Das Liebhabertheater

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Annette von Droste-Hülshoff: Das Liebhabertheater (1844)

1
Meinst du, wir hätten jetzt Decemberschnee?
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Noch eben stand ich vor dem schönsten Hain,
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So grün und kräftig sah ich keinen je.
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Die Windsbraut fuhr, der Donner knallte drein,
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Und seine Zweige trotzten wie gegossen,
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Gleich an des Parkes Thor ein Häuschen stand,
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Mit Kränzen war geschmückt die schlichte Wand,
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Die haben nicht gezittert vor den Schlossen,
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Das nenn' ich Kränze doch und einen Hain:

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Und denkst du wohl, wir hätten finstre Nacht?
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Des Morgens Gluten wallten eben noch,
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Nothglühend, wie des Lavastromes Macht
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Hernieder knistert von Vesuves Joch;
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Nie sah so prächtig man Auroren ziehen!
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An unsre Augen schlugen wir die Hand,
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Und dachten schier, der Felsen steh' in Brand,
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Die Hirten sahn wir wie Dämone glühen;
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Das nenn' ich einen Sonnenaufgang doch!

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Und sprichst du unsres Landes Nymphen Hohn?
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Noch eben schlüpfte durch des Forstes Hau
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Ein Mädchen, voll und sinnig wie der Mohn,
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Gewiß, sie war die allerschönste Frau!
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Ihr weißes Händchen hielt den blanken Spaten,
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Der kleine Fuß, in Zwickelstrumpf und Schuh,
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Hob sich so schwebend, trat so zierlich zu,
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Und hör', ich will es dir nur gleich verrathen,
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Der schönen Clara glich sie ganz genau.

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Und sagst du, diese habe mein gelacht?
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O hättest du sie heute nur gesehn,
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Wie schlau sie meine Blicke hat bewacht,
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Wie zärtlich konnte ihre Augen drehn,
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Und welche süße Worte ihr entquollen!
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Recht wo ich stand, dorthin hat sie geweint:
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„mein theures Herz, mein Leben, einz'ger Freund!“
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Das schien ihr von den Lippen nur zu rollen.
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War das nicht richtig angebracht, und schön?

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Doch Eins nur, Eines noch verhehlt' ich dir,
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Und fürchte sehr, es trage wenig ein;
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Der Wald war brettern und der Kranz Papier,
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Das Morgenroth Bengalens Feuerschein,
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Und als sie ließ so süße Worte wandern,
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Ach, ob sie gleich dabei mich angeblickt,
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Der dicht an das Orchester war gerückt,
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Doch fürcht' ich fast, sie galten einem Andern!
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Was meinst du, sollte das wohl möglich seyn?

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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