Neujahrsnacht

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Annette von Droste-Hülshoff: Neujahrsnacht (1844)

1
Im grauen Schneegestöber blassen
2
Die Formen, es zerfließt der Raum,
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Laternen schwimmen durch die Gassen,
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Und leise knistert es im Flaum;
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Schon naht des Jahres letzte Stunde,
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Und drüben, wo der matte Schein
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Haucht aus den Fenstern der Rotunde,
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Dort ziehn die frommen Beter ein.

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Wie zu dem Richter der Bedrängte,
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Ob dessen Haupt die Wage neigt,
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Noch einmal schleicht eh der verhängte,
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Der schwere Tag im Osten steigt,
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Noch einmal faltet seine Hände
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Um milden Spruch, so knien sie dort,
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Still gläubig, daß ihr Flehen wende
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Des Jahres ernstes Losungswort.

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Ich sehe unter meinem Fenster
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Sie gleiten durch den Nebelrauch,
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Verhüllt und lautlos wie Gespenster,
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Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;
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Ein blasser Kreis zu ihren Füßen
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Zieht über den verschneiten Grund,
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Lichtfunken blitzen auf und schießen
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Um der Laterne dunstig Rund.

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Was mögen sie im Herzen tragen,
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Wie manche Hoffnung, still bewacht!
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Wie mag es unterm Vließe schlagen
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So heiß in dieser kalten Nacht!
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Fort keuchen sie, als möge fallen
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Der Hammer, eh sie sich gebeugt,
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Bevor sie an des Thrones Hallen
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Die letzte Bittschrift eingereicht.

33
Dort hör ich eine Angel rauschen,
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Vernehmlich wird des Kindes Schreyn,
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Und die Gestalt — sie scheint zu lauschen,
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Dann fürder schwimmt der Lampe Schein;
37
Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer
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Verzittern an des Fensters Rand,
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Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer,
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Und einer Mutter fromme Hand!

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Nun stampft es rüstig durch die Gasse,
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Die Decke kracht vom schweren Tritt,
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Der Krämer schleppt die Sündenmasse
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Der bösen Zahler keuchend mit;
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Und hinter ihm wie eine Docke
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Ein armes Kind im Flitterstaat,
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Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke,
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Huscht frierend durch den engen Pfad.

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Ha, Schellenklingeln längs der Stiege!
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Glutaugen richtend in die Höh',
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'ne kolossale Feuerfliege,
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Rauscht die Karosse durch den Schnee;
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Und Dämpfe qualmen auf und schlagen
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Zurück vom Wirbel des Gespanns;
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Ja, schwere Bürde trägt der Wagen,
56
Die Wünsche eines reichen Manns!

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Und hinter ihm ein Licht so schwankend,
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Der Träger tritt so sachte auf,
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Nun lehnt er an der Mauer, wankend,
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Sein hohler Husten schallt hinauf;
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Er öffnet der Laterne Reifen,
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Es zupfen Finger lang und fahl
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Am Dochte, Odemzüge pfeifen, —
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Du, Armer, kniest zum letztenmal.

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Dann Licht an Lichtern längs der Mauer,
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Wie Meteore irr geschaart,
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Ein krankes Weib, in tiefer Trauer,
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Husaren mit bereiftem Bart,
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In Filz und Kittel stämmge Bauern,
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Den Rosenkranz in starrer Faust,
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Und Mädchen die wie Falken lauern,
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Von Mantels Fittigen umsaust.

73
Wie oft hab' ich als Kind im Spiele
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Gelauscht den Funken im Papier,
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Der Sternchen zitterndem Gewühle,
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Und: „Kirchengänger!“ sagten wir;
77
So seh' ichs wimmeln um die Wette
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Und löschen, wo der Pfad sich eint,
79
Nachzügler noch, dann grau die Stätte,
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Nur einsam die Rotunde scheint.

81
Und mählig schwellen Orgelklänge
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Wie Heroldsrufe an mein Ohr:
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Knie nieder, Lässiger, und dränge
84
Auch deines Herzens Wunsch hervor!
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„du, dem Jahrtausende verrollen
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Secundengleich, erhalte mir
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Ein muthig Herz, ein redlich Wollen,
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Und Fassung an des Grabes Thür.“

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Da, horch! — es summt durch Wind und Schlossen,
90
Gott gnade uns, hin ist das Jahr!
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Im Schneegestäub' wie Schnee zerflossen,
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Zukünftiges wird offenbar;
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Von allen Thürmen um die Wette
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Der Hämmer Schläge, daß es schallt,
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Und mit dem letzten ist die Stätte
96
Gelichtet für den neuen Wald.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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