suchte keuchend mir den Weg
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Durch sumpfge Wiesen, dürre Raine,
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Wo matt die Kröte hockt' am Steine,
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Die Eidechs schlüpfte über'n Steg.

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Durch hundert kleine Wassertruhen,
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Die wie verkühlter Spüligt stehn,
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Zu stelzen mit den Gummischuhen,
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Bei Gott, heißt das Spazierengehn?
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Natur, wer auf dem Haberrohr
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In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen
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So manches Loblied dir geblasen,
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Dem stell dich auch manierlich vor!

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Da ließ zurück den Schleier wehen
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Die eitle vielbesungne Frau,
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Als fürchte sie des Dichters Schmähen;
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Im Sonnenlichte stand die Au,
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Und bei dem ersten linden Stral
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Stieg eine Lerche aus den Schollen,
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Und ließ ihr Tirilirum rollen
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Recht wacker durch den Aethersaal.

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Die Quellchen, glitzernd wie Kristallen,
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Die Zweige, glänzend emaillirt —
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Das kann dem Kenner schon gefallen,
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Ich nickte lächelnd: „es passirt!“
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Und stapfte fort in eine Schluft,
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Es war ein still und sonnig Fleckchen,
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Wo tausend Anemonenglöckchen
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Umgaukelten des Veilchens Duft.

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Das üpp'ge Moos — der Lerchen Lieder —
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Der Blumen Flor — des Krautes Keim —
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Auf meinen Mantel saß ich nieder
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Und sann auf einen Frühlingsreim.
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Da — alle Musen, welch ein Ton! —
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Da kam den Rain entlang gesungen
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So eine Art von dummen Jungen,
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Der Friedrich, meines Schreibers Sohn.

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Den Epheukranz im flächsnen Haare,
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In seiner Hand den Veilchenstrauß,
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So trug er seine achtzehn Jahre
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Romantisch in den Lenz hinaus.
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Nun schlüpft er durch des Hagens Loch,
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Nun hing er an den Dornenzwecken
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Wie Abrams Widder in den Hecken,
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Und in den Dornen pfiff er noch.

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Bald hatt' er beugend, gleitend, springend,
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Den Blumenanger abgegrast,
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Und rief nun, seine Mähnen schwingend:
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„viktoria, Trompeten blast!“
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Dann flüstert er mit süßem Hall:
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„o, wären es die schwed'schen Hörner!“
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Und dann begann ein Lied von Körner;
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Fürwahr du bist 'ne Nachtigall!

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Ich sah ihn, wie er an dem Walle
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Im feuchten Moose niedersaß,
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Und nun die Veilchen, Glöckchen alle
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Mit sel'gem Blick zu Sträußen las,
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Auf seiner Stirn den Sonnenstral;
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Mich faßt' ein heimlich Unbehagen,
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Warum? ich weiß es nicht zu sagen,
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Der fade Bursch war mir fatal.

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Noch war ich von dem blinden Hessen
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Auf meinem Mantel nicht gesehn,
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Und so begann ich zu ermessen,
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Wie übel ihm von Gott geschehn;
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O Himmel, welch' ein traurig Loos,
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Das Schicksal eines dummen Jungen,
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Der zum Copisten sich geschwungen
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Und auf den Schreiber steuert los!

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Der in den kargen Feierstunden
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Romane von der Zofe borgt,
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Beklagt des Löwenritters Wunden
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Und seufzend um den Posa sorgt,
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Der seine Zelle, kalt und klein,
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Schmückt mit Aladdins Zaubergabe,
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Und an dem Quell, wie Schillers Knabe,
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Violen schlingt in Kränzelein!

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In dessen wirbelndem Gehirne
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Das Leben spuckt gleich einer Fey,
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Der — hastig fuhr ich an die Stirne:
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„wie, eine Mücke schon im Mai?“
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Und trabte zu der Schlucht hinaus,
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Hohl hustend, mit beklemmter Lunge,
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Und drinnen blieb der dumme Junge,
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Und pfiff zu seinem Veilchenstrauß!

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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